Stuttgart & Region

Wasser für Obdachlose in Stuttgart: Unterwegs mit dem Hitzebus bei rund 30 Grad

Hitzebus DRK Stuttgart
Projektleiterin Carolin Götz und Nadja Michler, die für das Thema Fundraising zuständig ist, fahren mit dem Hitzebus durch Stuttgart. © Franziska Göttlicher

In den letzten Wochen waren Temperaturen über 30 Grad keine Seltenheit. Während sich die meistens bei der Hitze in ihrer kühlen Wohnung verbarrikadieren können, leben viele Menschen auf der Straße und haben keinen Zugang zu Trinkwasser. Ein Hitzebus soll Abhilfe schaffen und fährt seit Juli durch die Straßen von Stuttgart. Das Projekt des Deutschen Roten Kreuzes (DRK) und des Sozialamtes hat es sich zur Aufgabe gemacht, Hilfsbedürftige an heißen Tagen mit Wasser, Sonnencreme und anderen Hilfsmitteln zu versorgen. Wir durften Projektleiterin Carolin Götz und Nadja Michler, die beim DRK Stuttgart für das Fundraising zuständig ist, an einem heißen Tag im August begleiten.

Wasser, Sonnenmilch, Hygieneartikel und Snacks für Obdachlose

„Ach, so heiß ist es heute ja gar nicht“, denke ich mir, als ich meinen relativ angenehmen Arbeitsplatz in der Redaktion verlasse und mich auf den Weg zum DRK Stuttgart mache. Ich checke meine Wetter-App: 29 Grad, gefühlt sind es aber mindestens 32. Das merke ich aber erst, als ich Richtung S-Bahn-Station spaziere. Mir fällt auf, dass die meisten eine Wasserflasche mit sich herumtragen – kein Wunder bei diesen Temperaturen. Am Bahnhof gibt es einen Getränkeautomaten: Ein Mann begutachtet die Preise, überlegt es sich dann aber doch anders und macht kehrt. Wasser ist eigentlich überall zugänglich, könnte man meinen. Nur: Nicht jeder kann es sich leisten.

Gegen 14.30 Uhr rollt der Hitzebus aus der Einfahrt des DRK-Kreisverbandes Stuttgart. Auf den ersten Blick sieht er wie ein gewöhnlicher Rettungswagen aus. Wenn man aber genauer hinschaut, sieht man die Aufschrift „Hitzebus“ auf orangefarbenem Hintergrund. Auf der Fensterscheibe lacht eine Sonne mit Sonnenbrille. „Heute wollen wir mal eine neue Route ausprobieren“, klären mich Carolin Götz und Nadja Michler auf, als ich in den Bus steige. „Wir wollen auch die erreichen, die sonst niemand erreicht.“ Zu der Arbeit von Nadja Michler und Carolin Götz gehört nämlich auch, herauszufinden, an welchen Orten Bedarf ist.

Die Sitze neben mir sind schon mit zwei vollgepackten Kisten belegt. Darin Hilfsmittel, die viele von uns mit einer Selbstverständlichkeit und ohne nachzudenken benutzen: Wasser, Sonnencreme, Hygieneartikel wie Deo, Shampoo und Desinfektionsmittel sowie kleine Snacks wie Müsliriegel und Traubenzucker - alles Spenden von zwei DM-Drogeriemärkten aus Stuttgart. Die Aufgabe von Fundraising und damit von Nadja Michler ist nämlich unter anderem, auf größere Unternehmen zuzugehen und zu fragen, ob sie ein Projekt unterstützen möchten.

Hitzebus Stuttgart
Die Kisten sind voller Spenden von zwei DM-Drogeriemärkten aus Stuttgart. © Franziska Göttlicher

Zuschuss vom Sozialamt gibt es ab 32 Grad

Das Sozialamt gibt einen Zuschuss ab 32 Grad. Wenn Carolin Götz und Nadja Michler aber das Gefühl haben, es ist zu heiß, und keine Wolken am Himmel zu sehen sind, fahren sie auch schon bei 29 Grad los. So wie an diesem Tag. Der Bus ist immer für ungefähr zwei Stunden im Zeitraum zwischen 12 und 17 Uhr unterwegs.

