Weinstadt

Unterführung bleibt Transporter-Falle

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Transporter-Falle Unterführung: Hier kommen nur Fahrzeuge mit einer Höhe von maximal zwei Metern unbeschadet durch. © Striebich / ZVW

Weinstadt. Manche Dinge im Leben sind einfach nicht verhandelbar. Längenmaße zum Beispiel. Zwei Meter bleiben zwei Meter. In der Beutelsbacher Bahnunterführung testen Transporter-Fahrer trotzem regelmäßig, ob die Zwei-Meter-Höhenbeschränkung wirklich ernstzunehmen ist. Woraufhin sie stecken bleiben, oh Wunder.

Die Bildergalerie zu den spektakulärsten Unfällen in der Unterführung

Am Donnerstagmorgen traf es einen weißen VW-Transporter. Offenbar hatte der Fahrer die Höhe des Fahrzeugs falsch eingeschätzt. Er blieb in der Unterführung stecken – wie ungezählte andere Fahrzeuge vor ihm auch schon. Der Transporter musste abgeschleppt werden.

Ebenfalls ein Transporter ist am 9. Oktober in der berüchtigten Unterführung hängen geblieben. Am 26. September traf einen Möbel-Lieferwagen dasselbe Schicksal. Ein Krankenwagen schaffte es am 23. September nicht durch die Unterführung hindurch. Die Liste ließe sich noch lange weiterführen. Gut ein Jahr ist es jetzt her, als es an einem einzigen Tag gleich zwei Fahrzeuge nicht durch die Unterführung schafften.

Das Phänomen löst Kopfschütteln aus. Überdeutlich weist ein neonfarbenes Schild an der Unterführung auf die Höhenbegrenzung hin. LED-Leuchten sorgen für zusätzliche Aufmerksamkeit. Wer derart auffällige Hinweise übersieht – was fällt demjenigen sonst noch alles im Straßenverkehr nicht auf, hatte Jochen Beglau, Pressesprecher der Stadt Weinstadt, im Juli nach einem weiteren Malheur in der Unterführung zu bedenken gegeben. Erst vor ein paar Wochen hat die Stadt Weinstadt zusätzlich rot-weiße Leitmale an der gefährlichen Stelle angebracht. „Auch dadurch ist nichts merklich besser geworden“, wie Tiefbauamtsleiter Michael Sonn einräumt: „Man kann nicht verstehen, warum das ständig passiert.“

Fahrzeughöhe: „Sowas muss man einfach wissen“

Vielleicht wissen die Betroffenen schlicht nicht, wie hoch ihr Fahrzeug ist. Es handelt sich meist um Transporter, Sprinter oder Kleinlastwagen, die in den meisten Fällen dienstlich unterwegs sein dürften. Von den Fahrern „muss man erwarten dürfen, dass sie wissen, wie hoch ihr Fahrzeug ist. Sowas muss man einfach wissen“, findet Hannelore Herlan, Pressesprecherin bei der Deutschen Verkehrswacht.

Regelmäßig zieht die übermütige Fahrt in die niedrige Unterführung unangenehme Folgen nach sich. Oben fährt die S-Bahn, und wenn unten einer zwischen Straße und Decke festklemmt, geht oben erstmal nichts mehr. Die Bahn schickt jedes Mal einen Experten zur Unfallstelle, um prüfen zu lassen, ob Schäden entstanden sind. Schon öfter kam’s deshalb zu längeren Sperrungen der Strecke. „Die Sicherheit im Bahnbetrieb ist das oberste Gut“, betont ein Bahnsprecher. Erst wenn der Brückenfachmann nach einem Unfall sein Okay gegeben hat, gibt die Bahn die Strecke wieder frei. Am Donnerstagvormittag war der Abschnitt in der Zeit von 10.25 Uhr bis 10.45 Uhr gesperrt.

Für den Einsatz des Brückenfachmannes kommt die Bahn auf. Muss allerdings die Brücke repariert werden, wendet sich die Bahn durchaus an die Haftpflichtversicherung des Unfallverursachers.

Besser wär’ natürlich, es bliebe keiner stecken. Die Stadt Weinstadt hatte sich vom neonfarbenen Warnschild samt LED-Lampen eine Entspannung der Lage erhofft. Doch trotz nicht zu übersehender Warnung rauschen immer wieder Transporterfahrer in die Falle. Im Moment sieht die Stadt keine Ansätze für weitere Projekte an der Unterführung, die zu hohe Fahrzeuge abhalten könnten, sagt Jürgen Leibing vom Ordnungsamt.

In der Vergangenheit hat die Stadt immer wieder drastische Maßnahmen erwogen – und wieder verworfen. Drei Jahre ist es jetzt her, dass die Stadt über Lichtschranken diskutiert hat. Eine solche Schranke könnte direkt vor der Nase von Fahrern, deren Fahrzeug zu hoch ist, eine Warnung generieren: „Stop! Fahrzeug zu hoch!“ Derlei Anlagen seien aber manipulierbar, hieß es damals – und mit 55 000 Euro recht teuer. Lichtschranken müssten in Greifhöhe angebracht sein – somit könne jeder sie verstellen, erläutert Jürgen Leibing.

Durchgefallen ist bereits 2012 die Idee, vor der Einfahrt in die Unterführung dünne Latten aus Autoreifenmaterial herunterhängen zu lassen zur Warnung. Die Idee wurde verworfen wegen Sicherheitsbedenken. Im Juli sagte Jochen Beglau, Pressesprecher der Stadt Weinstadt, „wir haben keine kreativen Ideen mehr“, wie man Sprinter- und Lasterfahrer wirksamer auf die Gefahr hinweisen könnte.

Weinstadt ist mit seinem Problem nicht allein. In Aalen fahren regelmäßig Laster in eine für sie zu niedrige Unterführung, obwohl lange vor der Engstelle schon Umleitungsschilder auf die Gefahr hinweisen. Im Internet kursieren jede Menge Fotos von Bussen, Lastern und Autos mit Gepäckaufbau, die partout nicht durchkommen, wo sie durch wollen.

Mit einer elektronischen Höhenkontrolle hat der Augsburger Stadteil Pferseer gute Erfahrungen gemacht. Blinkendes Gelblicht und digitale Warntafeln weisen auf die Gefahr hin, sobald sich ein zu hohes Fahrzeug nähert. Diese Warnung wird offenbar bemerkt und auch berücksichtigt: Bisher hat jeder rechtzeitig gewendet.

Krasser Fall

Ein krasser Fall einer falschen Höhen-Einschätzung hat sich Mitte September in Backnang ereignet. Ein LKW, der einen Bagger transportierte, blieb auf der B14 an einer Eisenbahnbrücke hängen. Die Brücke muss abgerissen werden. Die S-Bahn der Linie 4 zwischen Backnang und Burgstall fährt dort vorrausichtlich erst nächstes Jahr wieder.