Deutschland

Kinderkliniken am Limit: Wie hilfreich sind die Pläne von Karl Lauterbach?

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Symbolfoto. © Alexandra Palmizi

Kinderkliniken in Deutschland sind am Limit. Eine Virus-Welle und Personalmangel sorgen für Zustände in Krankenhäusern, die mancherorts angespannt, andernorts katastrophal genannt werden. Verbände und Fachgesellschaften machen die Politik dafür verantwortlich und sagen: Das war abzusehen. Und die Politik?

Bundestag: Karl Lauterbach und die Klinik-"Revolution"

Gesundheitsminister Karl Lauterbach hat am Dienstag (06.12.) im Bundestag Reformpläne für die Kliniken in Deutschland vorgestellt. Er selbst spricht von einer "Revolution". Der Deutsche Bundestag hatte vor wenigen Tagen bereits ein Gesetzespaket verabschiedet, dass die Lage in Kliniken verbessern soll. Und Lauterbach selbst hatte kurzfristige Maßnahmen angekündigt, um den überlasteten Kinderkliniken zu helfen.

Aber kommt diese Hilfe dort an, wo sie es soll? Unterstützen die Maßnahmen die Kinderkliniken, die gerade alle Hände voll zu tun haben? Wir haben einen Experten dazu befragt.

DGKJ: Erster Gesundheitsminister der das Problem erkennt

„Herr Lauterbach ist der erste Gesundheitsminister, der die grundsätzlichen Probleme der Kliniken für Kinder- und Jugendmedizin im Fallpauschalensystem erkannt hat und angeht“, sagt Dr. Burkhard Rodeck, Generalsekretär der Deutschen Gesellschaft für Kinder- und Jugendmedizin e.V. (DGKJ). In der Vergangenheit habe man immer über die Frage diskutiert, ob diese Probleme überhaupt existieren. „Jetzt endlich diskutiert man über Lösungsmöglichkeiten“.

„Grundsätzlich gut“ seien auch die Vorschläge Lauterbachs für Maßnahmen und Reformpläne, so Rodeck. Das hilft allerdings nicht, die aktuell angespannte Lage an Kinderkliniken zeitnah zu verbessern. Zusätzliche finanzielle Mittel würden nur langfristig wirken, sagt der Mediziner.

Personalmangel: "Im letzten Jahrzehnt wurden viele Stellen gestrichen"

Der Personalmangen ist ein strukturelles Problem, sagen Verbände und Fachgesellschaften, das mit krankheitsbedingen Ausfällen allein nicht erklärbar sei. Was hält der DGKJ-Generalsekretär von den konkreten Plänen des Ministers, um dieses Problem in den Griff zu kriegen?

„Im letzten Jahrzehnt wurden viele Stellen gestrichen, um Personalkosten einzusparen“, sagt Dr. Burkhard Rodeck. Heute seien diese Stellen nicht einfach wieder besetzbar, Fachkräfte seien Mangelware – vor allem in der Kinder- und Jugendmedizin (Pädiatrie) und insbesondere in der Kinderkrankenpflege.

Seit der großen Pflegeberufe-Reform im Jahr 2020 werde in der Ausbildung der Pflegekräfte mehr Wert auf Generalistik gelegt, so Rodeck. Sprich: Es sollen Allrounder ausgebildet werden, keine Spezialisten. „Die Pädiatrie spielt seitdem eine untergeordnete Rolle, die spezialisierte Gesundheits- und Kinderkrankenpflege ist damit gefährdet. Die entsprechende Ausbildung wird seither deutlich reduziert angeboten.“

Maßnahmen: "Wo sollen diese Pflegekräfte überhaupt herkommen?"

Dabei würden diese Fachkräfte dringend benötigt. Den Vorschlag des Gesundheitsministers, in Kinderkliniken zur Bewältigung der angespannten Lage Pflegekräfte aus der Erwachsenenmedizin einzusetzen, hält der Mediziner im Sinne einer Gesamtlösung für wenig praktikabel.

„Das mag dort helfen, wo Jugendliche behandelt werden, bei denen die Pflege ähnlich wie bei Erwachsenen ist“, sagt Rodeck. Von der aktuellen Infektionswelle seien aber vor allem Säuglinge und Kleinkinder betroffen. „Und dann stellt sich noch die Frage: Wo sollen diese Pflegekräfte überhaupt herkommen?“ – Personalmangel herrsche schließlich auch in der Erwachsenenmedizin.

Personaluntergrenze: "In Notsituationen kommen wir oft in einen Zwiespalt"

Eine andere Maßnahme, die Lauterbach angekündigt hat, hält der Mediziner aber für sinnvoll: In der aktuellen Situation sollen Kinderkliniken nicht sanktioniert werden, wenn sie die Personaluntergrenzen nicht einhalten können. Sprich: Wenn eine Pflegekraft sich um mehr Patienten kümmert, als sie eigentlich dürfte.

„In Notsituationen kommen wir oft in einen Zwiespalt“, sagt Dr. Burkhard Rodeck. Kliniken müssten Patienten behandeln, gleichzeitig drohe durch Sanktionen ein Finanzierungsproblem für eine Behandlung, wenn dabei Untergrenzen gerissen werden. „Es ist daher gut, dass diese Sanktionen kurzzeitig ausgesetzt werden.“ Generell seien aber die Personaluntergrenzen wichtig, um qualitativ gut zu pflegen und den Pflegeberuf nicht weiter an Attraktivität verlieren zu lassen, so Rodeck.

Kliniken bleiben flexibel: "Wir müssen da jetzt ein Stück weit durch"

Gibt es weitere Maßnahmen, die geeignet wären, die Kinderkliniken aktuell zu entlasten? Maßnahmen, die der Gesundheitsminister womöglich gar nicht auf dem Zettel hat? „Eine schnelle Lösung, die alles erledigt, gibt es leider nicht“, sagt der Mediziner. Auch Schutzmaßnahmen wie während der Corona-Pandemie seien aus seiner Sicht nicht hilfreich. „Wir müssen da jetzt ein Stück weit durch.“

Die Situation sei momentan noch beherrschbar, von einer absoluten Notlage möchte Rodeck nicht sprechen. „Die Kinder werden versorgt, auch weil die Kinderkliniken flexibel reagieren und über ein gutes Netzwerk untereinander verfügen“, sagt der DGKJ-Generalsekretär. Eine Flexibilität, für deren Folgen er Eltern um Verständnis bittet. „Sie müssen sich auf Wartezeiten einrichten“ – und darauf, dass eine Versorgung der Kinder manchmal nicht heimatnah stattfinden könne.