Oft werden die gängigen Plätze wie zum Beispiel der Marienplatz, der Bahnhof in Bad Cannstatt, der Erwin-Schoettle-Platz, die Paulinenbrücke oder der Feuersee angefahren. Das variiert aber immer, es gibt keinen festen Fahrplan. „Wir fahren aufmerksam durch die Stadt und schauen, ob uns jemand auffällt“, sagt Carolin Götz. Sie sind noch in der Findungsphase.

Fingerspitzengefühl ist für die Helfer wichtig

Als ersten Stopp steuern wir den Schlossgarten an. „Wenn es so heiß ist, sind die Wohnungslosen oft versteckt, suchen Schatten oder kommen in einer Einrichtung oder bei Freunden unter“, so Carolin Götz. Es sei auch nicht immer einfach, Bedürftige von anderen zu unterscheiden: „Das ist uns auch schon passiert, dass wir Nichtbedürftige angesprochen haben. Die Leute wirken dann oft überrascht, sagen, dass sie selbst Wasser dabei haben, oder nehmen es trotzdem dankend an.“ Man müsse ein gewisses Fingerspitzengefühl dafür entwickeln, auch wie man mit den Menschen umgehe. „Wir haben es hier mit einer sehr sensiblen Zielgruppe zu tun“, sagt Michler.

„Hier sitzt jemand, aber das ist, glaub ich, nur ein Radfahrer“, sagt Nadja Michler. „Er hier?“, fragt Götz. „Hm, nee, ich glaube nicht. Der sieht eher nach einem normalen Parkbesucher aus.“ Carolin Götz und Nadja Michler beratschlagen, welcher Platz als Nächstes angepeilt wird. Sie sind sich schnell einig. Der Hitzebus rückt ab und macht sich auf den Weg Richtung Bahnhof Bad Cannstatt – ein Hot Spot, wie sie sagen.

Ich beobachte die Autofahrer, die neben uns an der Ampel warten und neugierig rüberschauen. „Der Bus bekommt - auch dank Berichten und den sozialen Medien - immer mehr Aufmerksamkeit“, so Götz und Michler. Die Leute interessieren sich und drehen sich auf der Straße danach um. Das fällt auch mir auf.

Hot Spot Bad Cannstatt Bahnhof: Die meistens freuen sich über Hilfe

Der Hitzebus ist das Pendant zum Kältebus. „Vom Kältebus haben wir zwar eine Route, aber die Aufenthaltsplätze nachts sind meist woanders“, sagt Götz. Michler ergänzt: „Plätze, die sich zum Schlafen eignen, kann man sich meist denken.“

Gegen 15.10 Uhr treffen wir am Cannstatter Bahnhof ein und entdecken eine Gruppe, die es sich auf einer Bank vor dem Bahnhofsgebäude gemütlich gemacht hat. Bevor wir aussteigen, erklären mir Götz und Michler, dass die Bedürftigen meist anonym bleiben möchten. „Manchmal wissen nicht mal ihre Familien, dass sie auf der Straße leben.“

Im Kofferraum stapeln sich noch mehr Kisten voller Spenden. Wir nehmen, so viel wir tragen können. Der Großteil der Gruppe zögert, als wir ihnen eine Flasche Wasser anbieten. Einer streckt sofort die Hand aus und animiert auch seine Freunde: „Wasser ist gesund, ihr müsst viel Wasser trinken.“ Einige kann er überzeugen, sie nicken einwilligend. Wenige andere lehnen ab, sie haben eine Bierflasche in der Hand und scheinen sich damit zu begnügen. „Wir drängen uns auf keinen Fall auf“, erläutert Götz später, „wenn jemand nicht will, akzeptieren wir das.“ Einer freut sich besonders über das Geschenk: „Oh, heute sogar spritziges, gestern gab es nur stilles Wasser. Da nehme ich gleich zwei.“ Nachdem wir einige Flaschen verteilt haben, trauen sich auch andere und kommen auf uns zu. „95 Prozent sind glücklich über die Hilfe. Es gibt nur wenige, die keine annehmen möchten“, weiß Götz.

