Rems-Murr-Kreis

Friedrich Barbarossa in Comicform: Heinz Renz über die Entstehungsgeschichte

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Hat zehn Jahre nebenher an der Barbarossa-Biografie in Comicform gearbeitet: Heinz Renz (67). © Benjamin Büttner

Er wuchs auf dem Hohenstaufen auf und war zunächst Herzog von Schwaben: Friedrich I. Barbarossa, im Volksmund Kaiser Rotbart genannt. Außer der Kyffhäuser-Legende ist kaum noch Wissen über ihn verbreitet. Mit einer Biografie in Comicform möchte der Kirchberger Grafiker und Hobbyhistoriker Heinz Renz 900 Jahre nach Barbarossas Geburt auch jüngere Menschen für dessen Geschichte begeistern. Wissenschaftlich beraten wurde er dabei vom Murrhardter Historiker Prof. Gerhard Fritz.

„Erste Ideen zur Vermittlung von Geschichte in Comicform hatte ich 1995, als ich bei der Gestaltung der 750-Jahr-Feier in Kirchberg mitwirkte“, erinnert sich Heinz Renz (67). „Nach den Feierlichkeiten blieb bei mir die Frage, was haben eigentlich meine damals rund zehn Jahre alten Kinder von der Ortsgeschichte mitbekommen und behalten.“ Als selbstständiger Grafiker fühlte er sich kurzerhand berufen, die 750 Jahre in sieben Doppelseiten mit Bildern aufzubereiten. „So 100 Jahre pro Doppelseite.“

„Alle haben ihre Geschichte in Comicform, bloß wir Deutschen nicht“

Er zeigte diese Gerhard Fritz, der damals noch Gymnasiallehrer in Backnang war. „Kinder von mir waren in seiner Klasse. Herr Fritz war sofort angetan und sagte, nur in Deutschland haben wir keine Geschichtsvermittlung in Comicform. Die Franzosen zum Beispiel sind da viel weiter“, sagt Renz. Allerdings hätten ihm die französischen Comics, die ihm Fritz alsbald zeigte, nicht so gefallen. Da sei zu viel Fantastisches drin gewesen. „Ich erinnere mich an die Darstellung einer Familie, die irgendwie im Bau eines Erdgeistes oder so verschwindet und dann Zeitreisen in die verschiedenen Epochen der französischen Geschichte macht. Gar nicht mein Ding.“

Heinz Renz diskutierte mit Prof. Fritz und dieser regte die Beschäftigung mit Kaiser Friedrich Barbarossa (1122–1190) als „großen Reichseiniger“ an, der als Staufer mit einer Welfin verheiratet gewesen ist. „Er gab mir eine Biografie Barbarossas und ich machte eine erste Bilder-Doppelseite. Die schickten wir an verschiedene Verlage für Comicbücher“, sagt Renz. „Einige meldeten sich gar nicht zurück, andere behaupteten, so was passe nicht in ihr Portfolio.“

Heinz Renz machte trotzdem weiter. Eine Doppelseite nach der anderen. Nebenbei. Schließlich arbeitet er ja als Grafiker und hat auch sonst noch viel anderes zu tun. So vergingen zehn Jahre, und das Jubiläumsjahr 2022 rückte näher. „Uns war klar, dass es bis dahin fertig werden muss.“ Mit Dr. Manfred Hennecke aus Remshalden-Buoch fand sich ein Verleger, der gerne kooperierte. Hennecke verlegt auch immer wieder Bücher von Gerhard Fritz. Zudem hatte auch Renz Kontakt zu Hennecke, der 2006 bereits ein Buch von Renz über die Zeit des Zweiten Weltkriegs in Kirchberg und Umgebung und die Amerikaner („D’r Ami kommt“) herausgebracht hatte.

Geschichtsvermittlung wie Asterix?

