VfB Stuttgart

Nachhaltigkeit im Fußball: Gehört der VfB Stuttgart zu den „Umweltpionieren“?

VfB Nachhaltigkeit
Symbolbild. © Danny Galm

Trikots aus Plastikmüll, Solaranlagen auf Stadiondächern und Mehrwegbecher in der Kurve: Umweltschutz im deutschen Fußball liegt im Trend - und ist dringend notwendig. „Der Fußball kommt in Sachen Umweltschutz aus der Steinzeit“, sagt der Bereichsleiter Kreislaufwirtschaft bei der Deutschen Umwelthilfe (DUH), Thomas Fischer. Wer aus seiner Sicht zu den „Umweltpionieren“ der Branche gehört und wie er die Lage beim VfB Stuttgart einschätzt.

Die Bundesliga soll die nachhaltigste Liga der Welt werden

Seit dem vergangenen Jahr gibt es sogenannte Aktionsspieltage Klimaschutz. Kapitänsbinden mit Klima-Logo, Eckfahnen mit Warming Stripes und vegane Bratwürste sollen auf das Thema aufmerksam machen. „Die Nachhaltigkeitswirkung der an einem Spieltag verkauften veganen Würste ist nicht riesig. Aber das wäre eine zu enge Sichtweise, besonders wenn man die Vorbildrolle des deutschen Leitsports Fußball bedenkt“, zitiert die Deutsche Presseagentur (dpa) Stefan Schaltegger, Professor der Leuphana Universität in Lüneburg. 

Der Forscher leitet ein von der Deutschen Fußball Liga (DFL) initiiertes Weiterbildungsprogramm zum Thema Nachhaltigkeitsmanagement. Dieses richtet sich an Mitarbeiter von Bundesliga-Clubs. Schließlich hat sich die DFL vorgenommen, die Bundesliga solle die nachhaltigste Liga der Welt werden. 

Von der kommenden Saison an müssen die 36 Erst- und Zweitligisten im Lizenzierungsverfahren erstmals auch Nachhaltigkeitskriterien erfüllen. Die Vereine sollen unter anderem eine Nachhaltigkeitsstrategie und Umweltstrategie nachweisen können. Dazu gehören nach Angaben der DFL auch jährliche Messungen des Wasserverbrauchs, der Abwasserproduktion und des Energieverbrauchs sowie eine Mobilitäts- und Verkehrsanalyse. Im März 2023 werden diese Kriterien erstmals überprüft.

Im Spitzenfußball ist das bisher einmalig. Laut DFL sollen die 117 Punkte laufend weiterentwickelt werden. Wer sich nicht an die Vorgaben hält, müsse mit Sanktionen rechnen. Noch aber gibt es keine Konsequenzen für Nachzügler, monierte die Umwelthilfe. „Was komplett fehlt, sind ambitionierte Ziele und Zeiträume zu deren Erreichung“, kritisiert DUH-Experte Thomas Fischer. Die mangelnden Vorgaben zum Abfallmanagement seien entlarvend. Dass ausreichend Mülleimer vorhanden sein sollen, setze viel zu spät an und lasse die Entstehung unnötiger Müllberge außer Acht. „So wird man keine Umweltprobleme lösen.“

Auch beim VfB: Trikots aus recyceltem Polyester

Das Fan-Netzwerk Zukunft Profifußball begrüßt die Bemühungen, hält die Kriterien aber für dürftig. „Dadurch werden die aktuellen Aktivitäten der Vereine und Verbände der Ernsthaftigkeit der Klimakrise nicht gerecht“, sagte ein Sprecher auf dpa-Nachfrage. Vor dem Hintergrund, wie viel Geld im Fußball umgesetzt werde, sei das nur schwer nachzuvollziehen. Doch die Vorgaben seien als Einstiegskriterien zu verstehen, so Schaltegger. 

Einen Unterschied wollen die Clubs auch mit ihrer Kleidung machen. Die Sportartikelhersteller Nike und Puma teilten der dpa mit, für die Produktion von Trikots 100 Prozent recyceltes Polyester zu verwenden. Bei Adidas seien es etwas mehr als 90 Prozent - das Trikot des FC Bayern München bestehe aber schon jetzt ausschließlich aus recyceltem Polyester. Und auch der VfB Stuttgart spielt seit zwei Saisons in Trikots aus 100 Prozent recyceltem Polyester.

Fanartikel sind dabei neben Energie, Verkehr, Emissionen und Abfall eines der wichtigsten Umwelthandlungsfelder im Fußball, sagt Experte Fischer. Einige Clubs seien damit bereits deutlich weiter als andere. „Der SC Freiburg, FC St. Pauli und SV Werder Bremen sind Umweltpioniere“, lobt er. Warum ausgerechnet dieses Trio? 

Am Stadion des SC Freiburg seien die Anbindung an den öffentlichen Nahverkehr und 3700 Fahrradstellplätze besonders hervorzuheben. Und die Breisgauer haben nach eigenen Angaben eines der weltweit größten Solardächer auf einem Fußballstadion. Der Strombedarf des Europa-Park-Stadions könne dadurch CO2-frei gedeckt werden. Zweitligist St. Pauli ist nach eigenen Angaben der einzige Club in Deutschland, der sich selbst ausrüstet - mit nachhaltig und fair produzierter Trainingskleidung. Werder Bremen hat sich derweil verpflichtet, bis 2040 klimaneutral zu werden. Bis 2030 sollen die CO2-Emissionen um die Hälfte reduziert werden.

