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Stuttgart: Jüdische Gemeinde hat im Fall Inna Zhvanetskaya bereits interveniert

Synagoge Stuttgart Juden jüdische Gemeinde
Blick in die Synagoge in Stuttgart. © ZVW/Gariel Habermann (Archiv)

Der Fall der Holocaust-Überlebenden Inna Zhvanetskaya aus Stuttgart erregt mittlerweile internationale Aufmerksamkeit. In der Online-Ausgabe der englischsprachigen israelischen Tageszeitung „Jerusalem Post“ erschien vor wenigen Tagen ein Artikel zum Thema. Auch Fox-News, der größte US-amerikanische TV-Sender, berichtete. Beide Artikel berufen sich im Kern auf das rechte österreichische Medium „Report 24“, das den Fall Inna Zhvanetskaya öffentlich gemacht hatte –  und transportieren dessen Erzählung. Nun äußerte sich erstmals ein Vorstand der Israelitischen Religionsgemeinschaft Württembergs (IRGW) zu dem Thema.

„Das ist das Schlimmste für mich“: IRGW-Vorstand kritisiert Instrumentalisierung

„Dass gewisse Kreise jetzt versuchen, diesen Fall zu instrumentalisieren, und daraus Profit zu schlagen, gefällt uns überhaupt nicht“, sagt IRGW-Vorstandsmitglied Mihail Rubinstein. „Ob die Frau jüdischer Abstammung ist oder nicht, spielt gar keine Rolle“, so Rubinstein. „Hätte Sie eine andere Religionszugehörigkeit, dann hätte sich keiner dafür interessiert.“ Nun werde jede kleine Möglichkeit genutzt, sich auf Kosten der 85-Jährigen zu profilieren – „das ist das Schlimmste für mich“.

Aber worum geht es beim Fall Inna Zhvanetskaya überhaupt? Das Amtsgericht Stuttgart – Bad Cannstatt hatte im Rahmen eines zivilrechtlichen Verfahrens genehmigt, dass die 85-Jährige in einer psychiatrischen Einrichtung untergebracht und gegen ihren Willen geimpft werden darf. Im Gerichtsbeschluss wird das mit psychischen und körperlichen Leiden der Frau begründet, die mittels eines medizinischen Gutachtens attestiert wurden. Inna Zhvanetskaya sei nicht in der Lage, im Hinblick auf ihren gesundheitlichen Zustand freie Willensentscheidungen zu treffen. Die häusliche Pflege gestalte sich schwierig, die Maßnahmen würden ihrem Schutz dienen, ihr drohe großer gesundheitlicher Schaden.

Report 24: Wie ein rechtes Medium den Fall an die Öffentlichkeit brachte

„Vertraute“ von Inna Zhvanetskaya sollen sich daraufhin an „Report 24“ gewandt haben. In einem Video sprach Inna Zhvanetskaya darüber, dass Musik für sie lebenswichtig sei, und sie deshalb „hier“ bleiben möchte – die Aufnahmen zeigen mutmaßlich ihre Wohnung in Stuttgart. Das Medium veröffentlichte auch geschwärzte Auszüge des Gerichtsbeschlusses, der parallel dazu in voller Länge in Telegram-Kanälen der Querdenker-Szene kursierte. Inklusive sensibelster medizinischer Daten sowie Namen und Adressen von beteiligten Personen. Die zuständige Richterin erhielt daraufhin Drohungen.

„Report 24“ erfreut sich größter Beliebtheit in der Querdenker-Szene. In den Artikeln des Mediums werden „seit seiner Gründung regelmäßig falsche Informationen über die Corona-Maßnahmen und Impfungen" verbreitet, schreibt „Correctiv“. Der „Standard“ aus Wien schreibt in einem Artikel, „Report 24“ gehöre mit Plattformen wie „Auf1“ zu einem „rechten Propagandacluster“.  

NS-Vergleiche: Querdenker-Szene rief zur „Befreiung“ auf

Der „Report 24“-Artikel verbreitete sich wie ein Lauffeuer auf Telegram. Köpfe der Querdenker-Szene veröffentlichten noch am 10. Januar direkte und indirekte Aufrufe, Inna Zhvanetskaya zu „befreien“. Als die Betreuerin der 85-Jährigen sie am nächsten Tag für die Unterbringung in einer psychiatrischen Einrichtung abholen wollte, war sie nicht anzutreffen. In der Szene und rechten Medien hieß es daraufhin, „Aktivisten“ hätten Inna Zhvanetskaya „versteckt“. Dabei wurden immer wieder Vergleiche zur Zeit des Nationalsozialismus angestellt.