„Die Biografie Barbarossas in Comicform ist eine ganz tolle Sache“, sagt Manfred Hennecke. „Man lernt sehr viel über die Geschichte und dies in spielerischer Weise. Geschichtsvermittlung wie Asterix halt.“

Wie Asterix ist Heinz Renz’ bilderreiches Werk jedoch nicht wirklich. Im engen Sinne und der reinen Lehre der Genres ist es auch kein Comic, Comicbuch oder eine Graphic Novel. Wer diese Erwartungen hegte, würde enttäuscht. Es gibt keine anatomischen Verulkungen, Knollennasen, „lustig aufbereiteten“ Gewaltszenen oder klischeehaften Darstellungen von Völkern, Gegenständen, Gebäuden, Kleidungen oder Sonstigem. Man findet nichts Fantastisches, Magisches oder Übernatürliches in Renz’ Werk, und auch keine Handlungsstrang-Metaebenen oder sich mit zunehmender Handlung schärfenden Charakterstudien im Sinne einer Graphic Novel. Kurzum: Kein Obelix, kein Asterix, keine Superhelden, nur Menschen und Ereignisgeschichte. Ganz reell. Ganz nüchtern.

Und dennoch ist diese Biografie Barbarossas absolut empfehlenswert. Liebevoll detailreich sind die kolorierten Zeichnungen, die vom künsterlischen Können des Berufsgrafikers zeugen. Deutlich wird auch die Akribie und die Hingabe, die notwendig gewesen sein müssen, um dem Anspruch der annähernd historischen Korrektheit der bildlichen Ausgestaltung von Gewandungen, Kopfbedeckungen, Rüstungen, Waffen, Gebäuden und Fortbewegungsmitteln jener mittelalterlichen Epoche des 12. Jahrhunderts gerecht zu werden.

„Dabei halfen mir zeitgenössische Darstellungen von damals sehr weiter. Ich muss aber gestehen, dass es mich in den Fingern gejuckt hat, auch mal andere Helme als Nasalhelme zu zeichnen (Anm. d. Red.: Helm mit Schutzmetallleiste über der Nase). Die waren aber damals die verbreitetsten, und Barbarossa war ja vom Stil her das Normannische wichtig“, erläutert Renz. „Nur ab und zu habe ich auch mal die selteneren Topfhelme dargestellt.“ Authentischerweise zeichnet Renz zum Beispiel auch die mittelalterliche Bundhaube nicht zugebunden, sondern mit herunterhängenden Bändern und als Unterkappe anderer Kopfbedeckungen.

Es könnten Ruderboote im normannischen Stil gewesen sein

Nur noch ein weiteres Beispiel für Renz’ Akribie: Nach seiner Wahl zum römisch-deutschen König am 4. März 1152 in Frankfurt am Main fährt Friedrich I. Barbarossa den Rhein abwärts bis Sinzig, um von dort weiter nach Aachen zu reiten. Bevor Renz die Boote zeichnete, informierte er sich vor Ort in Sinzig und Mainz, ging ins Schifffahrtsmuseum und diskutierte mit einem örtlichen Historiker. Der bescheinigte ihm schließlich nach geschäftigtem Mailverkehr: „Wenn Sie die Boote wie normannische Ruderboote darstellen, dann ist das plausibel.“

Heinz Renz ist es wichtig, dass alles historisch korrekt ist, in Bild und Text. Dafür hat er auch Transkriptionen historischer Urkunden ausgewertet und einen ganzen Leitz-Ordner davon gesammelt. „Vieles steht in den erhältlichen Biografien nicht so genau drin.“ Die Texte zu den Bildern seien deshalb teilweise sehr eng an die Urkundeninhalte angelehnt.

Zudem verwendet und erklärt Renz damals übliche Fachbegriffe. Etwa die Schwertleite: Die Beförderung zum Ritter verlief nicht wie der aus Filmen bekannte Ritterschlag mit dem Schwert auf die Schulter, sondern in Form der Umgürtung mit dem Schwertgurt und der Anlegung der Reitsporen. Friedrich I. Barbarossa bekam sie 1143 durch seinen Onkel, König Konrad III., gewährt. Oder den Strator- und Marschalldienst: das Pferd am Zügel führen und beim Absitzen den Steigbügel halten. Diesen Dienst verweigerte Friedrich I. Barbarossa mehrfach dem Papst, ja unterstützte sogar schließlich einen Gegenpapst und wollte die weltliche Herrschaft einzig beim Kaiser wissen.

