Menschen im Fadenkreuz

Jahrzehnte des Hasses (1/7): Anfänge rechten Terrors in Deutschland – die 1950er und 1960er Jahre

R.Dutschke,Tatort,Fahrrad,Schuhe/ Foto - -
Tatort des Attentats auf Rudi Dutschke am 11.4.1968 auf dem Kurfürstendamm in Berlin. © dpa/akg-images

In der Artikel-Serie "Jahrzehnte des Hasses" skizzieren wir im Gespräch mit dem Rechtsextremismus-Experten Prof. Dr. Fabian Virchow die Kontinuitäten rechtsextremen Terrors in der Bundesrepublik Deutschland. Die Texte stammen aus dem Austellungsband "Menschen – im Fadenkreuz des rechten Terrors". Alle Teile der Serie finden Sie hier.

19. Februar 2020: Ein 43-Jähriger erschießt im hessischen Hanau neun Menschen in, vor und auf dem Weg zwischen zwei Shisha-Bars.

Den 23-jährigen Ferhat Unvar.

Die 35-jährige Mercedes Kierpacz.

Den 29-jährigen Sedat Gürbüz.

Den 37-jährigen Gökhan Gültekin.

Den 22-jährigen Hamza Kurtović.

Den 33-jährigen Kaloyan Velkov.

Den 22-jährigen Vili Viorel Păun.

Den 21-jährigen Said Nesar Hashemi.

Den 34-jährigen Fatih Saraçoğlu.

Weitere Menschen werden bei dem Anschlag teils schwer verletzt. Kurze Zeit später erschießt der Täter in der elterlichen Wohnung seine 72 Jahre alte Mutter und sich selbst.

Noch am frühen Morgen des 20. Februar übernimmt die Bundesanwaltschaft die Ermittlungen. Begründung: „Es liegen gravierende Indizien für einen rassistischen Hintergrund der Tat vor.“

Lange sind die Ermittlungen zum Anschlag in Hanau nicht abgeschlossen. Die Angehörigen der Ermordeten erheben teils schwere Vorwürfe gegen die Sicherheitsbehörden. Viele Fragen sind bis heute ungeklärt.

Fest steht dagegen: Der Täter handelte aus rassistischen Motiven. Das Bundeskriminalamt stuft die Tat als eindeutig rechtsextremistisch ein – und ist damit nicht alleine.

Im November 2020 zitierte der „Spiegel“ aus einem rund 140 Seiten langen Gutachten, das der forensische Psychiater Henning Saß im Auftrag der Bundesanwaltschaft erstellt hatte. Das Ergebnis: Der Täter habe nicht nur unter „krankheitsbedingten Fantasien“ gelitten, er habe auch einer „rechtsradikalen Ideologie“ angehangen. Beides sei untrennbar miteinander verbunden gewesen. 

Hanau reiht sich damit ein in eine lange Serie von rechtem Terror in Deutschland.

Das Ausmaß des Terrors

Die Terrorismusdatenbank des German Institute on Radicalization and De-radicalization Studies umfasst allein 2.459 rechtsextreme Brandanschläge seit 1971 – und im gleichen Zeitraum mindestens  348 rechtsextrem motivierte Morde und Mordversuche (Stand: 14. Januar 2021).

Doch wo beginnt die Geschichte des Rechtsterrorismus in Deutschland nach dem Zweiten Weltkrieg? Welche Formen hat er über die Jahre angenommen? Wie haben sich die Akteure organisiert, welche Ideologien bestimmten ihr Handeln?

Der Politikwissenschaftler und Rechtsextremismus-Experte Prof. Dr. Fabian Virchow, der aktuell an der Hochschule Düsseldorf lehrt und forscht, hat über diese Fragen ein Buch geschrieben: „Nicht nur der NSU: Eine kleine Geschichte des Rechtsterrorismus in Deutschland“. Es legt die wichtigsten Stationen, Konzepte und die Zukunft des rechten Terrors offen – und erklärt, was Staat und Gesellschaft dem entgegensetzen können.

Die 50er Jahre: Ist das schon Rechtsterrorismus?

23. Juni 1950: In Frankfurt am Main gründet sich der antikommunistische „Bund Deutscher Jugend“ (BDJ) mit der Teilorganisation „Technischer Dienst“ (TD). BDJ und TD sind ein Sammelbecken für ehemalige SS- und Wehrmacht-Offiziere.