„Leider wurde der rechtlich und sozial komplexe Betreuungsfall um Inna Zhvanetskaya von Internetmedien ohne vorherige Nachfragen skandalisiert“, sagte Michael Blume, Beauftragter der Landesregierung gegen Antisemitismus, am Montag (16.01.) gegenüber unserer Redaktion. Die IRGW kenne Inna Zhvanetskaya dagegen sehr gut, sagt Vorstandsmitglied Mihail Rubinstein. Die Sozialabteilung der Gemeinde habe öfter mit der Frau zu tun gehabt, sich um sie gekümmert. Ob sie psychisch krank sei, dazu gebe es von verschiedenen Stellen unterschiedliche Meinungen. „Ich kann dazu nichts sagen, ich bin kein Arzt.“

IRGW: Jüdische Gemeinde versuchte, Impfung abzuwenden

Als der Vorstand der Gemeinde von der Entscheidung des Amtsgerichts erfuhr, eine Covid-Impfung gegen den Willen von Inna Zhvanetskaya zu genehmigen, habe man sich sofort eingeschaltet. „Wir haben freundlich an das Gericht geschrieben, dass wir davon nichts halten“, so Rubinstein. Das Schreiben vom 11. Januar liegt unserer Redaktion vor. Die Haltung der IRGW wird darin ausführlich anhand der Erfahrungen mit der 85-Jährigen begründet.

„Wir kennen diese Frau sehr lange, auch zu Zeiten, wo wir sagen können, dass sie sich bewusst gegen die Impfung ausgesprochen hat“, so Rubinstein. Er selbst sei dreimal geimpft und halte das für sinnvoll, doch das sei „keine Entscheidung, die ein Gericht zu treffen hat“. Das Amtsgericht habe daraufhin auch prompt geantwortet, dass dieser Punkt des Gerichtsbeschlusses vom Landgericht Stuttgart erstmal außer Kraft gesetzt wurde. Wie berichtet, hatte Inna Zhvanetskaya Beschwerde eingelegt. Diese Beschwere wird aktuell geprüft – zur Dauer des Vorgangs konnte ein Sprecher des Landgerichts zuletzt keine Angaben machen.

Video aus dem „Versteck“: Ein Lebenszeichen von Inna Zhvanetskaya

Wo sich Inna Zhvanetskaya aufhält, ist weiter unklar. Der in der Querdenker-Szene bekannte Rechtsanwalt Holger Fischer, der angibt, sie zu vertreten, sagte zuletzt, dass es seiner Mandantin gut gehe. Am Mittwoch (18.01.) veröffentlichte „Report 24“ ein Video, dass die 85-Jährige in ihrem „Versteck“ zeigen soll. Sie bedankt sich darin bei Menschen, die ihr geholfen hätten. Im dazugehörigen Artikel heißt es: „[D]ie gepflegte Dame scheint entgegen der Behauptung niederträchtiger Massenmedien bei bester Gesundheit, sowohl geistig als auch körperlich.“ Weiterhin wird die jüdische Aktivistin Mascha Orel zitiert, de schreibt, Zhvanetskaya sei jetzt glücklich.

Mascha Orel ist in der Querdenker-Szene keine Unbekannte. Auf der Website ihrer Initiative „We for Humanity“, die Holocaust-Überlebende und deren Nachfahren vertreten soll, finden sich Offene Briefe zu Corona-Themen. Darin heißt es zur Covid-Impfung beispielsweise: „Es ist für uns offensichtlich, dass sich vor unseren Augen ein weiterer Holocaust größeren Ausmaßes abspielt.“ In einem anderen Dokument wird der Mikrobiologe Sucharit Bhakdi gegen Antisemitismus-Vorwürfe verteidigt – auch hier wird mit einem angeblich drohenden Holocaust argumentiert.

Demo in Stuttgart: Querdenker-Szene will auf Holocaust-Vergleiche verzichten

Die Querdenker-Szene will am Freitag (20.01.) anlässlich des Geburtstags von Inna Zhvanetskaya in Stuttgart demonstrieren. Man protestiere gegen die Einweisung und Zwangsimpfung der 85-Jährigen, heißt es in einer Ankündigung, die auf Telegram kursiert. Vergleiche zur Zeit des Nationalsozialismus sollen dabei offenbar vermieden werden. „Wir wollen hier keinerlei Parallelen zum Holocaust ziehen“, so der Ankündigungstext. „Auf den Plakaten und den Reden ist dies bitte strikt zu unterlassen.“