Meinung

Drei Gründe gegen Silvester-Böller: Warum den hässlichen Bruder der Rakete niemand braucht

Böller Feuerwerk Silvester Symbol Symbolbild Symbolfoto
Für viele der Knaller: Böller. (Symbolfoto) © Pixabay.com/Till_Frers_Photography

Bald ist Silvester. In ganz Deutschland werden dann wieder abertausende Böller gezündet, um das neue Jahr mit einem lauten Knall zu begrüßen. Muss das sein? Unser Redakteur Alexander Roth nennt in seinem Kommentar drei gute Gründe, zum Jahreswechsel 2022/2023 mal auf laute Explosionen zu verzichten.

Böller: Eine optische Enttäuschung

Feuerwerk ist eine schöne Sache. Wer schaut nicht gerne dabei zu, wenn Raketen am Übergang von Silvester zu Neujahr den Nachthimmel in bunte Farben tauchen. Der Funkenregen zum Jahreswechsel hat in Deutschland Tradition – ebenso wie sein kleiner Bruder: Das Rumböllern.

Harte Schale, rote Farbe, explosiver Kern: Die stangenförmigen Knallkörper, bekannt als Böller, sind das wenig glamouröse Pendant zur Rakete. Wo die Rakete elegant ins Schwarz des Himmels entschwindet, um die Menschen wenige Sekunden später in Staunen zu versetzen, pöbelt der Böller lautstark am Boden herum und ist eher eine optische Enttäuschung. Zündschnur an, Peng, fertig.

Gerade in diesem Jahr stellt sich deshalb die Frage: können wir nicht darauf verzichten? Drei gute Gründe, die dafür sprechen.

Punkt 1- Die Umwelt: Dreck, Feinstaub, Grundwasserverschmutzung

Erstens: Wer einmal am Neujahrsmorgen durch die Straßen gelaufen ist, weiß, wie viel Dreck Böller machen. Überall rote Fetzen und bräunliches Pulver, die sich, durchnässt und plattgetreten, mit dem Asphalt vermischen wollen. Wer die erste Kehrwoche des Jahres erwischt, ist nicht zu beneiden. Aber am härtesten trifft es die Umwelt.

In der Nacht von Silvester auf Neujahr werden laut Umweltbundesamt über 2.000 Tonnen Feinstaub in die Luft geblasen. So viel wie an keinem anderen Tag. „Der Qualm enthält meist gesundheitsschädigende Stoffe wie Schwermetalle, die Atemwegserkrankungen und sogar Krebs auslösen können“, warnt der BUND. Außerdem würden durch den Müll diverse Chemikalien ins Grundwasser gelangen.

Punkt 2 - Der Krach: Flucht, Explosionen, Traumata

Zweitens: Wo der Knall einer Rakete mit einem optischen Signal einhergeht, das für „Aah“- und „Ooh“-Rufe sorgt, ist ein Böller einfach nur laut. Eine Explosion ertönt, und man weiß oft nicht direkt, woher sie kommt und was da los ist. Das ist für viele Menschen und Tiere die Hölle.

Bis Dezember 2022 kamen laut Bundesinnenministerium über eine Million Geflüchtete aus der Ukraine nach Deutschland. Zahlreiche weitere kommen seit Jahren aus anderen Krisenregionen und Kriegsgebieten. Viele von ihnen sind traumatisiert, verbinden mit Explosionen unsägliches Leid.

Natürlich kann man vorab das Gespräch suchen, alles erklären. Und natürlich ist Feuerwerk auch den meisten Flüchtlingen ein Begriff. Aber Traumata sitzen tief, sind oft schwer zu kontrollieren. Verbände machen deshalb seit Jahren auf das Problem aufmerksam.

Punkt 3 - Die Gefahr: Kliniken, Kollaps, Kampftag

Drittens: Die Kliniken sind am Limit, teilweise komplett überlastet. Ganz besonders die Kinderkliniken. RSV, Influenza, Glatteis-Unfälle, Krankheiten in der Belegschaft, unzählige Überstunden, die in zwei Jahren Corona-Krise angesammelt wurden. Das Personal geht auf dem Zahnfleisch, wenn überhaupt noch genügend da ist. Und auch Mitarbeiter von Kliniken und Krankenhäusern wollen über die Feiertage durchatmen.

Aber nichts da. Silvester und Neujahr ist in den Klinken „Großkampftag“ angesagt. So formulierte es Dietmar Pennig, Generalsekretär der Deutschen Gesellschaft für Orthopädie und Unfallchirurgie (DGOU) schon vor drei Jahren. Gegenüber der Deutschen Presseagentur (dpa) sagte er damals: „An keinem anderen Tag im Jahr verletzen sich so viele Menschen an den Händen wie an Silvester.“ Abgetrennte Finger, Verbrennungen, Brüche, oft auch Verletzungen im Gesicht seien typisch für den Jahreswechsel.

Aktuell meldet die dpa, die Wartelisten in baden-württembergischen Krankenhäusern würden durch die angespannte Situation immer länger. Janosch Dahmen, der gesundheitspolitische Sprecher der Grünen im Bundestag, sagte gegenüber der "Welt": „Obwohl ich den Reiz eines Feuerwerks gut verstehe, denke ich, dass wir uns Verletzungen durch Böller zurzeit einfach nicht erlauben können und auch grundsätzlich besser sparen sollten.“

Am Ende hat es jeder selbst in der Hand. Die hoffentlich heil bleibt. Guten Rutsch!