Winnenden

Mord im China-Restaurant jährt sich zum ersten Mal

300189f0-31f1-47b1-9ea7-334e82b7a5d1.jpg_0
Der jüngste Sohn Hong Tang im Restaurant Asien-Perle. Hier wurde seine Mutter Aie Wu vor einem Jahr ermordet. © Edgar Layher

Backnang. Der Morgen des 4. März 2016 ist noch so präsent, als wäre es gestern gewesen: Die Nachricht vom Mord an der Geschäftsführerin der Asien-Perle, Aie Wu, hatte ganz Backnang aufgewühlt. Zwei Tatverdächtige sitzen seit November in U-Haft. Der jüngste Sohn des Opfers, Hong Tang, erinnert sich noch genau an den Tag, an dem er vom Tod seiner Mutter erfuhr.

„Wollen Sie mich verarschen?“ – das waren die ersten Worte, die Hong Tang über die Lippen brachte, als die Polizei ihn am 4. März 2016 aus dem Bett holte und ihm die grauenvolle Nachricht überbrachte. „Es war um die Mittagszeit, ich habe noch geschlafen. Die Beamten kamen in die Wohnung und wollten sie durchsuchen.“ Als der 23-Jährige aus dem Bett aufstand und sich auf eine Bank setzte, kamen ihm die Worte des Polizisten nicht real vor: „Ich stand völlig unter Schock.“

Fassungslos war auch sein älterer Bruder Jian Wang (30). „Für ihn war es noch viel schlimmer“, merkt Tang an, denn: „Er war direkt vor Ort, kurz bevor die Polizei eintraf.“ Sein Bruder fungiert als Geschäftsführer der Asien-Perle. „Meine Mutter war in dem Alter, dass sie sich etwas zurückziehen wollte. Sie stand aber Jian zur Seite und wollte ihre Aufgaben als Geschäftsführerin nach und nach an ihn übertragen.“ Jian Wang ist vor kurzem Vater geworden, ist derzeit bei seiner Frau in Ingolstadt.

„Alle standen vor der Tür und weinten“

Aus Erzählungen seines Bruders weiß Hong Tang, dass an jenem Donnerstag alle Mitarbeiter zum Tatort kamen, als sie von diesem schrecklichen Ereignis hörten. Die Nachricht hatte sich schnell verbreitet. „Alle standen vor der Tür und weinten. Mein Bruder versuchte den Kopf zu bewahren.“ Es sei nicht einfach gewesen, nicht durchzudrehen. Auch die beiden Schwestern, 31 und 27 Jahre alt, die in Frankfurt und Paris leben, wurden auf dem schnellsten Wege informiert. „Es war alles so unfassbar.“

Viele Gäste seien hauptsächlich wegen ihr gekommen

Das Opfer, eine Buddhistin, stammte aus Wencheng in der chinesischen Provinz Zhejiang. Ihre weitläufige Familie betreibt Gaststätten in verschiedenen Ländern Europas, zudem in China. Im Jahr 1999 kam Aie Wu nach Deutschland. „Sie hat die Asien-Perle aufgebaut.“ Viele Gäste seien hauptsächlich wegen ihr gekommen. „Sie kannte so viele und hatte viele Stammgäste“, sagt Hong Tang. Der 23-Jährige hat sich im vergangenen Jahr im Stuttgarter Westen mit einem Restaurant selbstständig gemacht. „Eigentlich wollte ich nie in die Gastronomie. Das hat sich so ergeben.“ Auf die Nachfrage, ob er es nicht leichter gehabt hätte, den Gastronomiebetrieb seiner Mutter zu übernehmen, antwortet der junge Mann: „Leichter schon, aber die Örtlichkeit jetzt. . .“ Weiter spricht er nicht, senkt den Blick.

