Tränen, Paraden und Wackler: Das emotionale VfB-Debüt von Keeper Dennis Seimen
Paderborn. Nach dem Schlusspfiff stand Dennis Seimen auf dem Rasen und wurde dort von der Paderborner Heimkurve mit Sprechchören gefeiert. Applaus für den Keeper der gegnerischen Mannschaft, im ausverkauften Stadion eines Bundesligisten: Das ist keine alltägliche Szene. Für Seimen war es der emotionale Schlusspunkt eines besonderen Nachmittags. Sein erstes Bundesligaspiel hatte der 20-Jährige gerade hinter sich gebracht, mit einem 2:0-Sieg des VfB Stuttgart und einer weißen Weste. Dass es dabei nicht nur Grund zur Freude gab, gehörte ebenfalls zu diesem Debüt.
„Bei mir sind nach dem Spiel ein paar Tränen geflossen, weil es ein wirklich emotionaler Moment für mich war“, sagte Seimen anschließend im TV-Interview. Für den Verein, bei dem er jahrelang die Jugendmannschaften durchlaufen habe, sein Bundesligadebüt feiern zu dürfen – und dann auch noch hier in Paderborn: „Ich glaube, das sind Geschichten, die nur der Fußball schreibt.“
Was Trainer Hoeneß vor dem Spiel zu Dennis Seimen gesagt hat
Der Empfang hatte eine Vorgeschichte. In der vergangenen Saison war Seimen an den SC Paderborn ausgeliehen gewesen und hatte mit den Ostwestfalen den Aufstieg in die Bundesliga gefeiert. Nun kehrte er zurück, diesmal als Nummer eins des VfB Stuttgart. Schon beim Aufwärmen hatten Fans beider Lager seinen Namen gerufen. Eine schönere Begrüßung hätte sich der junge Torwart kaum wünschen können. Auf dem Platz allerdings wartete eine Aufgabe, die deutlich weniger romantisch ausfiel.
Die Aufregung vor dem Anpfiff sei groß gewesen, räumte Seimen ein. Cheftrainer Sebastian Hoeneß habe deshalb bewusst auf eine große Ansprache verzichtet. Ein paar taktische Hinweise, ein Wunsch für viel Erfolg, mehr nicht. Manchmal müsse man in solchen Situationen vielleicht einfach weniger reden, erklärte Seimen. Der Trainer habe das offenbar ähnlich gesehen.
Zunächst schien der Nachmittag tatsächlich überschaubar zu werden. Der VfB dominierte die Partie, ließ den Ball laufen und ging durch einen Kopfball von Jeff Chabot in Führung. Seimen, im orangefarbenen Trikot und mit blau-weißen Handschuhen, bekam lange wenig zu tun. Sein erster Ball war ein harmloser Distanzschuss, den er problemlos aufnahm. Dann aber zeigte sich, dass ein Bundesligadebüt nicht allein aus schönen Bildern und freundlichen Begrüßungen besteht.
Ein riskanter Fehler, dann eine starke Reaktion
In der 35. Minute unterlief Seimen im Spielaufbau am eigenen Strafraum ein Fehlpass. Paderborn konnte daraus kein Kapital schlagen – Glück für den Debütanten. Kurz vor der Pause wurde es ernst: Nach einem Fehler von Josha Vagnoman lief Raphael Obermair auf ihn zu, Seimen blieb im Eins-gegen-eins aufmerksam und klärte stark. Die erste richtige Bewährungsprobe hatte er bestanden. Zwischen diesen beiden Szenen lag bereits die Spannweite seines Auftritts: ein riskanter Fehler, dann eine starke Reaktion. Auch Sportvorstand Fabian Wohlgemuth wusste, dass es für Seimen keine gewöhnliche Aufgabe war. „Es war keine leichte Aufgabe für ihn. Auch eine emotionale Herausforderung, aber er ist ein Eisvogel“, sagte er.
Nach der Pause wurde es für den VfB und seinen jungen Torwart ungemütlicher. Paderborn attackierte früher, die Stuttgarter verloren zunehmend die Kontrolle und leisteten sich einfache Ballverluste. Seimen packte bei einem abgefälschten Distanzschuss sicher zu und klärte wenig später einen langen Pass von Marvin Pieringer aufmerksam mit dem Fuß. Doch dann folgte der nächste Wackler: In der 60. Minute spielte er einen riskanten Pass auf Atakan Karazor, der beinahe schiefgegangen wäre. Wenig später ließ er eine Ecke fallen. Wieder blieb es ohne Folgen. Wieder dürfte Seimen kurz durchgeatmet haben.
Es war ein Debüt mit Licht und Schatten, bei dem der Torwart auch das Glück des Tüchtigen benötigte. Als Paderborn in der Schlussphase auf den Ausgleich drängte, geriet die Stuttgarter Defensive mehrfach ins Wanken. Abwehrchef Chabot musste angeschlagen ausgewechselt werden, der VfB verlor zeitweise die Ordnung. In der 82. Minute kamen die Gastgeber einer großen Ausgleichschance nahe, ehe Chris Führich eine Minute später mit einem spektakulären Schuss unter die Querlatte für die Entscheidung sorgte. Seimen durfte sich über sein erstes Bundesligaspiel ohne Gegentor freuen – auch wenn die weiße Weste allein wenig darüber erzählt, wie anspruchsvoll dieser Nachmittag für ihn gewesen war.
Für Seimen und den VfB geht es Schlag auf Schlag
Seine Analyse klang anschließend erstaunlich abgeklärt. Paderborn habe es in dieser Saison jeder Mannschaft schwer gemacht, sagte Seimen. Es sei ein „sehr ekliges Spiel“ gewesen, in dem der VfB nicht immer in die Zweikämpfe gekommen sei und zu viele einfache Ballverluste gehabt habe. Am Ende, befand er, habe sich die größere individuelle Qualität durchgesetzt. Dass er selbst dabei nicht fehlerfrei geblieben war, musste er nicht eigens erwähnen.
Viel Zeit, den besonderen Moment auszukosten, bleibt ihm ohnehin nicht. Schon in der kommenden Woche wartet auf den VfB die Champions League mit dem Auswärtsspiel in Bratislava, danach stehen weitere große Namen wie Atlético Madrid auf dem Programm. Seimen wollte am Samstagabend noch nicht zu weit vorausblicken. Erst einmal werde er sein Bundesligadebüt genießen, sagte er. Auf die kommenden Wochen freue er sich, er wolle alles aufsaugen und mitnehmen. Das darf er. In Paderborn hat Seimen erlebt, wie schnell im Fußball alles zusammenkommt: ein herzliches Wiedersehen, ein riskanter Fehlpass, eine starke Parade, ein paar nervöse Momente und am Ende ein Sieg.



