Rems-Murr-Kreis

Corona-Impfung bei Kindern: Soll ich oder soll ich nicht?

Corona-Impfung
Symbolfoto. © ZVW/Benjamin Büttner

Im Herbst soll es auch für Kinder und Jugendliche einen an neuere Corona-Varianten angepassten Impfstoff und eine Empfehlung für Kinder unter 5 Jahren geben. Wie sollten Eltern entscheiden?

„Zunächst einmal müssen wir einfach toleranter werden, wenn es um Corona-Impfungen bei Kindern geht“, sagt Dr. Ralf Brügel, Sprecher der Kinderärzte im Rems-Murr-Kreis. Das Thema führe immer noch zu Anfeindungen, werde gar zum „Glaubenskrieg“ aufgebauscht, was aus seiner Sicht aber für niemanden hilfreich sei. Schon gar nicht, wenn Eltern für ihre Kinder eine ausgewogene Einzelfallentscheidung treffen möchten. Für eine ausgewogene Entscheidung gehöre aber auch: Der Impfstatus, so Brügel, dürfe nicht an die soziale Teilhabe von Kindern und Jugendlichen geknüpft werden. Das habe die Politik unbedingt sicherzustellen.

Seine medizinische Einschätzung habe sich in den vergangenen Monaten nicht geändert.„Es gibt kein pauschales richtig oder falsch. Aus kinderärztlicher Sicht ist bei einem gesunden Kind weder mit einem schweren Verlauf bei einer Corona-Infektionen noch mit Long Covid zu rechnen. Umgekehrt ist aber auch die Impfung sehr gut verträglich.“ Wer sich also besser fühle, wenn er sein Kind impfen ließe, der solle das tun und sich dafür nicht rechtfertigen müssen. Ebenso wenig sollten Eltern kritisiert werden, die sich dagegen entschieden.

Und die Unentschlossenen? „Wir Kinderärzte impfen derzeit so gut wie gar nicht gegen Covid 19“, sagt er. Das liege auch daran, dass bislang noch kein an die Coronavariante Omikron angepasster Impfstoff vorhanden sei und die Wirkung des bestehenden Impfstoffes bei Kindern sehr zu wünschen übrig ließe, wie Studien belegen.  Selbst Gesundheitsminister Dr. Karl Lauterbach bekannte im August in einem Tweet: „In der Altersgruppe der 5 bis 11-Jährigen ist die Wirkung der Impfung mit BionTech gegen Omicron Varianten enttäuschend niedrig ausgefallen. Das gehört zur Ehrlichkeit dazu. Hoffentlich wirken die angepassten Impfstoffe besser.“

Stiko: Eine Impfung für Kinder von 5 bis 11 Jahren

Die Ständige Impfkommission (Stiko) hat darauf mit einer pragmatischen Empfehlung reagiert:

Alle Kinder zwischen 5 und 11 Jahren sollen einmalig gegen Corona geimpft werden. Bei Kindern, bei denen eine Corona-Infektion nachgewiesen wurde, sollten nach der Bestätigung drei Monate bis zur Impfung verstreichen. Von 12 bis 17 Jahren sind zwei Impfungen und eine Auffrischungsimpfung vorgesehen. Für Kinder unter fünf werde es gegebenenfalls im Herbst eine Impfempfehlung geben – bislang konnte man für diese Altersgruppe keine ausreichende Wirksamkeit des Biontech-Impfstoffes belegen.

Brügel fasst die Situation so zusammen. „Die Stiko geht davon aus, dass inzwischen 90 Prozent aller Kinder bereits mit dem Coronavirus ,durchseucht´sind. Die übrigen sollen durch die einfache Impfung erreicht werden.“ Brügel: „Es ist ein bisschen wie ein Stochern im Nebel. Wer aber der Stiko-Empfehlung folgen möchte, der sollte vielleicht zumindest bis auf den an Omikron angepassten Impfstoff im Herbst warten.“ 

Zudem könnte der neue Impfstoff auch nicht nur mit dem Schulbeginn sondern auch mit einer neuen Herbstwelle an Infektionen zusammenfallen. Verändert sich da die Sachlage?