Ein Freund leitet das Restaurant

Man habe in der Familie lange überlegt, ob man das chinesisch-mongolische Restaurant nach dem Mord weiterführen, verpachten oder gar verkaufen soll. „Jian und ich konnten uns nicht vorstellen, hier direkt vor Ort zu arbeiten, nachdem was passiert ist, aber das Geschäft aufgeben wollten wir auch nicht, denn das hat unsere Mutter aufgebaut.“ Es musste eine Entscheidung her. Fast einen ganzen Monat war das Lokal geschlossen. „Mein Bruder und ich haben lange über alles gesprochen und mir ist ein Freund eingefallen, den wir gefragt haben, ob er die Asien-Perle nicht leiten möchte. Und er hat gleich zugestimmt.“

Mitgefühl und Anteilnahme der Gäste war groß

Nachdem das Restaurant wieder geöffnet hatte, seien viele Gäste gleich wieder gekommen: „Ja, sie haben Fragen gestellt, aber auch sehr viel Mitgefühl und Anteilnahme gezeigt.“ Die Erschütterung sei den Gästen anzumerken gewesen. „Für diejenigen, die meine Mutter lange und persönlich kannten, war und ist es auch sehr schwer, diese Tat nachzuvollziehen.“

Aie Wu – ein Familienmensch sei sie gewesen, war immer für alle da. „Sie war sehr gerne unter Menschen, deshalb lag ihr auch das Gastgewerbe so.“ Oft sei sie an die Tische gegangen, und habe die Gäste persönlich begrüßt: „Auch wenn sie kaum Deutsch konnte, hat sie immer versucht, sich mit allen zu verständigen.“ Sprachbegabt sei seine Mutter eigentlich nie gewesen – jetzt muss der 23-Jährige das erste Mal bei diesem Gespräch kurz lachen, bei dem Gedanken daran. „Sie fehlt uns allen sehr“, Tang wird wieder nachdenklich.


Mit den Spekulationen, wie seine Mutter ums Leben kam, räumt er auf. Wenige Stunden nach dem Mord kursierten in sozialen Netzwerken Gerüchte, dass der Frau die Kehle durchschnitten wurde und sie komplett gefesselt auf der Toilette gefunden worden sei. „Das ist definitiv nicht so.“ Auf die Frage, ob sie erwürgt worden sei, schüttelt der Sohn verneinend den Kopf. „Massive Gewalteinwirkung mit Todesfolge“, sagt er dann und beruft sich auf die Angaben der Polizei. Mehr dürfe noch nicht in der Öffentlichkeit gesagt werden.

Als die Familie im November erfuhr, dass Ermittler die mutmaßlichen Täter gefasst haben, sei man schon erleichtert gewesen. Ein dringender Tatverdacht erhärtete sich gegen zwei 42- und 45-jährige rumänische Staatsangehörige aus dem Raum Backnang. Eigentlich hatte Hong Tang sich schon damit abgefunden, dass man die Täter nie findet: „Ich habe mich darauf eingestellt, dass man diese Tat nie aufklären wird. Das hat es mir leichter gemacht, damit fertig zu werden.“

Frau eines Tatverdächtigen arbeitete mal kurze Zeit im Restaurant

Hong Tang lauscht den Wasserklängen im Restaurant und blickt aus dem Fenster. Die Tatverdächtigen kenne man flüchtig. „Zumindest einen davon. Dessen Frau oder Freundin hat hier mal eine kurze Zeit gearbeitet.“ Näheres sei ihm aber nicht bekannt. Auch nicht, was seine Mutter mit den Männern zu schaffen gehabt haben könnte. Was genau in der Tatnacht geschah, ist für alle ein Rätsel. Nach Angaben der Polizei ist Aie Wu in der Nacht auf den 4. März zwischen 23 und 24 Uhr ermordet worden.