Historisch korrekt, damit sie auch für den Geschichtsunterricht taugt

Zur besseren Übersicht über die ausgedehnten Umritte des Kaisers durchs Reich und seine Hoftage sowie seine Kriegskampagnen vor allem im heutigen Italien gegen aufmüpfige Stadtstaaten von Mailand bis Rom sind in Heinz Renz’ Werk eine Vielzahl von Karten integriert. „Auch das war mir wichtig. Sonst liest man die ganzen Orte und weiß nicht, wo sie sind“, sagt er. Überhaupt habe er die Biografie Barbarossas dergestalt in Comicform und doch akkurat vorlegen wollen, damit sie auch im Geschichtsunterricht verwendet werden könne. „Viele Erwachsene, die sie schon gelesen haben, haben mir übrigens gesagt, sie hätten vieles gelernt, was sie vorher noch nicht wussten“, so Renz.

Durch die vielen Bebilderungen bleibt mehr im Gedächtnis hängen

Und tatsächlich: Durch die Comicform-Ausgestaltung bleibt deutlich mehr an Wissen hängen. Es werden salopp gesagt mehr Sinne angesprochen und Hirnsynapsen aktiviert als beim Durchlesen des schnöden Wikipedia-Eintrags für Friedrich I. Barbarossa oder eines trockenen Schwarz-auf-Weiß-Textes über Rotbart. Doch etwas trocken gerät der textliche Part in Renz’ Werk nach dem Lesen mehrerer Seiten dennoch.

Historische Szenen der Vita Barbarossas werden formalistisch-chronologisch aneinandergereiht. Um für manche Handlungsstränge Bebilderungen zu generieren, greift Renz auf den nicht immer eleganten Regie-Trick des „Knowing Dialogue“ (wissender Dialog) zurück. Dann sprechen Frauen, die spinnen, nasepopelnde Kinder auf der Gasse, oder eben Soldaten im Tross Dinge aus, die womöglich nur der auktoriale Erzähler weiß. Und dann auch noch mit Wortlauten, die Menschen im Alltag nie und nimmer so wählen würden.

Alles in allem ist Heinz Renz’ Biografie in Comicform von „Friedrich von Hohenstaufen, Kaiser Friedrich Barbarossa“ aber ein sehr lobenswertes Pionierwerk, in dem viel Herzblut und zeitaufwendige berufsbegleitende Arbeit von zehn Jahren stecken. Heinz Renz hat hier eine Hauptfigur der deutschen Geschichte in völlig neuer Form lebendig werden lassen und auch aufgeklärt über mittelalterliche Ehrbegriffe und Herrschaftsansprüche, die wir heute wohl anachronistisch nennen würden, die jedoch immer noch in der gegenwärtigen Weltpolitik Nachahmung finden.

Kyffhäuser-Legende und Kaiser Wilhelm I. sowie das Unternehmen Barbarossa

Ein Nachwort von Prof. Gerhard Fritz über die Kyffhäuser-Legende und wie sie von Kaiser Wilhelm I. für seine Zwecke missbraucht wurde, die unsinnige Bezeichnung „Unternehmen Barbarossa“ der Nazis für den Überfall auf die Sowjetunion sowie einen Historiker-Streit über Kaiser Rotbarts Südorientierung auf Italien runden die Biografie in Comicform ab.

Er wuchs auf dem Hohenstaufen auf und war zunächst Herzog von Schwaben: Friedrich I. Barbarossa, im Volksmund Kaiser Rotbart genannt. Außer der Kyffhäuser-Legende ist kaum noch Wissen über ihn verbreitet. Mit einer Biografie in Comicform möchte der Kirchberger Grafiker und Hobbyhistoriker Heinz Renz 900 Jahre nach Barbarossas Geburt auch jüngere Menschen für dessen Geschichte begeistern. Wissenschaftlich beraten wurde er dabei vom Murrhardter Historiker Prof. Gerhard Fritz.

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