VfB Stuttgart

„Silas ist in Europa kein Einzelfall“: Die dunkle Seite des milliardenschweren Fußball-Geschäfts

Kopie von VfB Stuttgart - VfL Bochum 02.09.2019_10
Katompa Mvumpa statt Wamangituka: Lange Zeit spielt Angreifer Silas unter falscher Identität für den VfB Stuttgart. © ZVW/Benjamin Büttner (Archiv)

Sven Mislintat ist sichtlich angefasst. Immer wieder muss der Sportdirektor des VfB Stuttgart schwer schlucken, als er die Geschichte seines Stürmers Silas erzählt. Eine in dieser Form in der Bundesliga wohl einmalige Geschichte, die ein Schlaglicht auf eine dunkle Seite des milliardenschweren Fußball-Geschäfts wirft. 

Der Angreifer hat zwei Jahre lang unter falscher Identität für die Schwaben gespielt. Der Kongolese habe dem Verein kürzlich offenbart, dass er „Opfer von Machenschaften seines ehemaligen Spielervermittlers“ geworden und Wamangituka nicht sein richtiger Name sei. Dies teilte der Bundesligist am Dienstag (08.06.) mit. Sein korrekter Name ist demnach Silas Katompa Mvumpa. Auch das Geburtsdatum des Flügelstürmers war falsch.

Der VfB wählte nun ganz bewusst den Schritt in die Öffentlichkeit. Auf diese Weise soll eine Thematik in den Fokus gerückt werden, die Sven Mislintat als „Menschenhandel“ und „kriminell“ bezeichnet. Selbst für den erfahrenen Kaderplaner habe der Fall eine „völlig neue Dimension“. Und Mislintat ist sich sicher: „Silas ist in Europa kein Einzelfall.“

„Der einzige Ausweg aus dem Dilemma“

Mitte Mai diesen Jahres erzählte der Spieler intern erstmals seine Geschichte. „Wir haben ihm von Beginn an versichert, dass egal welche Konsequenzen das nach sich zieht, wir da gemeinsam durchmarschieren“, schildert Mislintat die Situation. Seine Erlebnisse und vor allem der Umgang damit sollen jetzt anderen Geschädigten helfen. „Wir können vielen anderen Mut machen“, sagt Mislintat. „Indem wir das Thema öffentlich machen, sensibilisieren wir. Mehr können wir aktuell nicht tun.“ Der Weg der totalen Transparenz sei „der einzige Ausweg aus dem Dilemma“. Aber was ist eigentlich genau passiert? Die Chronologie der Ereignisse:

  • Silas wurde am 6. Oktober 1998 in Kinshasa (Kongo) geboren, ist heute also 22 Jahre alt - und nicht wie bislang angenommen 21 Jahre.
  • 2017, als 18-Jähriger, wurde er vom RSC Anderlecht zu einem Probetraining eingeladen. Zu diesem Zweck erhielt Silas ein Visum für Belgien, gültig vom 15. August bis 14. November 2017, ausgestellt auf seinen korrekten Namen Katompa Mvumpa. „Offenbar hatte der RSC Anderlecht kurz vor Ablauf des Visums Interesse an einer Verpflichtung, bat Silas jedoch, zunächst in den Kongo zurückzureisen und mit einem neuen Visum zurückzukehren, um dann den Vertrag abschließen zu können“, teilt der VfB mit. Zu diesem Zeitpunkt war Silas 19 Jahre alt.
  • In dieser Situation soll ein Spielervermittler Silas in Belgien unter massivem Druck davon überzeugt haben, dass er nicht mehr nach Europa zurückkehren dürfe, wenn er Belgien einmal verlässt und in den Kongo abreist.
  • Laut Darstellung des Vereins fasste Silas Vertrauen zu dem Vermittler und geriet in der Folge in ein komplettes Abhängigkeitsverhältnis. „Er wohnte in Paris bei dem Vermittler, der ihn von der Umwelt weitgehend abschottete“, heißt es in der Mitteilung vom Dienstag.
  • Der Vermittler, so Silas, habe seine Identitätsangaben geändert und ihm Papiere als Silas Wamangituka (einem Namen seines Vaters) sowie mit einem um genau ein Jahr geänderten Geburtsdatum, 6. Oktober 1999, verschafft.
  • Nach der Angabe abweichender Personalangaben erhöhte sich seine Abhängigkeit zu dem Vermittler zusätzlich – denn ab sofort war er erpressbar. So soll der Berater fortwährend gedroht haben, dass Silas nie wieder Fußball spielen dürfe, wenn der Sachverhalt publik würde. „Ihm wurden falsche Versprechungen gemacht“, sagt Sven Mislintat. Zudem lebte er im Haus und unter Aufsicht des Vermittlers in Paris, sein Gehalt wurde ihm nicht ausgezahlt, sondern er erhielt nur einen Teil davon vom Vermittler.
  • Zur Saison 2019/20 wechselte Silas nach Stuttgart. Im Dezember 2019 tauchten erstmals in französischen Presseberichten Zweifel an seiner Identität auf. „Der VfB Stuttgart hat daraufhin, wie schon zuvor bei der Verpflichtung, die von der Seite des Spielers, der damals noch vom selben Vermittler vertreten wurde, vorgelegten Dokumente eingehend geprüft und hatte auch nach Gesprächen mit Silas und seinem Berater keinen Anlass, an ihnen zu zweifeln“, so der Club. Silas hätte auf dieser Grundlage vermutlich bis zu seinem Karriereende weiter professionell Fußball spielen können, da alle erforderlichen Papiere sowohl von französischen als auch deutschen staatlichen Stellen geprüft waren und lückenlos und formal korrekt vorlagen.  
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    Sven Mislintat und Silas Wamangituka mit dem VfB-Trikot. © VfB
  • Nachdem er beim VfB jedoch zunehmend Vertrauen zu den handelnden Personen und zu seinen Teamkollegen gefasst hatte, offenbarte Silas seine Zwangssituation im engsten Kreis und beschloss, den Berater zu wechseln. „Dieser und der VfB haben Silas seitdem intensiv darin bestärkt und unterstützt, an der Klärung seiner Situation mitzuwirken und aktiv auf die zuständigen Behörden zuzugehen“, so der Verein.
  • Inzwischen liegt Silas aufgrund seiner aktiven Mitwirkung an der Aufklärung der Situation ein gültiger kongolesischer Pass mit seinen korrekten Personalangaben vor.