Gegen 23 Uhr soll es das letzte Lebenszeichen der Geschäftsinhaberin gegeben haben. Gäste seien zu diesem Zeitpunkt keine mehr anwesend gewesen, hieß es damals von Seiten der Beamten. Tang: „Dieser Abend davor ist so unscheinbar. Es bringt nichts, darüber nachzudenken. Wir können all das nicht erklären.“

"Es bringt mir nichts, Hass zu entwickeln"

Ob er Hass gegenüber den Tatverdächtigen empfindet, die das Leben seiner Mutter so jäh beendet haben? Hong Tang blickt immer wieder zum Fenster hinaus. Zieht die dunklen Augenbrauen zusammen. Es fällt ihm nicht leicht, über diese Geschehnisse zu sprechen. Aber er bemüht sich, gefasst und nüchtern zu antworten: „Man muss es so sehen: Es bringt mir nichts, Hass zu entwickeln.“

Der nächste schwere Schritt steht der Familie bevor, wenn die Tatverdächtigen vor Gericht in Stuttgart stehen. Hong Tang und seine Familie werden beim Prozess anwesend sein, sie treten auch als Nebenkläger auf.

Wenn die Angeklagten keine Aussage machen, wird es für Hong Tang und seine Geschwister immer unklar bleiben, warum seine Mutter sterben musste. Am Samstag, dem Todestag, werde die Familie im ganz engen Kreis beisammen sein, so der 23-Jährige.


Am Mittag des 4. März 2016 wurde Aie Wu von einer Mitarbeiterin des chinesisch-mongolischen Restaurants auf der Toilette tot aufgefunden. Schnell war klar: Aie Wu ist einem Gewaltverbrechen zum Opfer gefallen. Eine 70-köpfige Sonderkommission, die Soko Perle, begann ihre Arbeit.

Die Untersuchungen erstreckten sich auch auf China und zahlreiche andere europäische Länder wie Holland (die getötete Gastronomin hatte einen niederländischen Pass), Italien, Spanien, Ungarn.

Nur wenige Hinweise aus der Bevölkerung

Aus der Bevölkerung gingen nur wenige Hinweise ein, obwohl die Polizei auch ein Internetportal einrichtete, auf dem sich Menschen anonym melden konnten. Die Polizei hatte Fahndungsplakate überall dort, wo es asiatische Gewerbebetriebe gibt, aufgehängt und einen Aufruf in einem vielgelesenen, chinesischsprachigen Handelsblatt veröffentlicht.

Ende Juni 2016 setzten Angehörige der Toten zusammen mit der Staatsanwaltschaft Stuttgart eine Belohnung für Hinweise aus, die zur Ergreifung des Täters führen. Eine heiße Spur ergab sich jedoch auch dadurch nicht. Nachdem ein Großteil der Spuren abgearbeitet war, löste sich die Sonderkommission Perle im Juni auf. Eine Ermittlungsgruppe übernahm den Fall.

Im November wurden zwei Tatverdächtige festgenommen

Im November 2016 dann die Nachricht der Polizei: Zwei Tatverdächtige seien festgenommen worden. Ein dringender Tatverdacht erhärtete sich gegen zwei 42- und 45-jährige rumänische Staatsangehörige aus dem Raum Backnang. Auf die Spur der Tatverdächtigen kamen die Ermittler durch einen internationalen DNA-Abgleich. Eine Übereinstimmung mit einer rumänischen DNA-Datenbank führte auf die Fährte des 42-Jährigen. Er war schon wegen Diebstahls und Einbruchsdiebstahls vor Gericht und saß zum Zeitpunkt des DNA-Abgleichs bereits in Untersuchungshaft. Der 45-jährige Komplize wurde durch weitere Nachforschungen ermittelt. Die Wohnungen der beiden Rumänen wurden durchsucht, Beweismittel beschlagnahmt.

Handelte es sich um einen Raubmord und fehlten im Restaurant nach der Tat wertvolle Gegenstände oder Geld? Haben sich die beiden Verdächtigen zur Tat geäußert? Ist etwas über die Motivlage bekannt? „Dazu sagen wir nichts“, sagt Pressedezernent und Erster Staatsanwalt Jan Holzner. Jedenfalls reiche die Indizienlage aus, „um in diesem Fall Anklage zu erheben und auch, um eine lebenslange Haft zu fordern“. Wann erfolgt die Anklage? Schätzungsweise im Frühjahr, voraussichtlich im April 2017.