Während der BDJ mit Demonstrationen auffällt, bei denen es zu gewaltsamen Auseinandersetzungen kommt, operiert der TD eher im Verborgenen. Die Mitglieder bereiten sich auf den Ernstfall vor – den befürchteten Einmarsch der sowjetischen Armee.

Ob die Geschichte des Rechtsterrorismus in der Bundesrepublik bereits mit BDJ und TD beginnt, werde in der Forschung kontrovers diskutiert, sagt Fabian Virchow. „Diejenigen, die das ablehnen, sagen, das sei in weiten Teilen eine politische Organisation gewesen, die materiell ausgestattet wurde von den US-amerikanischen Geheimdiensten.“

Er selbst sei anderer Meinung. „Bei BDJ und TD war schon die antikommunistische Motivation zentral. Es wurden konspirativ Benzinlager angelegt, die Kommunikation fand über Kuriere statt, es wurden Listen geführt, wen man im Zweifelsfalle zu eliminieren hätte.“

7. Januar 1953: BDJ und TD werden in Hessen verboten, die restlichen Bundesländer sollten einen Monat später nachziehen. Im Zuge der Ermittlungen werden „schwarze Listen“ mit Namen von insgesamt 40 Personen gefunden. Die Personen, größtenteils hochrangige SPD-Politiker, sollten am „Tag X“ „aus dem Verkehr gezogen“ werden.

Dass die Formulierung „Tag X“, die heute vor allem durch die Berichterstattung über rechtsextreme Prepper-Gruppen und Netzwerke wieder geläufig ist, schon damals Verwendung fand, lässt sich laut Virchow mit dem militärischen Hintergrund der BDJ- und TD-Mitglieder erklären. „Das ‚X‘ markiert für diese Leute im Prinzip erst mal den Eintritt eines Ereignisses – in den frühen 50ern war dies der befürchtete Einmarsch der Roten Armee.“

Die 60er Jahre: Terror in Südtirol, die NPD und das Dutschke-Attentat

Auch die frühen 60er-Jahre würden bei der Frage, wann der rechte Terror im Nachkriegs-Deutschland seinen Anfang nahm, oft ausgeblendet, sagt Fabian Virchow.

Damals beteiligten sich Deutsche an terroristischen Aktionen in Südtirol, die eine Abtrennung der Region von Italien, mindestens aber eine weitreichende Autonomie zum Ziel hatten. „Das würde ich dazuzählen, weil da der Gedanke zugrunde liegt, dass es um die Wiederherstellung als natürlich gedachter territorialer Grenzen geht.“

31. Januar 1961: In Waidbruck, einer kleinen Gemeinde in Südtirol, sprengen Mitglieder einer Vereinigung namens „Befreiungsausschuss Südtirol“ (BAS) ein Reiterstandbild Benito Mussolinis – den „Aluminium-Duce“. Es ist der Beginn einer Anschlagsserie, die ihren vorläufigen Höhepunkt am 11. Juni desselben Jahres erreichen wird, in der sogenannten „Feuernacht“.

Nicht nur Angriffe auf Wahrzeichen des italienischen Staates oder die lokale Infrastruktur gehen auf das Konto des BAS. Bei Anschlägen und Überfällen, die mit dem BAS in Verbindung gebracht werden, wurden in den 60er-Jahren mehrere italienische Sicherheitskräfte verletzt und getötet. Auch gezielte Angriffe auf Repräsentanten der italienischen Republik werden dem BAS zugeschrieben.

„Das Problem ist: Den italienischen Quellen ist in diesem Zusammenhang wenig zu trauen“, sagt Fabian Virchow. Mitglieder des BAS warfen den Behörden brutale Methoden bis hin zur Folter von Gefangenen vor.

11. April 1968: Rudi Dutschke, Leitfigur der studentischen Protestbewegung, wird auf dem Berliner Kurfürstendamm niedergeschossen. Kugeln treffen ihn in die Wange, die Schläfe und die Schulter. Er erleidet schwere Hirnverletzungen.

