Rems-Murr-Kreis

Studieren mit Corona: Von Online-Vorlesungen und Morgenroutinen während einer Pandemie

Einstieg ins Berufsleben Jule Ulmer Hannah Kramer
Die Studierenden Jule (20) und Hannah (19) haben mitten in der Corona-Krise ihr Studium begonnen. © Privat/ZVW

Zu Beginn unserer Serie „Völlig lost – Wir die Generation Corona-(Durch)-Starter“ haben wir, Franzi und Sophie, von unseren Erfahrungen über den Start ins Berufsleben berichtet. Jetzt wollen wir eine Stufe weitergehen und all die Stimmen widerspiegeln, die wir erreichen konnten: Wie erleben junge Menschen die Corona-Situation – vor allem im Hinblick auf den Berufs- oder Studienstart? Wir haben mit den beiden Studierenden Jule (20) und Hannah (19) gesprochen, die uns über sich und ihre Situation erzählt haben.

Danke, Corona!

Für viele kam der Start in einen neuen Lebensabschnitt ganz anders als erwartet. Sie mussten Hindernisse überwinden und noch nie da gewesene Ängste bekämpfen. Keine Feiern, keine WG-Partys, nicht mit Leuten im Park sitzen und ein Bierchen trinken – das Studentenleben stellt man sich einfach geselliger vor.

Jule aus Stuttgart-Vaihingen absolviert derzeit ein Duales Studium bei der DHWB in Stuttgart. Sie hat 2019 ihr Abi gemacht, war dann auf Reisen und nebenher jobben. Ihren Plan, noch ein wenig die Welt zu erkunden und zum Wintersemester 2020 mit einem Studium anzufangen, konnte sie so nicht umsetzen.  Und nicht nur das. Einen Aushilfsjob, beispielsweise in der Gastronomie, ergattern? Fehlanzeige. Alles, was man sich als „junger, unerfahrener Absolvent“ vorgenommen hatte, verpuffte im Nichts. Die fast schon grenzenlosen Möglichkeiten, die man als Schulabgänger hat, wurden von Angst und Unsicherheiten überschattet.

Morgenroutine? Was soll das sein?

Jule, die Dienstleistungsmanagement studiert, ist seit Januar im Unternehmen. Ganze drei Tage war sie im Büro, bevor sie ins Home-Office geschickt wurde. Wie findet man in so einer Situation die Motivation, am Ball zu bleiben?

Am Anfang habe sie tatsächlich gar nichts gemacht. „Ok, ein paar Wochen im Home-Office und dann wieder ins Büro“ – so habe sie sich das zunächst vorgestellt. Aus Wochen wurden Monate. Irgendwann habe sie bemerkt, dass sie eine Routine brauche. So hat sie begonnen, morgens vor der Arbeit Sport zu machen und sich, obwohl sie nur zu Hause war, ein bisschen aufzuhübschen.

Die 19-Jährige Hannah, die soziale Arbeit in Freiburg studiert, hatte zu Beginn auch keine richtige Routine. Sie stand „kurz vor knapp“ auf, um dann das Bett gegen ihren Schreibtischstuhl einzutauschen und sich in die Seminare einzuloggen. „Ich war noch total verschlafen und wusste, ok, ich sitze jetzt den ganzen Tag von 9 bis 17 Uhr am Laptop.“

Das Gefühl, dass sie online nicht so viel mitnimmt, wird Hannah erst einmal nicht los. Die Ablenkung zu Hause ist groß. Da schweift man gerne mal ab und konzentriert sich auf andere Dinge, wie Kochen oder durchs Handy zu scrollen. Kurz gesagt: Man ist anwesend, ohne wirklich anwesend zu sein. Sie fand ihre Motivation schlussendlich darin, mit ihren Mitbewohnerinnen zusammen zu lernen. „Insgesamt habe ich glaube ich, nicht so viel gelernt. Dafür hat mir einfach der Antrieb gefehlt.“

Einsteig ins Berufsleben Jule Ulmer
Nach ein paar Monaten im Home-Office weiß Jule, wie man es sich gutgehen lässt: Ein bequemes Outfit und Kuschelsocken sind ein Muss. © Privat/ZVW

Ich glaube, wir sollten uns kennen

Was zu Nicht-Corona-Zeiten völlig normal wäre, ist in diesen Zeiten zur Seltenheit geworden: Kollegen oder auch Kommilitonen persönlich kennenzulernen.

Vielen der Mitarbeiter in Jules Unternehmen ist sie noch nicht persönlich begegnet, sie fühle sich aber trotzdem sehr wohl. „Wir haben einmal in der Woche ein Meeting mit der ganzen Firma. Klar wäre Büro cooler – keine Frage! Ich finde aber, dafür wurde das ganz gut gelöst,“ meint sie.

