Welzheim

„Durch unsere Arbeit ist Anton Schlecker reich geworden“

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Martina Bareiss (r.) und Conny Heitzenröther vom Drehpunk-Team. © Danny Galm

Welzheim. Der Drehpunkt-Laden in Welzheim hätte ihr Lebenswerk sein sollen, sagte Martina Bareiss am Montagabend in der ARD-Sendung „Hart, aber fair“. Hätte. Nach drei Jahren mussten sie schließen. „Oben verantwortungslos, unten chancenlos – ist Schlecker heute überall?“, fragte Moderator Frank Plasberg die Gäste. Was sagt Martina Bareiss über diese Sendung, in der sie selbst zu Wort kommen konnte?

  • "Hart aber Fair" vom 06.03.2017: Oben verantwortungslos, unten chancenlos – ist Schlecker heute überall? Unter folgendem Link geht's zur Sendung in der Mediathek des WDR. Frau Bareiss kommt im Beitrag ab Minute 16:10 zu Wort.  

Nach 19 Jahren bei der Drogeriekette Schlecker stand Martina Bareiss vor dem Nichts, stellt ein Einspieler die 55-jährige Frau vor. Nach der Schlecker-Pleite waren viele Frauen arbeitslos. Die „Schlecker-Frau“ aus dem Welzheimer Wald wollte 2013 gemeinsam mit Kolleginnen ihren eigenen Arbeitsplatz schaffen und eröffnete „in bester FDP-Tradition“, wie Frank Plasberg festhielt, ihr eigenes Geschäft.

Ist sie wütend auf Anton Schlecker?

Das Ende ist bekannt. Nun steht sie genau dort, wo sie vor fünf Jahren stand: keine Arbeit, als 55-Jährige beim Jobcenter als „Problemfall“ gelistet. Ist sie wütend auf Anton Schlecker? Dem wird vor dem Stuttgarter Landgericht unter anderem Insolvenzverschleppung vorgeworfen. Verschafft ihr eine Bestrafung Genugtuung?

Genugtuung? Nein, sagt Martina Bareiss. Sie vertraue auf das deutsche Rechtssystem: „Wer Mist baut, soll dafür geradestehen.“ Und sie könne es menschlich ja nachvollziehen, dass Anton Schlecker nach der Pleite noch versucht haben soll, Geld beiseitezuschaffen, obwohl das „verwerflich“ sei, so die 55-Jährige, „er gehört schon bestraft.“

Martina Bareiss fällt nicht in die Opferrolle

Rechnet sie nach dem Verfahren damit, dass die Schlecker-Frauen noch Geld erhalten? Nein. Was hält sie von Managern wie Martin Winterkorn, über den am Montagabend ebenfalls diskutiert wurde, der nach dem VW-Abgasskandal 3100 Euro Betriebsrente von VW erhält – pro Tag.

Martina Bareiss fällt nicht in die Opferrolle. Sie ist erfrischend ehrlich. Martin Winterkorn habe viel Verantwortung getragen. Sie habe als Inhaberin des Marktes erfahren, was es heißt, selbstständig zu sein, Angestellte zu haben. Sie hätten viel Herzblut und viel Geld in den Drehpunkt-Laden gesteckt.

„Der Laden lief nicht schlecht“

Man müsse schon sehen, was Manager leisten. Und derlei Gehälter würden ja auch von anderen Menschen bewilligt, deutet sie Kritik an. Anton Schlecker hat zeitweise 50 000 Menschen Arbeit gegeben. Stimmt, sagt Bareiss und zeigt sich doch noch angriffslustig. Schlecker sei anfangs „ein ziemlicher Ausbeuter“ gewesen. Sie kenne die Tricks, mit denen Schlecker gearbeitet habe, auch sie habe anfangs weniger Geld erhalten, als ihr zugestanden hätte.

„Er hat uns Arbeit gegeben, aber wir haben unsere Arbeit auch erbracht und durch dieses Engagement ist er reich geworden.“ Und, Stichwort Winterkorn, sie würde sich ebenfalls wünschen, so viel zu verdienen, wenn man ihr das zahlen würde. Ehrliche Antworten. Die Eröffnung des Drehpunkt-Ladens 2013 bereut sie nicht. Würde Rossmann in Welzheim keinen Laden eröffnen, hätte die ARD über sie nicht berichten müssen, sagt die 55-Jährige. „Der Laden lief nicht schlecht.“ Doch notwendige hohe Investitionen hätten sich wegen Rossmann nicht mehr gelohnt. Daher das Aus.

Martina Bareiss gibt sich kämpferisch

Wie war ihr Eindruck von den Politikern? Sie kenne Leni Breymaier, SPD-Landesvorsitzende in Baden-Württemberg. Als in der Sendung die Rede auf eine sechsköpfige Familie kam, die mit 3000 Euro netto Probleme hat, Haus und Haushalt zu finanzieren, bemerkt Martina Bareiss: „Das ist Deutschland! Das ist die Wahrheit!“ Sie habe gesehen, dass Leni Breymaier sehr nachdenklich geworden sei, als die vierfache Mutter über ihre Lage sprach.

Da werde nun hoffentlich etwas in Gang gebracht. Und auch der FDP-Mann Wolfgang Kubicki könne sie verstehen. Sie selbst sei ja Angestellte und Arbeitgeberin gewesen, kenne beide Seiten, „selbst und ständig“, mit all der Arbeit und Verwaltung, die dazugehört habe. Hat sie den Glauben an die Politik verloren? Nein, sagt sie und relativiert dann. Den Glauben an gewisse Politiker habe sie nicht verloren. Sie will im September wählen gehen, „selbstverständlich!“

Und ihre persönliche Situation? Sie wirkt geknickt, sie seien 2012 und 2016 „in ein tiefes Loch gefallen“. Dennoch ist sie kämpferisch, will wieder Arbeit finden. Wegen des frühen Drehpunkt-Aus haben sie Schulden, sagt Bareiss. Sie musste eine Eigentums-Wohnung, ihre Altersversorgung, verkaufen. Das unterscheidet sie dann doch von den Schleckers und Winterkorns dieser Welt.

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