Waiblingen

Komasaufen: So jung und schon so betrunken

Jugend Alkohol Polizeikontrolle
Symbolbild. © Nicole Heidrich

Waiblingen. Sie lag sturzbesoffen und hilflos im Wald: Eine 18-Jährige hat es am 1. Mai deutlich übertrieben. Ein Mädchen, grade mal 14 Jahre alt, musste nach derselben Party in Winnenden ebenfalls ins Krankenhaus. Die Diagnose: Alkoholvergiftung. Trotz alledem scheint Komasaufen unter Jugendlichen heute weniger weit verbreitet zu sein als noch vor ein paar Jahren.

„Zahlreiche Jugendliche waren erheblich betrunken“, heißt es lapidar im Polizeibericht zu einem Trinkgelage am Grillplatz Schelmenholz. Am 1. Mai gibt sich, wer mag, die Kante – das war schon immer so. Der Zeigefinger richtet sich hernach gern auf die Jungen, doch Erwachsene wissen auch, wie man Flaschen öffnet.

Bei Festen frönen eher die Erwachsenen dem Alkohol, glaubt Dorothea Aschke, die Leiterin der Caritas-Suchthilfe Ludwigsburg-Waiblingen-Enz: „Ganz entscheidend ist deren Vorbild“, betonte sie jüngst beim Pressegespräch anlässlich der Aktionswoche Alkohol, die am 13. Mai beginnt.

Ein wachsendes Problem sieht Dorothea Aschke bei einer ganz anderen Bevölkerungsgruppe, den Senioren: Zu hoher Alkoholkonsum in Kombination mit Medikamenten könne früh zu Pflegebedürftigkeit führen.

„Jede Clique hat jemanden, der 18 ist“

Ältere liegen aber offenbar nicht schwerstbetrunken im Wald, zumindest erfährt die Öffentlichkeit davon nichts. Jugendliche dürften sich schwerer als Erfahrene damit tun, auf ihr Limit zu achten. Dass sie selbst keinen harten Alkohol kaufen dürfen, spielt in der Praxis wohl keine allzu große Rolle: „Jede Clique hat jemanden, der 18 ist“, so Dr. Matthias Wilke beim Pressegespräch. Er leitet beim Kreisdiakonieverband die Suchtkranken-Beratungsstellen in Waiblingen und Schorndorf.

Unter 18-Jährige schaffen es auch ohne volljährige Bekannte zwar nicht immer, aber oft, an harten Alkohol zu kommen. Nach großangelegten Jugendschutzkontrollen im Rems-Murr-Kreis resümierte die Polizei im September: Fast in jedem zweiten Betrieb gab es Beanstandungen. Im Zuge einer Testkaufaktion kontrollierte die Polizei seinerzeit 170 Betriebe in Fellbach und Kernen, darunter Einzelhändler, Gaststätten, Tankstellen, Supermärkte und Spielhallen. Als einen der häufigsten Verstöße nennt die Polizei, dass Verkäufer von Alkohol, Tabakwaren oder altersbeschränkten Medien weder nach dem Alter gefragt noch einen Ausweis verlangt hatten. Da und dort wär’s gut, die Kassen mit einem Taschenrechner auszustatten: In einigen Fällen hätten Kassierer zwar den Ausweis verlangt, „jedoch das Alter nicht richtig berechnet und schließlich die Ware trotzdem verkauft“, teilt die Polizei mit.

Zwischen Alkohol und Gewalttaten besteht ein Zusammenhang

Entscheidend ist, wie’s nach dem Kauf weitergeht. Alkohol enthemmt, und zwischen Alkoholkonsum und Gewalttaten besteht ein Zusammenhang. Eine belastbare Statistik gibt’s dazu nicht, aber einer Einschätzung der Polizei zufolge spielt Alkohol bei so gut wie jeder Schlägerei eine Rolle. In der Jahresstatistik des Polizeipräsidiums Aalen springt unterm Stichwort „Jugendkriminalität“ eine bemerkenswerte Zahl ins Auge: Rund 18 Prozent aller Jungtäter, die sich 2016 eines Rohheitsdelikts schuldig gemacht haben, waren alkoholisiert. „Alkohol wirkt wie ein Gewaltkatalysator“, sagt Polizeisprecher Holger Bienert.

