VfB Stuttgart

Große Lücken und fehlender Biss: Warum der VfB bereits 30 Gegentore kassiert hat

Fußball VfB Stuttgart vs. FC Bayern München
Hatten die Offensivabteilung des FC Bayern um Jamal Musiala kaum im Griff: Konstantinos Mavropanos (links) und Atakan Karazor vom VfB Stuttgart. © Pressefoto Baumann

Der VfB Stuttgart hat gegen den FC Bayern München eine heftige 0:5-Klatsche einstecken müssen. Serge Gnabry und Robert Lewandowski schraubten das Gegentor-Konto der Schwaben auf 30 Gegentreffer nach oben. Das ist zu viel im Kampf gegen den Abstieg, der VfB bekommt seinen Laden nicht dicht. Woran liegt das – und wie lassen sich die Probleme beheben?

30 Gegentore: viertschlechtester Bundesliga-Wert

Gegen den übermächtigen FC Bayern zu verlieren, ist wahrlich keine Schande. Der Rekordmeister aus München ist aktuell kein Gradmesser für die junge Elf aus Cannstatt, die Bayern spielen nicht nur in dieser Saison in ihrer eigenen Liga. Eine Frage muss sich der VfB aber stellen: Mussten es gleich fünf Gegentreffer sein? Das erweckt nicht nur den Eindruck einer bitteren Pleite, sondern legt auch das Defensivproblem der Schwaben dar.

Bereits 30 Gegentreffer hat die Elf von Trainer Pellegrino Matarazzo in den bislang 16 gespielten Partien hinnehmen müssen. Damit rangiert der VfB auf dem viertletzten Rang der Bundesliga, nur Gladbach (31), die Hertha (33) und der chancenlose Aufsteiger aus Fürth (49) kassierten mehr. Zum Vergleich: In der Abstiegssaison 2019/20 standen zu diesem Zeitpunkt 31 Gegentore zu Buche, in der zurückliegenden Saison waren es nur 24.

Gegentor-Flut: Torverhältnis könnte entscheidend sein

Außerdem hat der VfB bislang lediglich zweimal zu null gespielt. Nur beim 0:0 gegen den VfL Bochum und beim 2:0-Auswärtssieg in Wolfsburg musste VfB-Keeper Florian Müller nicht hinter sich greifen. Einzig Greuther Fürth und der 1. FC Köln sind in dieser Statistik noch schlechter. Das zeigt: Der VfB steht zu Recht dort, wo er aktuell steht. Auf Rang 15, punktgleich mit dem Relegationsplatz.

Um sich aus dem Abstiegskampf zu befreien, bedarf es einer stabilen Defensive. Oder wie es Ex-Trainer Huub Steevens zu sagen pflegt: „Die Null muss stehen.“ Und genau das ist beim VfB aktuell nicht der Fall. Die Gegentor-Flut sorgt nicht nur für Platz 15, sondern auch für ein schlechtes Torverhältnis. In einer Saison, in der aktuell nur sieben Punkte zwischen dem Abstieg und dem Europapokal liegen, könnte dieses am Ende den Ausschlag geben. Doch woran genau liegt es also, dass die Schwaben so viele Gegentreffer kassieren? Begeben wir uns auf eine Spurensuche.

Der VfB bekommt das Zentrum nicht dicht – und verteidigt zu zaghaft

Das erste Tor von Serge Gnabry aus dem Spiel gegen den FC Bayern lässt sich hier beispielhaft heranziehen. Ein einfacher Pass aus der Abwehrzentrale hebelte das gesamte Stuttgarter Zentrum aus, eine simple Drehung von Leroy Sané öffnete das Spielfeld. Völlig unbedrängt konnte der Bayern-Profi im Zentrum rund 40 Meter auf die Abwehrkette zulaufen. Das Endergebnis: 1:0-Führung für den Rekordmeister nach einem traumhaften Schlenzer.