Wie reagieren DFB und DFL?

Mittlerweile beschäftigt sich auch der Kontrollausschuss des Deutschen Fußball-Bundes (DFB) mit dem Fall. „Der VfB Stuttgart hat den DFB über den Vorgang informiert. Der DFB-Kontrollausschuss wird die Angelegenheit im Hinblick auf ein mögliches sportstrafrechtliches Fehlverhalten des Spielers überprüfen“, sagt Anton Nachreiner, der Vorsitzende des Kontrollausschusses.

Nach juristischer Bewertung des Sachverhalts geht der VfB davon aus, dass Silas im Besitz einer gültigen Spielberechtigung war und weiter ist. „Es liegt eine durch die DFL wirksam erteilte Spielerlaubnis vor“, erklärt Hans E. Lorenz, der Vorsitzende des DFB-Sportgerichts, in der DFB-Erklärung. „Davon abgesehen sind beim DFB-Sportgericht keine Einsprüche gegen Spielwertungen anhängig. Diese können wegen Fristablauf auch nicht mehr eingelegt werden.“ Ob Silas nun eine Sperre durch den DFB droht, weiß der VfB nicht. „Ich kann nicht sagen, ob es eine Strafe geben wird“, sagt VfB-Vorstandschef Thomas Hitzlsperger.

Auch die Deutsche Fußball Liga (DFL) hat sich mittlerweile zu Wort gemeldet. „Zur möglichen Erteilung einer neuen Spielerlaubnis für den Spieler unter seinem wahren Namen müssen die nach der Lizenzordnung Spieler (LOS) notwendigen Unterlagen, unter anderem ein behördlich erteilter, gültiger Aufenthaltstitel, eingereicht werden“, so ein Sprecher auf Nachfrage unserer Redaktion. Die Beurteilung in Bezug auf mögliche Sanktionen obliege dem DFB-Kontrollausschuss und dem DFB-Sportgericht.

Was geht es jetzt weiter?

Rechtliche Schritte gegen seinen ehemaligen Vermittler werden von Silas derzeit geprüft. Auch der VfB behält sich diese vor. Sven Mislintat wünscht sich derweil, dass der Fall eine neue Sensibilität für die Thematik schafft. „Wenn es dadruch gelingt, dass mehr Jungs ihre Geschichten erzählen und die Öffentlichkeit mehr darüber erfährt, könnte es sein, dass sich gewisse Dinge ändern.“ 

Die ersten Reaktionen auf die Veröffentlichungen stimmen ihn in jedem Fall positiv. In den sozialen Medien formiert sich schnell das #TeamSilas, die Blogger vom Vertikalpass schreiben: „Ob Wamangituka oder Katompa Mvumpa, ob 1999 oder 1998 geboren: Silas bleibt Silas. Unsere Nummer 14.“

„Der Junge hatte richtig Angst vor diesem Tag, vor den Reaktionen“, sagt Mislintat, „aber wenn ich die ersten Reaktionen sehe, dann glaube ich, dass es ihm richtig Kraft gibt. Da kann man auch – wieder einmal – unserer Fangemeinde ein Riesenkompliment machen.“