Hitzebus Stuttgart
Der Hitzebus verteilt Hilfsmittel wie Wasser, Sonnencreme an bedürftige Menschen. © Franziska Göttlicher

Normalerweise sitzt immer ein Mann im Bahnhofsgebäude. Heute ist er nicht da und wir rücken wieder ab. Die beiden erzählen mir von einer Frau, die das letzte Mal nach Shampoo gefragt hat. Im Gegensatz zum letzten Mal haben sie welches dabei. Wir halten Ausschau nach ihr, schauen rechts und links aus dem Fenster, fahren Seitenstraßen ab. Als wir schon auf dem Heimweg sind, denken Götz und Michler noch einmal an sie: „Schade, dass wir sie heute nicht getroffen haben.“

Hitzebus arbeitet auch mit anderen zusammen

Der nächste Halt ist die Liebfrauenkirche in Bad Cannstatt. Hier parkt neuerdings ein Foodsharing-Wagen. Das hat Carolin Götz im Internet gelesen. Warmes Essen und Lebensmittel, die ansonsten in der Tonne landen, werden hier verteilt. Die Foodsharing-Helfer nehmen Wasser, Sonnencreme und Desinfektionsmittel gerne an und versprechen, es an Bedürftige weiterzugeben. „Wir arbeiten natürlich auch mit anderen zusammen. So kann man sich gut ergänzen“, sagt Götz.

Ein Mann steht an dem Foodsharing-Wagen und ist sichtlich begeistert: „Ach, ihr seid der Hitzebus. Das ist aber toll.“ Vom Hitzebus hat er schon im Fernsehen und der Zeitung gehört. Michler fragt ihn, ob er noch mehr Orte kennt, die wir anfahren können. „Zum Beispiel die Marienkirche an der Paulinenbrücke“, sagt er und gibt noch einige Tipps. Er freut sich, dass er uns weiterhelfen kann. und unterhält sich noch ein bisschen mit uns. Er ist Bewohner des Carlo-Steeb-Hauses, wie er erzählt, ein Zuhause für wohnungslose Männer. „Da könnt ihr auch mal hinfahren, die freuen sich“, sagt er zum Abschied. Die meisten Wohnungslosen sind dankbar, dass auch jemand an sie denkt - das ist nicht schwer zu erkennen.

Auch die Sprache sei manchmal eine Hürde. Viele verstehen nicht, dass es ein Geschenk ist. Auch eine Frau, die mit zwei kleineren Kindern von einem Spielplatz nebenan angelaufen kommt, scheint kein Deutsch zu sprechen. Sie zeigt auf den Fuß des Mädchens, sie hat eine kleine Wunde am Zeh. „Brauchen Sie ein Pflaster?“ Die Frau nickt und bedankt sich mehrfach.

Wohnunglose betäuben sich oft mit Alkohol

Kurze Zeit später kommt ein junger Mann im Lacoste-Shirt angelaufen: „Kann man hier Wasser bekommen?“ fragt er. „Wir würden niemals Nein sagen oder jemand ablehnen. Im Endeffekt muss jeder viel trinken“, sagt Götz als wir wieder im Bus sitzen.

Auf dem Rückweg erzählen die beiden DRK-Mitarbeiterinnen mir noch von einem Mann, den sie bei einer ihrer Fahrten mit einer Jacky-Cola-Dose angetroffen haben. „Er wusste, wie wichtig es ist, Wasser zu trinken und war sehr dankbar. Viele haben aber ein begrenztes Budget und entscheiden sich dann lieber für Alkohol.“ Der traurige Grund, wie Götz weiß ist, dass sich Wohnungslose oft mit Alkohol betäuben, weil sie es auf der Straße nicht anders aushalten würden.

Helfer gesucht

Der Hitzebus ist noch auf der Suche nach Ehrenamtlichen. Ein Führerschein ist von Vorteil. Das DRK Stuttgart ist außerdem für jeden Hinweis dankbar: Wenn Ihnen beispielsweise auf dem Weg zur Arbeit oder in der eigenen Wohngegend Bedürftige auffallen, können Sie die Hotline anrufen.