VfB Stuttgart

AG-Boss Thomas Hitzlsperger: Was der Abschied mit Ansage für den VfB Stuttgart bedeutet

Thomas Hitzlsperger
Wird seinen Vertrag beim VfB Stuttgart nicht verlängern: Thomas Hitzlsperger. Foto: Tom Weller/dpa © Tom Weller

Jung und dynamisch. Diese zwei Begriffe fielen zuletzt oft, wenn es um den VfB Stuttgart ging. Sie zielen in erster Linie auf die sportlichen Darbietungen des Fußball-Bundesligisten ab. Sie treffen aber auch auf das Auftreten vieler seiner Führungskräfte zu. Auch auf das von Thomas Hitzlsperger. Der Vorstandsvorsitzende und Sportvorstand der Schwaben ist in den vergangenen Jahren zu einem ihrer prägenden Gesichter geworden und mitverantwortlich für den positiven Imagewandel, den sie erlebt haben. Nun steht der 39-Jährige vor dem Abschied. Und der VfB wieder mal vor wegweisenden Monaten.

Wie hart wird der Hitzlsperger-Hammer die Stuttgarter treffen? Wie sehr gerät der gewaltige und mehr als 70.000 Mitglieder starke Club, der nach zwei Abstiegen in drei Jahren immer noch dabei ist, sich zu stabilisieren, durch diesen angekündigten Rückzug wieder ins Wanken? «Wir sind in der AG stabil und stark aufgestellt», betonte Präsident und Aufsichtsratschef Claus Vogt am Mittwoch, nachdem Hitzlsperger mitgeteilt hatte, seinen im Herbst 2022 auslaufenden Vertrag nicht zu verlängern.

Sorge vor der Sogwirkung

Unter der Belegschaft soll die Bekanntgabe in jedem Fall zunächst einmal für schlechte Stimmung gesorgt haben. Viele befürchten offenbar, dass der Weggang des CEOs eine Sogwirkung entfalten und den Klub auch noch weitere Mitarbeiter verlassen könnten. Thomas Hitzlsperger sieht diese Gefahr nicht: «Ich glaube nicht, dass es Menschen gibt, die ausschließlich meinetwegen hier sind. Dafür sind wir alle zu lange im Geschäft.»

Der Zeitpunkt der Bekanntgabe sorgte mitunter für Verwunderung. Schließlich hatten sich Präsidium und Vorstand Anfang September noch zu einer Gremienklausur mit Aufsichtsrat und Vereinsbeirat in Ludwigsburg getroffen. Auf der Tagesordnung stand unter anderem die mittelfristige Ausrichtung des VfB. Anschließend gab es Bilder mit strahlenden VfB-Funktionären in der Spätsommer-Sonne, das Seeschloss Monrepos im Hintergund. Und nun keine zwei Wochen später verkündet der Vorstandschef seinen Abschied. Es bleibt ein fader Beigeschmack.

Es sollte endlich wieder Konstanz einkehren

Der Meisterspieler von 2007 betonte, dass es stets sein Bestreben gewesen sei «Strukturen aufzubauen, die nicht von Personen abhängen». Der eingeschlagene Weg könnte also auch ohne ihn fortgesetzt werden. Die Botschaft ist klar: Der VfB Stuttgart muss unabhängig von Einzelnen funktionieren. Dennoch dürfte es schwer werden, Hitzlsperger zu ersetzen.

Der Ex-Nationalspieler war jahrelang ein großer Sympathieträger. Schon lange vor seiner Rückkehr zum VfB, bei dem er seit Sommer 2016 von einem Berater des Vorstands zu dessen Chef aufstieg, setzte sich Hitzlsperger unter anderem gegen Homophobie und Sexismus ein. Der frühere Profi steht für gewisse Werte und genau wie Sportdirektor Sven Mislintat und Coach Pellegrino Matarazzo für den frischen Wind, der in Stuttgart weht. Wo die einstige Überheblichkeit einer gewissen Demut gewichen ist. Und wo endlich wieder Konstanz einkehren sollte.

Hitzlsperger steht aber auch für einen beispiellosen Frontalangriff auf seinen Präsidenten, den er vergangenen Dezember in einem offenen Brief scharf kritisierte und ihn damit aus dem Amt drängen wollte. Mit dem er sich - nach Vogts Gegenschlag und heftiger Fan-Kritik - offiziell längst zusammengerauft hat. Mit dem er aber wohl kein Freund mehr wird und womöglich - auch, wenn er es nicht als Grund für den Rückzug anführte - keine gemeinsame Arbeitsgrundlage mehr fand.

Dass Hitzlsperger nach Vogts Wiederwahl im Juli überhaupt noch da, bei vielen Anhängern offenbar weitgehend rehabilitiert ist und es laut Präsident «im Aufsichtsrat keinerlei Zweifel daran gibt, dass er seine Aufgabe bis zum Vertragsende fortführen soll», ist in gewisser Weise auch eine Leistung. Ob er wirklich noch ein ganzes Jahr bleibt, wieviel Einfluss er auf die Zukunft des Clubs noch hat und wie es für ihn persönlich weitergeht, gehört nun zu den spannenden Fragen.

Was wird aus Sven Mislintat?

Genau wie die nach Mislintat. Der hatte im Januar betont, sich «dem VfB verschrieben» zu haben. Nicht einzelnen Personen. Also auch nicht Hitzlsperger. Bei der Verlängerung seines Vertrags bis Ende Juni 2023 ließ sich der Sportdirektor aber zusichern, dass seine bisherigen Kompetenzen nicht beschnitten werden - wer auch immer ihm vorgesetzt wird. Ob Mislintat nun selbst Sportvorstand werden will? Möglich. Ob er ebenfalls geht? Unwahrscheinlich. Ob ein oder zwei neue Chefs geholt werden? Und ob Mislintat mit ihm oder ihnen dann genauso so gut harmoniert? Ungewiss. Wie so vieles nach Hitzlspergers Abschied mit Ansage.