„Ich möchte nicht falsch verstanden werden. Corona ist eine Krankheit, die wir als vorher noch nicht dagewesener Einzelfall betrachten und bewerten müssen“, sagt Brügel. „Aber als Kinderarzt argumentiere ich für ein ganz anderes Klientel wie beispielweise ein Internist, der Patienten in höherem Alter und mit Vorerkrankungen angeht.“ Durch den Austausch mit anderen Kinderärzten weiß er, in jeder Kinderarzt-Praxis sei in etwa ein schwerer Corona-Verlauf oder Long-Covid Fall aufgetreten. Das sei nicht zu verharmlosen, aber das sei auch kein Zustand, den ihn als Kinderarzt alarmieren würde. Sein Fazit: Für sein Klientel sei Corona nach derzeitigem Stand der Wissenschaft und der medizinischen Erfahrungen keine besonders große Bedrohung. Die größere Bedrohung für Kinder sei vielmehr eine gesellschaftliche.

Übertriebene Angst vor Infekten überträgt sich auf Kinder

„Die  Aufgeregtheit, was Infekte jeder Art angeht, hat seit der Pandemie deutlich zugenommen“, so Brügel. „Und diese Ängstlichkeit überträgt sich auf die Kinder. Und das ist sehr bedenklich.“

Da gehe es unter anderem um Eltern, die inzwischen wegen einer leicht laufenden Nase Verabredungen absagen oder von Erzieherinnen, die Kinder mit verklebten Augen wegen einer vermeintlichen Bindehautentzündung sofort nach Hause schicken oder von einer - auch durch die Hygieneregeln befeuerten - unrealistischen Vorstellung von infektionsfreien Schulen oder Kitas.

Dabei bräuchten Kinder gerade nach den harten Corona-Einschränkungen vor allem möglichst viel Normalität und Begegnungen ohne Hemmschwellen. „Kinder werden krank. Kinder stecken andere Kinder und ihre Eltern an. Das ist normal, das kann niemand verhindern. Schon deswegen nicht, weil einige Krankheiten ansteckend sind, bevor Symptome sichtbar sind“, sagt Brügel. Zu viel Vorsicht hätten weitaus schlimmere Konsequenzen für die kindliche Entwicklung. Nicht zuletzt würden sich Fehltage bei Eltern häufen, weil ihre Kinder teilweise aus nichtigem Grund nach Hause geschickt werden.

Kinderärzte gegen Masken und anlasslose Tests an Schulen

Geärgert habe ihn vor diesem Hintergrund auch die öffentlichen Forderungen von Lehrerverbänden nach einer Maskenpflicht von Schülern zum Schutz der Lehrkräfte. „Ich finde nicht, dass es Aufgabe der Schüler sein kann, durch Einschränkungen ihre Lehrer zu schützen. Zumal diese sich inzwischen ja sogar viermal haben impfen lassen können und zudem durchgehend eine FFP2-Maske tragen können.“ Er verweist auf die Stellungnahme des Bundesverbandes der Kinder- und Jugendärzte, der sich inzwischen mit Blick auf den Herbst nicht nur gegen Maskenpflichten an Schulen sondern auch gegen anlasslose Corona-Tests ausgesprochen hat. 

Im Herbst soll es auch für Kinder und Jugendliche einen an neuere Corona-Varianten angepassten Impfstoff und eine Empfehlung für Kinder unter 5 Jahren geben. Wie sollten Eltern entscheiden?

„Zunächst einmal müssen wir einfach toleranter werden, wenn es um Corona-Impfungen bei Kindern geht“, sagt Dr. Ralf Brügel, Sprecher der Kinderärzte im Rems-Murr-Kreis. Das Thema führe immer noch zu Anfeindungen, werde gar zum „Glaubenskrieg“ aufgebauscht, was aus seiner Sicht aber für niemanden

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