Stuttgart & Region

Viel Verschwörung, kaum Fakten: Besuch bei Querdenker-Ausstellung in Stuttgart

Galerie des Grauens Peter Ganz Ausstellung Querdenker Stuttgart
Bei der Ausstellung "Galerie des Grauens" wurden in Stuttgart am 9. November angebliche "Impfopfer" gezeigt. © ZVW/Alexander Roth

Am Mittwoch (09.11.) hat die regionale Querdenker-Szene auf dem Schlossplatz in Stuttgart die Ausstellung „Galerie des Grauens“ zu angeblichen „Impfopfern“ gezeigt. Wir waren vor Ort, um uns ein Bild zu machen.

Die Plakate: Was wurde konkret gezeigt?

Die Ausstellung zeigte an Wäscheleinen auf einer Gesamtfläche von drei mal 30 Metern Länge mehrere hundert Plakate zur Corona-Impfung. Es handelte sich um angebliche Erfahrungsberichte von Betroffenen oder Angehörigen und etliche kommentierte Websites von Screenshots. Neben renommierten Medien waren vielfach auch Ausschnitte unseriöser Propaganda-Plattformen wie Russia Today oder Online-Blogs der Querdenker-Szene zu sehen.

Gefährliche Corona-Impfung? Wie dieser Eindruck erweckt wird

Mit den Plakaten wurde suggeriert, die Corona-Impfstoffe schützen nicht, seien gefährlich, die Impfung ein „Gen-Experiment“. Es gebe etliche Todesfälle, die von Politik, Wissenschaft und Medien verschwiegen würden. Wirklich belegt wurde das nicht. Warf man einen genauen Blick auf die Plakate, ähnelte sich das Vorgehen des Initiators gerade bei den ausgewählten Medienberichten recht häufig.

Dieses Vorgehen lässt sich etwa so beschreiben: Eine Überschrift wurde ausgewählt, in der es um einen möglichen Todesfall im Zusammenhang mit der Corona-Impfung geht. Aussagen, die der Erzählung von der gefährlichen Impfung entgegenstehen, wurden ausgeblendet. Es wurde suggeriert, es stecke Vorsatz dahinter – Menschen würden absichtlich getötet, Zusammenhänge verschwiegen.

Ein Beispiel: Die Überschrift eines Artikels der Osnabrücker Zeitung auf einem der Plakate lautete: „Tod nach Corona-Impfung: Obduktion zeigt keinen Zusammenhang“. Darunter stand: „Peter Ganz: !!! AHA WIEDER EINMAL !!!“. Auf sarkastische Weise wurde im weiteren Text angedeutet, das Obduktionsergebnis sei eine Lüge. Ohne Belege. Das Plakat steht exemplarisch für viele, die wir sehen und dokumentieren konnten.

„Galerie des Grauens“ in Stuttgart und Esslingen: Wer ist dafür verantwortlich?

Wer aber ist dieser Peter Ganz, der selbst die wichtigste Quelle für seine Behauptungen zu sein scheint? Peter Ganz ist ein Rentner aus Bayern, der mit seiner Wanderausstellung durch zahlreiche Städte tourte. Nächste Station nach Stuttgart soll Esslingen sein. Im Sommer wurde Ganz im Zusammenhang mit der Ausstellung zu einer Geldstrafe wegen Volksverhetzung gezeigt. Auf einem Plakat war eine Verbindung zwischen der Corona-Impfung und dem Vernichtungslager Auschwitz hergestellt worden. Ganz bestritt, diesen Vergleich absichtlich hergestellt zu haben.

Am Mittwochnachmittag wollte Ganz, der während der Demo samt Ausstellung in Stuttgart anwesend war, nicht mit uns sprechen. Zumindest nicht unter für uns haltbaren Bedingungen. Ganz verlangte eine eidesstattliche Erklärung, wörtlich zitiert zu werden, und eine Kopie des Personalausweises. Eine Mail-Anfrage, die wir am Dienstagabend (08.11.) an ihn gestellt hatten, habe er registriert. Eine Frage fand er offenbar besonders dumm: Ob er das Auschwitz-Plakat auch in Stuttgart zeigen werde.