Ähnlich erging es Hannah. „Im Oktober hatte ich zum Glück noch Einführungstage in Präsenz. So konnte ich ein paar Leute persönlich in der Hochschule kennenlernen.“ Inzwischen hat sie zu drei, vier Kommilitonen Kontakt knüpfen können. Von einer Mitstudentin wurde Hannah angeschrieben: „Ich glaube, das hat ganz schön viel Mut gekostet. Online ist die Hürde noch einmal viel größer.“ Hannah ist sich sicher, dass man ohne Corona besser vernetzt wäre: „Ich kenne immer noch nicht alle Leute aus meinem Studiengang.“ Die Kamera ist nämlich nicht während allen Seminaren an. Hannah orientiert sich an den anderen: „Wenn in einem Seminar nur zwei Leute die Kamera anhaben, dann habe ich nicht so Lust, meine anzumachen.“

Kontaktbeschränkungen, Verzweiflung oder auch: der Corona-Blues

Corona hat viele mit Sicherheit schon mal an den Rand der Verzweiflung gebracht. Letzten Winter kam Jule mit der Situation noch etwas schlechter zurecht als dieses Jahr. Für sie waren insbesondere die Kontaktbeschränkungen ziemlich belastend. „Ich hätte es mir nicht vorgestellt, dass es einen so hart trifft, wenn man so lange keine Leute sieht.“ Vor ihrem Studium hat die 20-jährige in einem Kindergarten gearbeitet. Sie glaubt, das habe ihr viel dabei geholfen, nicht aufzugeben. Dadurch sei sie rausgekommen und konnte trotz Lockdown noch ihre Kollegen und die Kinder sehen.

Bei Hannah hingegen ploppte schon einmal der Gedanke auf, einfach alles hinzuschmeißen: als sie ihre beste Freundin beim Rumreisen verfolgt hat, während sie selbst in ihrem Zimmer stundenlang am Laptop hing. Auch, dass sie ein Jahr später hätte anfangen können, schwirrte ihr mal durch den Kopf, sie hätte aber auch nicht wirklich gewusst, wie sie das Jahr überbrücken sollte.

Die beiden Studierenden hoffen, schon bald ihre Vorlesungen vor Ort besuchen zu können, um so einen Hauch des Studentenlebens genießen zu können. Hannah gibt zu, dass sie von ihrer Hochschule ein wenig enttäuscht ist. Es sei wohl ein zu großer Aufwand gewesen, alles wieder in Präsenz umzuwandeln, weswegen es bis zum Ende des Semesters weitgehend bei Online-Vorlesungen geblieben ist.  In manchen Seminaren seien zum Teil nur 15 Leute. „Wenn wir in einem großen Saal sitzen, mit Abstand, Maske, Lüften und wegen mir noch einem aktuellen Tagestest, dann müsste das doch gehen“, findet sie.

Zukunftsangst? Nicht mit mir!

Bis Jule und Hannah mit ihrem Studium fertig sind, dauert es noch. Die Frage, ob sie Angst oder Bedenken haben, nach dem Abschluss aufgrund von Corona schlechter an einen Job zu kommen, verneinten beide. „Ich glaube, das Problem liegt eher bei dem Jahrgang, der nach mir Abi gemacht haben. Da könnte es eher Nachteile geben, weil sie in der Schule Stoff verpasst haben,“ äußert Jule ihre Bedenken. Das habe sie sogar bei sich schon gemerkt. Bei vielen Leuten, die ein Duales Studium machen wollten, konnten es sich die Firmen nicht mehr leisten, jemanden anzustellen. Hannah hingegen ist, was das soziale Berufsfeld angeht, zuversichtlich, da hier immer Leute gesucht werden. „Meine Schwester studiert Gesang und da wurden viele Opernstellen und Kultursachen gestrichen und gekürzt. Sie macht sich auf jeden Fall Sorgen.“

Auch das Thema Impfen beschäftigt Hannah. Dass ältere Personen priorisiert wurden, findet sie richtig – aber insgesamt mussten junge Leute sich doch oft zusammenreißen im Verlauf dieser Pandemie. „Ich habe es gerne aus solidarischen Zwecken gemacht, aber trotzdem hatte ich das Gefühl, dass wir bei vielen Sachen zu kurz gekommen sind.“

Aus so einer turbulenten Zeit, voller Unsicherheiten, Ängste und einem ständigen Auf und Ab etwas Positives zu entdecken, ist nicht einfach. Jule schaffte es, etwas Gutes aus dieser Zeit für sich mitzunehmen. „Ich habe gelernt, dass man allein sein und sich eben auch selbst beschäftigen kann, ohne dass man jetzt ständig unterwegs sein muss. Ich glaube, das hat mir ganz gutgetan, mal ein bisschen Zeit für mich zu haben, zu überlegen: Hey, was will ich eigentlich.“