Wer sturzbetrunken im Wald liegt, tut niemand anderem mehr weh. Witzig ist das trotzdem nicht. Die jungen Betroffenen selbst leiden tags drauf vermutlich nicht nur an Kopfweh. Noch während sie an Schläuchen hängen, eilt ein Helfer in die Klinik und will reden: So sieht es das Halt-Projekt vor. „Halt“ bedeutet „Hart am Limit“, und die Helfer wollen ernüchterte Jugendliche samt deren Eltern dazu bewegen, Beratung in Anspruch zu nehmen. Dafür schieben Honorarkräfte an jedem Wochenende Dienst. Im vergangenen Jahr forderten Eltern in 31 Fällen deren Unterstützung an. 13 Betrunkene waren Mädchen. Fünf der Alkoholvergifteten waren erst 14 Jahre alt, alle anderen zwischen 15 und 17.

Alkohol ist für Jugendliche immer riskant

Schwere Alkoholvergiftungen gelten als „schädlicher Konsum“ . „Es gibt keinen gesunden Konsum. Aber es gibt einen risikoarmen“, sagt Dorothea Aschke. Allerdings gilt das nicht für Jugendliche, wie es auf den Internetseiten der Kampagne „Kenn dein Limit“ heißt: „Bis zum 20. Lebensjahr gibt es keine Grenzwerte für einen risikoarmen Alkoholkonsum. Alkohol ist für Jugendliche und junge Erwachsene immer riskant, weil er Entwicklungsprozesse, zum Beispiel im Gehirn, stören kann.“

Wer mag das als junger Mensch schon hören. Die Gartenparty-Saison beginnt, und bald schon lassen sich die Wochen bis zum Waiblinger Altstadtfest an einer Hand abzählen. Dort nehmen Feierlustige jene gern hoch, die schon einmal oder öfter alkoholbedingt außer Gefecht gesetzt waren. Es schwingt dann auch ein bisschen Bewunderung mit in diesen Weißt-du-noch-Gesprächen.

Alkohol spielt eine Rolle, in jedem Alter. Deutsche gelten in Europa als risikofreudige Konsumenten. Kreisjugendamtsleiterin Angelika Stock: „Wir müssen da permanent am Ball bleiben.“

Positivrekord und Jugendschutzgesetz

2016 sind im Rems-Murr-Kreis 70 Jugendliche im Alter zwischen zwölf und 18 Jahren wegen einer Alkoholvergiftung ins Krankenhaus eingeliefert worden. So niedrig war die Zahl seit 2010 nicht mehr. Damals zählten die Krankenhäuser im Kreis 107 Einlieferungen von Jugendlichen nach exzessivem Alkoholgenuss.

Die Zahlen schwanken, doch seit 2014 zeigt sich doch ein Abwärtstrend. 116 Jugendliche mussten im Jahr 2014 in eine Klinik, 2015 waren es noch 86.

Das Jugendschutzgesetz regelt, ab welchem Alter Alkohol gekauft und konsumiert werden darf. Ab 16 Jahren sind Bier, Sekt und Wein erlaubt. Hochprozentige alkoholische Getränke dürfen junge Leute erst ab einem Alter von 18 Jahren trinken.

Andere Länder handhaben das viel strenger. Zum Beispiel in Frankreich, Polen, den Niederlanden und Spanien ist Alkohol generell erst ab 18 Jahren erlaubt.

Jede Menge Infos für Jugendliche und Eltern bietet die Seite www.kenn-dein-limit.info.

Fahranfänger müssen sich zusammenreißen: Während der zweijährigen Probezeit nach bestandener Fahrprüfung und für alle bis zur Vollendung des 21. Lebensjahres gilt absolutes Alkoholverbot am Steuer.

Die Aktionswoche Alkohol beginnt dieses Jahr am 13. Mai und endet am 21. Mai. Im Rems-Murr-Kreis gibt’s Infostände, Vortragsabende, Mitmach-Aktionen und eine Open-Space-Konferenz für Haupt- und Ehrenamtliche in der Suchthilfe am Freitag, 19. Mai, in der Maria-Merian-Schule in Waiblingen.