Rems-Murr-Kreis

Historikerin erläutert Putins Kriegspropaganda und „allrussischen“ Imperialismus

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Wladimir I. Swjatoslawitsch, genannt Wladimir der Große (960–1015, russisch Владимир Святославич, ukrainisch Володимир Великий, altnordisch Valdamarr Sveinaldsson) auf einem ukrainischen Eine-Hrywnja-Schein (hier ein Ausschnitt). Das ukrainische Wappen (links oben) leitet sich vom Wappen der Rurikiden (Kiewer Rus) ab. Auch die Russen vereinnahmen den Rurikiden-Großfürsten Wladimir I. geschichtsklitternd: Sie sehen ihn als Gründervater der "allrussischen" Nation. Wladimir I. wurde auf der Krim orthodox getauft. Deshalb hat die Halbinsel geradezu "völkisch-mythischen" Status. © Wikipedia gemeinfrei

Gibt es keine unabhängige ukrainische Kultur und auch keine Traditionen der Eigenstaatlichkeit, wie Wladimir Putin behauptet? „Die Erzählung, die Putin hier spinnt, ist ein Narrativ eines imperialen allrussischen Nationalismus, der aus dem 19. Jahrhundert stammt“, sagt die Historikerin Prof. Ricarda Vulpius (Uni Münster).

Sie wird am Sonntag, 6. März, ab 19.30 Uhr bei einem Online-Live-Vortrag der Volkshochschule Schorndorf über dieses Narrativ sprechen, dass Putin nicht erfunden hat, sondern das in einer Zeit entstanden ist, als die nichtrussischen Nationalitäten im Zarenreich mit Bestrebungen nach Unabhängigkeit begannen, die bei den Russen das Gefühl erweckten, gegenwirken zu müssen.“ (Eine Anmeldung zu dem Vortrag war nur bis zum 3. März möglich). 

„Insbesondere die ukrainische Nationalbewegung führte seit dem 19. Jahrhundert zu großen Befürchtungen auf russischer Seite, dass eine Abspaltung vom Zarenreich, sogar in Form eines Zusammenschlusses mit den Polen, erfolgen könnte“, sagt Vulpius. Polen war damals zum größten Teil auch vom Zarenreich besetzt, das war infolge der Teilung im 18. Jahrhundert erfolgt. Die Polen begehrten gegen die Zarenherrschaft auf in zwei großen Aufständen.“

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Die "Waräger-Garde" der oströmischen Kaiser in Konstantinopel auf einer Darstellung in der Chronik des Johannes Skylitzes (12. Jahrhundert). Skandinavische Waräger bildeten auch die Führungsschicht des Reiches der Kiewer Rus, die sowohl den Ukrainern als auch den Russen als legendäre Urväter gelten, auch weil sie für die Verbreitung des orthodoxen Christentums innerhalb der ostslawischen Stämme sorgten. © Wikipedia gemeinfrei

Gründungslegenden rund um die Kiewer Rus und die Krim

So begann die Legende, die Russen, die Belarussen und die Ukrainer, damals Kleinrussen genannt, würden ein Volk darstellen, um den Zusammenhalt zu beschwören. Das wurde „zurückbegründet“ bis in die Zeiten der Kiewer Rus: ein multiethnischer Herrschaftsverband, der um das 10./11. Jahrhundert seine Blüte hatte unter der Herrschaft der Rurikiden, die von skandinavischen Warägern abstammten. „Damals konnte aber natürlich noch gar keine Rede sein von Russen, Belarussen oder Ukrainern. Es gab nur die Ostslawen, die sich noch gar nicht ausdifferenziert hatten, ähnlich wie das für das Fränkische Reich, also die späteren Deutschen und Franzosen, der Fall war.“

Das Entscheidende, was die Ethnien der Kiewer Rus zusammenschweißte, war die Annahme des orthodoxen Christentums durch Kontakte mit dem Oströmischen Reich in Konstantinopel. „Hier war zudem wichtig, dass der Legende nach die Konversion auf der Krim stattfand, wo sich der Rurikiden-Großfürst Wladimir I. (980–1015) taufen ließ. So bleibt bis heute die Krim ein sehr wichtiger Erinnerungsort, sowohl für die Russen als auch für die Ukrainer“, sagt Prof. Ricarda Vulpius.

Beide sähen darin die Wiege ihrer politischen und gesellschaftlichen Traditionen und heutigen Kulturen. „Das Problem ist nur, dass von russischer Seite behauptet wird, dies sei die Genese (Volksbildung) des russischen Volkes, und die Ukrainer würden da immer nur von abschreiben wollen. Davon kann aber gar keine Rede sein, denn die Ausdifferenzierung in Russen und Ukrainer erfolgte erst mit dem Einfall der Mongolen im 13. Jahrhundert, in dessen Folge es zudem zu einer sehr getrennten Geschichte gekommen ist.“

(Einen Artikel auf der Internetseite der Bundeszentrale für politische Bildung über die unterschiedliche Instrumentalisierung der Kiewer Rus auf russischer und ukrainischer Seite finden Sie hier).