Antisemitismus-Vorwurf: Auschwitz-Plakat hängt nicht mehr

Tatsächlich war das vor Gericht beanstandete Plakat am Mittwoch nicht Teil der Ausstellung, die am Gedenktag für die Opfer der Novemberpogrome stattfand. Ein anderes Plakat fiel aber in diesem Kontext auf. Es zeigte einen Artikel der verschwörungsideologischen Plattform KenFM mit der Überschrift „Ist der Tod wieder ein Meister aus Deutschland?“

Die Überschrift spielt offenkundig auf das Gedicht „Todesfuge“ des Lyrikers Paul Celan an. Celan thematisierte darin die Vernichtung der europäischen Juden durch die Nationalsozialisten – den Holocaust. Im Gedicht heißt es: „Der Tod ist ein Meister aus Deutschland, er ruft streicht dunkler die Geigen dann steigt ihr als Rauch in die Luft.“

Anspielung auf Celan-Gedicht: Was sagt der Veranstalter?

Wenn Peter Ganz schon nicht mit uns spricht – was hält der Veranstalter davon, dass so ein Plakat am 9. November gezeigt wird? Der Anmelder der Veranstaltung, Alfredo A., sagte auf Nachfrage: „Das Datum ist Zufall.“ Die Ausstellung liege im „üblichen Turnus“, auch sonst fänden die Demos in Stuttgart mittwochs statt. Im Zentrum stehe die „Kritik an den Corona-Maßnahmen“. 

Alfredo A. gab an, weder alle Plakate gesichtet zu haben, noch das Gedicht Celans zu kennen. Er sei davon ausgegangen, dass alles seine Ordnung habe und rechtlich einwandfrei sei. Schließlich sei die Ausstellung in „über hundert Orten“ bereits zu sehen gewesen. Auch das zuständige Amt bei der Stadt Stuttgart habe Kenntnis davon gehabt. Die Stadt hatte zuvor auf Nachfrage erklärt, dass die Demo angemeldet sei. „Es war möglicherweise falsch, das heute zu zeigen“, räumte Alfredo A. im Laufe des Gesprächs ein. Er wollte nach unserem Gespräch mit Peter Ganz über das Plakat mit der Anspielung auf die „Todesfuge“ reden.

„Achtung rechte Hetze“: Studentinnen starten Gegen-Demo

Zwei Studentinnen wollten die Demo-Ausstellung am Mittwoch nicht unwidersprochen lassen. „Es ist einfach scheisse, das sowas am 9. November gezeigt wird“, sagte eine der beiden. Mehrere Meter vor der Ausstellung standen die jungen Frauen mit Pappschildern: „Achtung Verschwörungsmythen“, „Achtung rechte Hetze“, „Achtung Volksverhetzung“ stand darauf.

Querdenker Ausstellung Galerie des Grauens Stuttgart
Zwei Studentinnen haben gegen die Querdenker-Ausstellung protestiert. © ZVW/Alexander Roth

Aus der Querdenker-Demo heraus habe man zu Beginn ihres Protests Fotos von ihnen gemacht, und erzählt, sie hätten „Gift in der Maske“. Beide Studentinnen trugen, nach eigenen Angaben vornehmlich zum Schutz ihrer Identität, eine FFP2-Maske. Aber vertreiben lassen wollten sie sich nicht, ihre Gegen-Demo sei angemeldet.

Die Querdenker-Szene wird nach Ansicht der beiden „sehr unterschätzt“, obwohl deren Verbindung zur extremen Rechten „offensichtlich“ sei. Auch unsere Redaktion hat darüber mehrfach berichtet. Es ärgere sie, dass die Querdenker-Demos „jeden Mittwoch unwidersprochen bleiben“. Sie wollen das nicht länger hinnehmen.