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Tod von Tabitha E.: Rechtsextremistische Identitäre hetzen gegen Bürgermeister von Asperg

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Symbolbild. © pixabay (CC0 Public Domain)

Die rechtsextremistische Identitäre Bewegung (IB) versucht, den Fall der getöteten Tabitha E. (17) aus Asperg (Kreis Ludwigsburg) für ihre rassistische Ideologie zu instrumentalisieren. Dabei geriet der Bürgermeister der Gemeinde, Christian Eiberger, in den Fokus der Rechtsextremisten – und wird nun beschimpft und bedroht.

Stadt unter Schock: Was über den Tod von Tabitha E. bekannt ist

Am Sonntag (24.07.) fand in Asperg das Stadtfest statt. Angesichts des Todes von Tabitha E., dessen Umstände noch immer größtenteils unklar sind, wurde das Programm über den Haufen geworfen. Freibier und Feuerwerk wurden abgesagt, statt eines Fassanstichs eröffnete ein Gottesdienst samt Gedenkminute die Veranstaltung. „Es geht um einen angemessenen Umgang mit dieser grausamen Tat“, wird Bürgermeister Eiberger in der Ludwigsburger Kreiszeitung zitiert.

Die Schülerin Tabitha E. wurde am 17. Juli tot aufgefunden. Zuvor war sie tagelang vermisst worden. Polizei und Staatsanwaltschaft gehen aktuell von einem Gewaltverbrechen aus, eine Obduktion hatte entsprechende Hinweise geliefert. Der Tatverdächtige, ein 35 Jahre alter Mann, sitzt in Untersuchungshaft – und schweigt. Eine Sonderkommission ermittelt in dem Fall.

Identitäre Bewegung: Inszenierung statt Anteilnahme

Am Wochenende des Stadtfests stellten IB-Aktivisten offenbar ein Holzkreuz samt Tafel in der Gemeinde auf: „In Gedenken an Tabitha E.“ Fotos davon wurden über einen Telegram-Kanal der Gruppierung verbreitet. Dass es dabei szenetypisch nicht um Anteilnahme, sondern um Inszenierung ging, verrät schon der dazugehörige Text. Darin wird der Tod von Tabitha E. in einen rassistischen Kontext gestellt.

Die Identitäre Bewegung ist eine rechtsextremistische Gruppierung, die in mehreren europäischen Ländern existiert. In Baden-Württemberg schätzt das Landesamt für Verfassungsschutz die Zahl der Mitglieder auf etwa 100. Das geht aus dem aktuellen Verfassungsschutzbericht für 2021 hervor.

Ziel der Aktionen der Identitären Bewegung sei unter anderem, „in der deutschen Bevölkerung islamfeindliche und völkische Positionen zu etablieren sowie das Vertrauen in das politische System der Bundesrepublik und seine Vertreter zu erschüttern.“

Im Fokus: Christian Eiberger, Bürgermeister von Asperg

Auf einem der Bilder, die von der IB auf Telegram veröffentlicht wurden, ist ein Mann zu sehen, der das Holzkreuz wegträgt. Der Kopf wurde rot umkreist, und daneben ein Foto des Asperger Bürgermeisters samt Namen eingefügt. Der Beitrag verbreitete sich rasch, auch Martin Sellner teilte ihn auf seinem Telegram-Kanal. Sellner gilt als Kopf der Identitären Bewegung im deutschsprachigen Raum. Er kommentierte die Aktion in Asperg mit den Worten: „Weg mit Christian Eiberger!“

In den Kommentarspalten ergießt sich seitdem Hass über den Asperger Bürgermeister. Zu den zahlreichen Beleidigungen kommen rassistische Kommentare und unterschwellige Drohungen. Politiker hätten „Namen und Adressen“, man solle ein Kreuz mit seinem Namen aufstellen. Ein Nutzer meint, man solle die Bilder – darunter das von Christian Eiberger – ausdrucken und im Ort und den Nachbargemeinden aufhängen. Ein anderer schreibt: „Dem würde ich gerne mal fünf Minuten meiner Zeit widmen …“

Kreuz nicht entfernt: Was wirklich geschah

Wir haben Christian Eiberger über die Aktion der IB informiert. Am Telefon erzählte er uns, was an diesem Tag mit dem Holzkreuz passiert ist – und aus welchem Grund.

Am Sonntag hatte die Stadt im Rahmen des Festes einen Gottesdienst abgehalten. „Da habe ich eine Kerze angezündet, die ich der Familie übergeben möchte“, so Eiberger. „Nach dem Gottesdienst haben mich dann Bürger angesprochen. Auf dem Kirchplatz stünde ein großes Kreuz, zum Blumen niederlegen, ob ich etwas davon wisse.“

Eiberger sei verwundert gewesen – denn gewusst hatte er davon nichts. „Wir machen nur öffentliche Aktionen, wenn die Familie von Tabitha das wünscht, das war mir ganz wichtig“. Dazu wolle er diese Woche mit der Familie in Ruhe telefonieren. „Deswegen bin ich rübergegangen.“

"Die Grabkerzen stehen noch, die Blumen sind auch noch da"

Weil das Kreuz nicht mit der Familie abgestimmt war, und genau an der Stelle stand, an der später Musiker auftreten sollte, habe er es „etwa vierzig Meter“ weggestellt, sagt Christan Eiberger. Es steht nun hinter einem Tor, öffentlich zugänglich. „Das stand am Montagmittag immer noch an dieser Stelle. Die Grabkerzen stehen noch, die Blumen sind auch noch da.“

Dass es sich bei dem Kreuz wohl um eine Aktion von Rechtsextremisten handelt, habe er bis zu unserer Anfrage nicht gewusst. Weiter möchte der Asperger Bürgermeister sich dazu aktuell nicht äußern. Der Staatsschutz hat die Ermittlungen in dem Fall übernommen. 

Auch am Dienstag: Weiter Hetze gegen Christan Eiberger

Die Identitäre Bewegung hetzt derweil weiter über alle Kanäle – per Video, Artikel oder Telegram-Beitrag. Dabei wird regelmäßig auch die Telefonnummer des Bürgermeisters veröffentlicht. Rechtsextreme Aktivisten verbreiten Fotos vom neuen Standort des Kreuzes und stacheln ihre Anhänger gegen Christian Eiberger auf.

Dass es dem Bürgermeister bei der Verlegung des Kreuezs auch um Rücksichtnahme auf die Angehörigen der getöteten Schülerin Tabitha E. ging, wird mit keinem Wort erwähnt.