Was der VfB bereits unternimmt

Und der VfB Stuttgart? Gehören die Schwaben auch zu den „Umweltpionieren“ der Branche? „Gut ist, dass sich der VfB Stuttgart öffentlich zu Nachhaltigkeit und Umweltschutz verpflichtet“, findet Fischer. „Hinter diesen Stand wird man zukünftig nicht mehr zurückfallen können.“ 

Der VfB bezieht bereits zu 100 Prozent zertifizierten Ökostrom. Mit seinem Team-Partner EnBW hat der VfB ein Ökostrom-Angebot für die Fans des Vereins geschnürt. Für jeden neuen Kunden gehen 18,93 € an die VfBfairplay Projekte und die Kunden erhalten für jeden Punkt, den der VfB in der Saison erspielt, einen Euro Bonus auf die Jahresrechnung. Darüber hinaus kooperieren die Stuttgarter mit dem NABU, Deutschlands größtem Natur und Umweltschutzverband. 

Außerdem sollen in den kommenden Wochen und Monaten die letzten verbliebenen Einwegbecher im Stadion gegen umweltfreundlichere Mehrwegbecher ausgetauscht werden. „Dass der VfB erst in den nächsten Monaten die letzten Einwegbecher aus dem Stadion verbannen will, zeigt, dass man die Zeichen der Zeit zwar erkannt hat, aber eben doch sehr spät dran ist“, kritisiert Fischer. Viele andere Bundesligisten hätten diesen Schritt schon vor Jahren vollzogen.

Neues Pilotprojekt startet am Samstag

Zum Liga-Restart sollen in Stuttgart zudem dauerhaft überwachte Fahrradstellplätze angeboten werden und am Samstag (21.01.) am Heimspieltag gegen Mainz startet ein Pilotprojekt zur nachhaltigen An- und Abreise. Das Ziel: Mehr Fans für eine umweltbewusste Anreise zu den VfB-Heimspielen motivieren. 

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„Wer mit einer Fahrgemeinschaft, zu Fuß, mit dem Fahrrad oder dem ÖPNV anreist und dies über die App dokumentiert, sammelt pro Heimspiel fünf Prozent Rabatt im VfB-Fanshop, die am Saisonende einlösbar sind“, teilte der VfB am Montag (16.01.) mit. Laut VfB-Angaben ein in der Liga einmaliges Projekt. 

Worin Experte Fischer beim VfB noch Nachholbedarf sieht

Weiter sollen künftig sämtliche Umweltkennzahlen digital erfasst werden. „Daraus wird abschließend nach jeder Saison eine Unternehmens-Treibhausgasbilanz nach dem „Greenhouse Gas Protocol“ berechnet, welches Bestandteil des VfB-Nachhaltigkeitsberichts sein wird“, heißt es in einer Mitteilung aus dem Dezember 2022

Für Thomas Fischer ist diese Monitoring ein erster wichtiger Schritt. „Die eigentliche Herausforderung besteht jedoch darin“, so Fischer, „nun den zweiten und dritten Schritt zu gehen. Nämlich die Festlegung und Priorisierung von Maßnahmen zur Emissionsminderung, die Formulierung eines Ziels zur CO2-Reduktion sowie eines Zeitpunktes zur Zielerreichung. Davon wird abhängig sein wie ernst der VfB Stuttgart den Klimaschutz wirklich nimmt.“

Nachholbedarf sieht Fischer derweil bei den Themen nachhaltige Mobilität und Merchandising. „Angefangen von Kurzstreckenflügen, dem eigenen Fuhrpark inklusive der Spielerautos, Fahrradstellplätzen, einer weiträumigen Sperrung des Stadionbereichs für Verkehr, organisierte Zugfahrten für Fans zur umweltfreundlichen Anreise in großem Umfang sowie soziale und nachhaltige Produktionsrichtlinien für die Herstellung von Merchandising-Artikeln.“ 

Im Branchenvergleich sei der VfB bislang nicht dadurch aufgefallen, „beim Thema Umweltschutz vorneweg zu gehen“. Mit Blick auf die Vorbildfunktion des Sports und des massiven Voranschreitens des Klimawandels sollte der Einsatz weiter erhöht werden, fordert Fischer: „Um im Fußballjargon zu bleiben: der VfB muss beim Umweltschutz endlich in die Offensive gehen.“

DFL will im März alle Clubs besuchen

Und wie geht es jetzt weiter? Nach dpa-Informationen will die DFL bis März dieses Jahres alle 36 Bundesliga-Clubs besuchen, um sich einen Eindruck von den Umweltschutzmaßnahmen zu verschaffen. Man befinde sich im stetigen Austausch. Die Nachhaltigkeitskriterien, die bis zur Saison 2024/25 vollständig in Kraft treten sollen, werden bereits weiterentwickelt. 

Ein Anfang ist gemacht. Der Ball liegt nun bei den Verbänden und Vereinen, die zeigen müssen, wie ernst sie es wirklich meinen. Und letztlich auch bei den Fans, die entsprechende Initiative annehmen und unterstützen müssen.