Rems-Murr-Kreis

Personalnot in den Kitas: Bald eine Erzieherin für 28 Kinder?

Kita
An den Weinstädter Kitas herrscht Personalnot. Das führt an fünf Einrichtungen zu verkürzten Öffnungszeiten. © Pixabay

Neu gebaute Kitas, die nicht bezogen, Betreuungszeiten, die verkürzt oder Kita-Gruppen, die geschlossen werden – der Erzieherinnen-Mangel führt zu enormen Betreuungsproblemen für Familien – auch im Rems-Murr-Kreis. Nach aktuellen Studien fehlen bis 2030 etwa 40.000 Erzieherinnen in Baden-Württemberg. Die Kommunen schlagen daher Alarm und forderten Ende Februar in einem Positionspapier, Qualitätsstandards herabzusetzen. Zwei Erzieherinnen aus Leutenbach sind entsetzt.

Eine Fachkraft für 28 bis 30 Kinder

„Wir können keine Erzieherinnen backen“, äußert sich Gemeindetagspräsident Steffen Jäger in der dazugehörigen Pressemitteilung. Wenn die Politik die vom Gemeindetag verlangten Abweichungen nicht ermögliche, müssten Hunderte von Kommunen ihr frühkindliches Bildungsangebot einschränken. „Dann müssen wir einem Teil der Kinder sagen: ,Du kannst leider nicht in die Kita kommen.‘ “

Doch was bedeuten die vorgeschlagenen Maßnahmen konkret für den laufenden Kita-Betrieb? Nach den Plänen des Gemeindetags sollen künftig 28 bis 30 Kindergartenkinder in einer Gruppe betreut werden dürfen. Eine einzelne Fachkraft – sprich ausgebildete Erzieherin – soll sich verantwortlich um sie kümmern. Mit der Unterstützung einer geeigneten Hilfskraft, also beispielsweise einer motivierten Mutter. Zumindest zeitweise – so heißt es.

Doch was wird dann aus Baden-Württembergs „Orientierungplan“, den im „Gute-Kita-Gesetz“ formulierten Qualitätszielen? Könnte man unter diesen Voraussetzungen überhaupt noch von „frühkindlicher Bildung“ in den Kitas sprechen?

Erzieherinnen reagieren entsetzt

„Ich bin total schockiert“, sagt Natalie Lipka, die als Erzieherin in Leutenbach arbeitet. Eine einzelne Fachkraft auf 28 Kinder sei schlichtweg „verantwortungslos.“ Auch zeitweise. „Unter solchen Bedingungen könnte ich noch nicht einmal mehr die Aufsichtspflicht gewährleisten und ich hätte Angst, dass den Kindern etwas passiert.“ Sie könne sich vorstellen, dass dann viele Erzieherinnen ihren Beruf nicht mehr ausüben wollten. Zudem blieben zahlreiche praktische Probleme: „Wie sollte ich als einzelne Erzieherin 28 Elterngespräche vorbereiten und führen?“ Von Beobachtungen der Kinder im Alltag, der Erarbeitung altersgerechter Angebote, Gesprächen mit Kooperationspartnern und Dokumentationen, etwa für den so genannten „Portfolio“-Ordner der Kinder gar nicht zu sprechen.  

Eine gesellschaftliche Bankrott-Erklärung

 „Das wäre dann höchstens noch eine Verwahrung und man kann könnte froh sein, wenn alle Kinder bis zur Abholzeit unverletzt bleiben“, sagt auch ihre Kollegin Ines Stecher. Die Pläne seien absolut realitätsfern. „Bereits jetzt ist die Personalsituation in vielen Kitas grenzwertig, oft können krankheitsbedingte Ausfälle nicht aufgefangen werden“, erklärt sie. „Zudem gibt es in jeder Kita auch Kinder mit besonderem Förderbedarf, auf den man dann ja überhaupt nicht mehr eingehen könnte.“ Auch die anderen Kinder hätten Bedürfnisse und als „Erzieherin wünscht man sich ja, auf all diese Bedürfnisse einzugehen und eine gesunde Entwicklung zu ermöglichen. Von Bildung ganz zu schweigen.“

Auch gesellschaftlich gesehen sei das Positionspapier eine absolute Bankrott-Erklärung. „Bildung fängt in der Kita an. Wir Erzieherinnen haben eine hohe Verantwortung und müssen mit immer schlechteren Rahmenbedingungen umgehen. Zeitgleich haben viele Eltern immer höhere Ansprüche. Da fehlt mir einfach die Wertschätzung“, sagt sie. „Wenn dann einfach ungelernte Hilfskräfte den Beruf machen sollen, warum habe ich dann überhaupt meine Ausbildung gemacht?“

Neu gebaute Kitas, die nicht bezogen, Betreuungszeiten, die verkürzt oder Kita-Gruppen, die geschlossen werden – der Erzieherinnen-Mangel führt zu enormen Betreuungsproblemen für Familien – auch im Rems-Murr-Kreis. Nach aktuellen Studien fehlen bis 2030 etwa 40.000 Erzieherinnen in Baden-Württemberg. Die Kommunen schlagen daher Alarm und forderten Ende Februar in einem Positionspapier, Qualitätsstandards herabzusetzen. Zwei Erzieherinnen aus Leutenbach sind entsetzt.

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