Die ukrainischen Kosaken begehrten gegen die katholischen Polen auf

Dann entstand Polen-Litauen (1569–1795), das sich als großer föderaler und monarchistischer Feudalstaat „von Meer zu Meer erstreckte und große Teile der heutigen Ukraine mitumfasste“. Mitte des 17. Jahrhunderts kam es zu mehreren Kosakenaufständen, so auch von "ukrainischen" Kosaken (orthodoxe Christen), die für den polnischen König die Grenzen im Südosten verteidigt hatten, sich im Reich Polen-Litauen gegenüber der polnisch-katholischen Bevölkerung aber benachteiligt sahen.

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"Die Saporoger Kosaken schreiben dem osmanischen Sultan einen Brief": ein Gemälde des russischen Malers Ilja Repin von 1891. Es soll eine Szene darstellen, wie die Kosaken der Saporoger Sitsch, die von der ukrainischen Geschichtschreibung zur ersten unabhängig-"ukrainischen" Staatsform stilisiert wird, dem Sultan in Istanbul (ehemals Konstantinopel) einen übelst beleidigenden Brief schreiben. Dies im Jahre 1676, zu Beginn des Osmanisch-Russischen Krieges. © Wikipedia gemeinfrei

„So baten sie um Aufnahme in den Untertanenverband des russischen Zaren, um von Polen loszukommen. Mit dem Datum 1654 begann damit, wohlgemerkt aber nur für einen Teil der Ukraine, die russische Oberherrschaft. Wobei die Aufständischen das auch nicht auf Dauer wollten und immer wieder versuchten auszubrechen, sich unabhängig zu machen.“ In den Wirren des „Großen Nordischen Krieges“ (1700–1721) seien die Bestrebungen nach Unabhängigkeit letztlich schiefgegangen und große Teile der Ukraine kamen ins Zarenreich, das Ende des 18. Jahrhunderts noch weitere Teile der heutigen Ukraine, etwa die Krim, dem Osmanischen Reich abnahm.

Teile der West-Ukraine blieben jedoch im österreichisch-habsburgerischen Reich. „Besonders in den habsburgerischen Gebieten hat eine fundamental andere Entwicklung eingesetzt als im Zarenreich, nämlich eine freiheitliche, wo auch die ukrainische Sprache gepflegt und gelebt werden durfte“, sagt Prof. Ricarda Vulpius.

Putin denkt wie die russischen Imperialisten des 19. Jahrhunderts

Wenn Putin heute behaupte, dass es keine eigene ukrainische Kultur gebe und auch keine Traditionen der Eigenstaatlichkeit, so sei das eine furchtbare Analogie zu dem, was der spätzaristische Innenminister Walujew 1863 verkündet habe: „Eine ukrainische Sprache hat es nicht gegeben und wird es nicht geben. Und er hat sie verbieten lassen. Das bedeutete einen ganz schweren Rückschlag für die ukrainische Nationalbewegung. Das Verbot wurde dann noch einmal verschärft. Man durfte noch nicht einmal Drucke in ukrainischer Sprache besitzen, auch die Bibel nicht. Das wurde erst 1917 anders, als sich die ukrainische Republik herausbildete“, sagt Prof. Vulpius.

Das Problem sei, dass auch Putins Russland es bis ins 21. Jahrhundert hinein nicht geschafft habe, von den im 19. Jahrhundert entstandenen Konzepten der allrussischen Nation loszukommen. „Man darf nicht übersehen, dass die Vorstellung bei immer noch 80 Prozent der russischen Bevölkerung vorherrscht, weil sie so im Geschichtsunterricht gelehrt wird. Es wird behauptet: Wir haben eine sehr ähnliche, wenn nicht sogar dieselbe Sprache. Wobei Russen wenig verstehen, wenn sie sich beispielsweise im westukrainischen Lwiw (Lemberg) aufhalten.“

Zur Nazi-Zeit habe es leider furchtbare Kollaboration und furchtbaren Antisemitismus innerhalb der ukrainischen Nationalbewegung gegeben, berüchtigt war die galizische SS-Division. „Aber auch in Russland gab es schon seit Jahrhunderten Judenverfolgungen und auch Russen kollaborierten mit den Nazis (Beispiel „Wlassow-Armee“).

Leider würden einige der ukrainischen Nazi-Kollaborateure wie Stephan Bandera heute noch als Nationalhelden gefeiert. „Aber es gibt positive kritische Ansätze, etwa im ukrainischen Nationalmuseum“, sagt Prof. Vulpius. „Da muss jedoch noch viel sachliche Geschichtsaufarbeitung in der Ukraine passieren. Die russische Seite tut allerdings noch viel weniger. Sie arbeitet ihre Vergangenheit nicht nur nicht auf, sondern begräbt die Fortschritte, die man nicht zuletzt dank der Menschenrechtsorganisation Memorial erzielt hatte. Geschichte wird heute in Russland wieder in den Dienst einer unkritischen imperialen Denkweise gestellt, von der wir dachten, wir hätten sie längst hinter uns gelassen.“