VfB Stuttgart

Schlampiges Aufbauspiel und individuelle Fehler: Das sind die Baustellen des VfB

Fußball Bundesliga Eintracht Frankfurt vs. VfB Stuttgart
Kaptiän Wataru Endo ist Herz und Motor des VfB Stuttgart. Immer mehr Gegner stellen sich darauf ein und nehmen den Japaner aus dem Spiel - wie hier gegen Eintracht Frankfurt. © Pressefoto Baumann

Das 1:1 des VfB Stuttgart bei der Eintracht aus Frankfurt sei ein „verdienter“ Punkt gewesen, so Sportdirektor Sven Mislintat. „Wir können sehr zufrieden sein“, sagte Trainer Pellegrino Matarazzo unmittelbar nach dem Spiel. Doch lief beim Unentschieden gegen die Hessen wirklich alles so gut, wie es die beiden VfB-Verantwortlichen behaupten? Der genaue Blick auf das Spiel gegen die Eintracht zeigt: Die Schwaben haben einige Baustellen - eine Analyse.

Problemfeld Nr. 1: Das schlampige Aufbauspiel

Der Blick auf die Statistik nach 94 umkämpften Minuten in Frankfurt bereitet Pellegrino Matarazzo wohl immer noch schlaflose Nächte. Nur 68 Prozent der Pässe brachten die Schwaben an ihre Mitspieler, ein unterirdische Passquote im deutschen Fußball-Oberhaus. Das dürfte der wohl schlechteste Wert in der Ära des 43-jährigen VfB-Trainers sein. 

Diese Statistik belegt den subjektiven Eindruck, der schon während der Partie entstanden war: Zu schnell verloren die VfB-Profis den Ball, es war kaum Ruhe im Spiel. An ein geordnetes Offensivspiel war angesichts des schwachen Passspiels nicht zu denken, der Übergang von der Defensive in den Angriff funktionierte nicht.

Das lag mitunter auch am zentralen Mittelfeldspieler Atakan Karazor, der mit einer Passquote von 60 Prozent wahrlich keinen Sahnetag erwischte und immer wieder die Bälle im Zentrum verlor. Auch Konstantinos Mavropanos, der mit drei Länderspielen auf dem Buckel zurück nach Stuttgart gekommen war, zeigte keine gute Performance: Nur 58 Prozent seiner Pässe landeten beim Mitspieler, gepaart mit einigen haarsträubenden Fehlpässen ins Zentrum. Dass der VfB nur selten vor dem Tor der Frankfurter auftauchte, ist angesichts dieser Statistiken kein Wunder.

Problemfeld Nr. 2: Wataru Endo wird vom Gegner aufgerieben

Dass der Japaner das Herz und der Motor im VfB-Spiel ist, hat sich inzwischen in der gesamten Liga herumgesprochen. Dementsprechend in den Fokus der gegnerischen Mannschaft rückt Endo. Sobald der Mittelfeldmann im Deutsche-Bank-Park am Ball war, wurde er gedoppelt. Auch im Gegenpressing wurde der 28-Jährige von den Frankfurtern gezielt umschifft. Zudem wurde Endo in viele kleine Zweikämpfe verstrickt und so regelrecht aufgerieben.

Das hat für den VfB zur Folge, dass sein wichtigster Spieler kaum ins Spielgeschehen eingreifen kann. Der Kapitän kann im eigenen Ballbesitz immer seltener Akzente setzen und wird vom Gegner fast vollständig aus dem Spiel genommen. Wenn sein Nebenmann – gegen die Eintracht Atakan Karazor - auch keine Impulse geben kann, dann sieht es für die Schwaben gleich doppelt schlecht aus. Pellegrino Matarazzo muss einen Weg finden, das Stuttgarter Zentrum neu zu denken. Ansonsten werden in Zukunft noch mehr Spiel so ablaufen wie das in Frankfurt.

Problemfeld Nr. 3: Die individuellen Fehler

Zum Verücktwerden waren gegen Frankfurt auch die vielen individuellen Fehler. Der Einwurf von Hiroki Ito etwa, der in der Roten Karte von Waldemar Anton mündete. Oder die Fehlpässe von Konstantinos Mavropanos, die im Aufbauspiel teilweise quer und ohne Plan übers Feld flogen. Oder auch die mangelnde Ballbehandlung von Orel Mangala vor dem 0:1, dem seine fehlende Spielpraxis nicht nur in dieser Situation anzumerken war.

In der Regel kann kein spieltaktisches System oder Trainer etwas für individuelle Fehler, nach dem Frankfurt-Spiel muss an dieser Stelle aber nachgehakt werden. Wieso wird Orel Mangala, der seit rund fünf Monaten kein Spiel mehr bestritten hat, in einer so entscheidenden Phase eingewechselt?

Hätte Konstantinos Mavropanos nach drei Länderspielen über 90 Minuten vielleicht eine Pause gebraucht? Und wird Wataru Endo nach seinem Sommer-Marathon mit Olympia und Länderspielpause nicht verheizt? Diese unangenehmen Fragen wird sich Pellegrino Matarazzo stellen müssen, wenn er Lösungen für die vielen individuellen Fehler finden will.

Problemfeld Nr. 4: Offensivspiel leidet unter defensivem Fokus

Der Plan der Schwaben war bei den Hessen klar ersichtlich: Die Null sollte stehen. Nach den vier bzw. drei Gegentreffern gegen Leipzig und Freiburg sollte gegen die Eintracht vor allem die Defensive stabilisiert werden – zum Leidwesen der Offensive. „Durch den Fokus auf die Defensive in dieser Trainingswoche haben wir vielleicht ein Stück weit die Aufmerksamkeit vom Offensivspiel abgelenkt“, sagte Trainer Pellegrino Matarazzo nach dem Spiel.

Das machte sich vor allem bei den offensiven Wingbackern Borna Sosa und Roberto Massimo bemerkbar. Der Kroate etwa tauchte so gut wie gar nicht vor dem gegnerischen Tor auf und konzentrierte sich weitestgehend auf die Defensive – ein ungewohntes Bild. Auch die offensiven Kräfte Mateo Klimowicz und Philipp Klement waren mehr gegen den Ball als mit dem Ball beschäftigt. Hier gilt es also, ein Gleichgewicht herzustellen: Wie viel offensiven Mut kann sich der VfB leisten, ohne die Defensive zu vernachlässigen?