VfB Stuttgart

Harmonie trotz Abstiegskampf: Ist die Stimmung beim VfB Stuttgart zu gut?

Fußball Bayer 04 Leverkusen vs. VfB Stuttgart
VfB-Trainer Pellegrino Matarazzo bewahrte auch nach der 2:4-Niederlage in Leverkusen die Ruhe. Ist diese Gelassenheit das Faustpfand im Abstiegskampf - oder steigen die Schwaben in Harmonie ab? © Pressefoto Baumann

Nach der 2:4-Niederlage bei Bayer Leverkusen hat der VfB Stuttgart nach wie vor vier Punkte Rückstand auf den Relegationsplatz. Und die Formkurve ist nach nur einem Punkt aus sieben Spielen bedrohlich, der dritte Abstieg innerhalb von sechs Jahren rückt immer näher. Trotzdem bleiben die Schwaben ruhig - zu ruhig? 

Ist die Stimmung beim VfB trotz der prekären Lage zu gut?

Sieben Spiele ohne Sieg, Tabellenplatz 17, vier Punkte Rückstand auf das rettende Ufer: Der VfB Stuttgart rutscht immer tiefer in den Keller der Fußball-Bundesliga Obwohl die Schwaben in Leverkusen ein gutes Auswärtsspiel machten, stand die Elf aus Bad Cannstatt am Ende mit leeren Händen da. Ja, der Einsatz stimmte. Ja, die Spieler haben gegen die "Mannschaft der Stunde" (O-Ton Matarazzo) alles in die Waagsschale geworfen.

Aber: Im Abstiegskampf zählen nur Punkte - und die blieben erneut aus. Während die Konkurrez überraschende Siege einfährt (VfL Bochum gegen Bayern München), treten die Stuttgarter seit Wochen auf der Stelle.

Und die Verantwortlichen rund um Trainer Pellegrino Matarazzo? Sie behalten überraschend die Ruhe. Der VfB-Coach betete nach dem Leverkusen-Spiel mit monotoner Stimme seine wöchentlichen Durchhalteparolen herunter. Nein, die Nerven verlieren sie nicht im Schwabenland. Und die große Frage ist: Ist diese Ruhe das entscheidende Faustpfand im Kampf gegen den Abstieg? Oder ist die Harmonie Stuttgarts größer Fehler? Steigt der VfB mit Schönfärberei und sich in den Armen liegend ab?

"Man darf nicht alles schönreden", mahnte etwa Rekordnationalspieler Lothar Matthäus als Sky-Experte: "Es gibt eigentlich gar keinen Ärger. Aber man muss auch mal den Finger in die Wunde legen. Sie machen sehr viele Fehler." Für den deutschen Rekord-Nationalspieler ist die Stimmung am Neckar zu harmonisch.

In der Tat klang es nach dem Spiel mit vier Gegentoren und 29 Prozent Ballbesitz eher so, als habe der VfB gerade einen Befreiungsschlag gelandet. Der Trainer wollte "viel Positives mitnehmen" und sah "eine Einheit, die uns tragen wird in den nächsten Wochen". Nicht einmal das Kopfballtor des 1,74 Meter kleinen Amine Adli - wieder nach einem Standard - war für ihn ein Kritikpunkt: "Das war überragend geschossen und überragend geköpft. Einfach gut gemacht vom Gegner."

Sportdirektor Sven Mislintat gibt dem Trainer weiter volle Rückendeckung

Aber: Pellegrino Matarazzo ist mit Sicherheit nicht naiv, die Ruhe ist seine Masche. Er glaubt an den Weg, den sie in Stuttgart eingeschlagen haben - ebenso wie Sportdirektor Sven Mislintat und Noch-Sportvorstand Thomas Hitzlsperger. Intern agiere er auch nicht wirklich anders, versicherte der VfB-Coach. "Wir haben vor dem Spiel und in der Halbzeit weniger Wert auf das Geschrei gelegt", sagte er: "Das Geschrei soll auf dem Platz stattfinden."

Die Verantwortlichen glauben trotz vier Punkten Rückstand auf den Relegationsplatz bei nur noch zwölf Spielen an den Trainer und an seinen Weg. "Sein Matchplan ist sehr lange aufgegangen. Er erreicht die Mannschaft, deshalb gibt es da nix zu diskutieren", sagte Sportchef Sven Mislintat im ZDF. Und rechnet auch nicht mit einem Rücktritt des 44-Jährigen. "Ich arbeite täglich mit ihm, sitze mit ihm im Bus und in der Kabine, esse mit ihm zu Mittag. Aber da sehe ich keine Anzeichen", sagte er: "Er ist immer voller Energie. 24/7."

Was bleibt den Schwaben auch anderes übrig, als ruhig zu bleiben? Die Lage wird nicht weniger bedrohlich, wenn die Verantwortlichen die Fassung verlieren und plötzlich panisch agieren. Der Glauben an den Weg, an die Mannschaft und den Trainer ist weiterhin da. Es gibt keinen Plan B - und zur Not geht man mit Plan A auch in die zweite Liga.

Das wollen Sven Mislintat und Pellegrino Matarazzo zwar mit aller Kraft verhindern, für sie ist Ruhe und Zusammenhalt aber das Gebot der Stunde. Auch in der Aufstiegssaison 2019/20 behielt das Duo Mislintat/Matarazzo kühlen Kopf. In einer schwierigen Phase wurde sogar der Vertrag des Trainers verlängert, dieser mutige Schritt wurde am Ende mit dem Aufstieg belohnt. Die aktuelle Harmonie ist also nicht vorgespielt, sondern gelebter Zusammenhalt. Denn wer glaubt, nur mit drohenden Worten und Floskeln wie "Da muss mal jemand auf den Tisch hauen" könne eine Mannschaft erreicht werden, dem sei gesagt: Mit purem Aktionismus wurde noch kein Abstieg verhindert.