Beim Täter, einem jungen Hilfsarbeiter namens Josef Bachmann, fanden die Ermittler später ein Porträt Adolf Hitlers und eine Ausgabe von „Mein Kampf“. Er soll „Du dreckiges Kommunistenschwein!“ gerufen haben, bevor er den Abzug drückte. Rudi Dutschke starb 1979 an den Spätfolgen des Attentats.

Lange galt Bachmann als Einzeltäter. Nachträglich sei es natürlich schwierig zu rekonstruieren, wie die Radikalisierung derer, die heute als Einzeltäter gelten, vonstatten ging, sagt Fabian Virchow. Allerdings ging 2009 aus bis dahin unbekannten Stasi-Akten hervor, dass der Dutschke-Attentäter Kontakte in die militante Neonazi-Szene hatte. Die Journalisten Peter Wensierski und Cordt Schnibben enthüllten zudem in dem ARD-Dokudrama „Dutschke – Schüsse von Rechts“, dass eine rechtsextreme Gruppe aus Peine Bachmann vor dem Attentat aufgehetzt habe. Diese Nazizelle gehörte in den 70er Jahren zu den gefährlichsten Gruppen in der Bundesrepublik.

Terror-Kleingruppen aus dem NPD-Umfeld

Virchow sagt, es sei in der Forschung unbestritten, dass sich in den späten 60er Jahren viele solcher Kleingruppen aus dem neonazistischen Spektrum zusammengetan haben. „Die Mitglieder dieser Gruppen stammten damals oft aus dem Umfeld der NPD.“ Die rechtsextreme Kleinpartei, die sich 1964 gegründet hatte, verpasste nach ersten Erfolgen 1969 den Einzug in den Bundestag. Das habe in der Szene für Frust gesorgt, sagt Virchow.

Die Gruppen, die oft aus fünf bis 15 Leuten bestanden haben, seien in der Regel antikommunistisch gewesen, hätten Waffen angeschafft – und „bestimmte Personen gezielt auf dem Kieker gehabt. Das ist nicht unbedingt in dem Umfang passiert, wie wir das heute kennen, aber es gibt eine Tradition dieser Feindeslisten“, sagt Virchow. Oft seien die Gruppen aufgeflogen, bevor sie Anschläge verübt hätten.

1969: Als Reaktion auf die Niederlage der NPD bei der Bundestagswahl gründen Mitglieder der Partei die neonazistische „Europäische Befreiungsfront“, kurz EBF. Sie verstehen sich als „Kampfgruppe gegen den Kommunismus“.

Pläne der EBF, im Folgejahr einen Anschlag auf die Stromversorgung eines Auftritts des damaligen Bundeskanzlers Willy Brandt zu verüben, wurden vereitelt. Bei Durchsuchungen fanden die Ermittler neben einem umfangreichen Waffenarsenal auch Dokumente, in denen der Aufbau einer deutschlandweiten Terrororganisation skizziert wurde.

Die Frankfurter Allgemeine Zeitung berichtete in ihrer Ausgabe vom 19. Juli 1972: „Angeblich sollten Politiker und Journalisten entführt, innerdeutsche Grenzzwischenfälle mit Waffengewalt provoziert und sogar die Kasseler Spitzengespräche durch Anschläge auf das Stromnetz gestört werden.“

„Im Laufe der 70er Jahre lässt sich beobachten, wie sich Gruppen professionalisieren, ins Ausland ausweichen, konspirative Wohnungen anmieten“, sagt Fabian Virchow. „Vorsichtig formuliert: ein ‚Lernprozess‘.“

Wie dieser Prozess aussah und welche fatalen Folgen er hatte, lesen Sie im zweiten Teil unserer Serie.

Menschen – im Fadenkreuz des rechten Terrors

Dieser Text ist ein Auszug aus dem Buch "Menschen – im Fadenkreuz des rechten Terrors". Es kann über den ZVW-Shop oder im Online-Shop von CORRECTIV bestellt werden. Das gleichnamige Projekt ist eine Kooperation elf renommierter Regionalmedien in Zusammenarbeit mit dem Weissen Ring e.V., unter Leitung des gemeinnützigen Recherchezentrums CORRECTIV.

Weitere Texte zum Thema finden Sie auf www.menschen-im-fadenkreuz.de oder unter zvw.de/menschen-im-fadenkreuz.