Bei dem Gegentreffer passierten gleich mehrere Fehler. Zum einen: Der VfB bekam das Zentrum nicht dicht - wie schon häufiger in dieser Saison. Oft reicht ein einziger Pass, um das Stuttgarter Gegenpressing zu übergehen und die Spielfeldmitte zu öffnen. Orel Mangala und Wataru Endo agieren als Achter oft zu hoch, um die Lücken vor der Dreierkette schließen zu können. Atakan Karazor wird in der Folge als einziger nomineller Sechser einfach überrannt. Die Idee, das Zentrum mit drei defensiven Mittelfeldspielern zu schließen, funktioniert mit zwei so offensiv ausgerichteten Achtern nicht.

Zum anderen: Der VfB verteidigt zu zaghaft. In mehreren Situationen hätte das Gnabry-Tor verhindert werden können. Waldemar Anton hätte Sané früher stellen können, Konstantinos Mavropanos ließ Gnabry unbehindert schießen. Diese fehlende Entschlossenheit in der Zweikampfführung zieht sich wie ein roter Faden durch viele Spiele der Stuttgarter. Auch bei den beiden Gegentreffern gegen die Hertha (insbesondere beim Jovetic-Schlenzer) ließen die VfB-Verteidiger die Gäste nahezu unbedrängt agieren. Dazu kommt, dass VfB-Keeper Florian Müller nicht immer den sichersten Eindruck macht. Durch Probleme bei hohen Bällen und Unsicherheiten beim Herauslaufen strahlt der Schlussmann noch nicht in jeder Spielszene die Stabilität aus, die der Stuttgarter Hintermannschaft helfen würde.

Und zu guter Letzt: Der VfB spielt zu brav. Wataru Endo hätte gegen die Bayern das 0:1 durch ein taktisches Foul an Sané verhindern können. Diese fehlende Härte und Robustheit kostete die Schwaben bereits viele Punkte. Gegen Berlin gaben Waldemar Anton und Co. in Hälfte zwei nur Begleitschutz. Und in Augsburg wurde der brave VfB von einem aggressiven und zweikampfharten FCA fast aufgefressen. Das hat vor allem mit der Spielidee von Trainer Pellegrino Matarazzo zu tun, der in jeder Phase des Spiels schönen und strukturierten Fußball spielen lassen will. Aber ganz ohne eklige und dreckige Zweikampfführung geht es eben auch nicht.

Veränderte Statik und emotionale Impulse könnten helfen

Wie lässt sich das Defensivproblem der Schwaben dann beheben? Problemfall eins kann mit einer taktischen Änderung aus der Welt geschafft werden: Der VfB sollte seine Statik im Spiel ändern und zu zwei nominellen Sechsern zurückkehren. Im Optimalfall besetzen diese Position Wataru Endo und Orel Mangala. Diese Statik-Änderung könnte vor allem mit der Rückkehr von Stürmer Sasa Kalajdzic einhergehen. Sowohl Omar Marmoush als auch Philipp Förster könnten eine Position zurückrücken – und so für zwei feste Sechser sorgen.

Die Problemfelder zwei und drei lassen sich weniger durch taktische als durch emotionale Kniffe angehen. Mehr Biss und Entschlossenheit in den Zweikämpfen sowie mehr Cleverness in heiklen Spielsituationen sind hier gefragt. Der VfB gehört zwar mit 30 Gelben Karten und zwei Platzverweisen zur Ligaspitze, muss diese Härte aber klüger einsetzen. Eine unnötige Grätsche am gegnerischen Strafraum ist schließlich nicht mit einem taktischen Foul in der Konterabsicherung vergleichbar. 

Ist denn wirklich alles so schlecht beim VfB? Nein, natürlich nicht. Trotzdem sollte der VfB schauen, dass er weniger Gegentreffer kassiert. Umsetzen könnte der VfB das bereits am Sonntag (19.12.) gegen den 1. FC Köln. Das Team von Trainer Steffen Baumgart kassierte bislang in jeder Bundesliga-Partie einen Gegentreffer. Es gibt also Grund zur Hoffnung, dass die Schwaben in der Domstadt Grund zum Jubeln haben – und etwas für ihr Torverhältnis tun können.

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