VfB-Fans „wie Schwerverbrecher“ behandelt: Der Deventer-Vorfall und seine Folgen
Deventer/Stuttgart. Am Donnerstagabend (27.11.) gewann der VfB Stuttgart sein Auswärtsspiel gegen die Go Ahead Eagles aus Deventer hochverdient mit 4:0. Der Abend hätte zu einem Europa-Pokal-Fest werden können, wäre da nicht der „unverhältnismäßige“ Polizeieinsatz gegen Teile der organisierten Fanszene im Vorfeld der Partie gewesen. Der Vorfall zeigt, wie zerrüttet das Verhältnis zwischen Fans und Polizei inzwischen ist – und das vor allem die Ordnungshüter vermehrt aggressiv auftreten. Der schwarze Abend für die VfB-Fans in Deventer muss Folgen haben. Eine kommentierende Einordnung.
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VfB-Boss Wehrle sieht, wie die Polizei auf Fans einprügelt
Es hätte alles so schön sein können: Doppelpacker Jamie Leweling, Zauberfuß El Khannouss, der doppelte Vorbereiter Deniz Undav und der erste Auswärtssieg in der laufenden Europa-League-Saison. Doch Pustekuchen. Anstatt freudig über das gewonnene Spiel gegen die Go Ahead Eagles zu sprechen, trat VfB-Vorstandsvorsitzender Alexander Wehrle am späten Donnerstagabend mit verfinsterter Miene ans Kommentatorenpult beim TV-Sender RTL. Was folgte, waren klare Aussagen des VfB-Bosses in Richtung Polizei, Behörden und der UEFA. Und es entstand der Eindruck, dass Wehrle von den Ereignissen am Fantreff drei Stunden vor Spielbeginn ernsthaft geschockt war.
Denn: Zum Zeitpunkt der Eskalation zwischen Teilen der VfB-Fans und der Polizei waren der gesamte VfB-Vorstand und Teile des VfB-Präsidiums vor Ort. Sprich: Alexander Wehrle konnte die Szenen hautnah miterleben. Videos in den sozialen Netzwerken zeigen, wie Polizisten mit Schlagstöcken ohne ersichtlichen Grund auf VfB-Fans einprügeln. Direkt nach dem Aussteigen aus dem Bus hätte es laut Wehrle für Fans der drei ankommenden Busse direkt einen Schlagstock in den Rücken oder an den Kopf gegeben – ohne ersichtlichen Grund. „Wenn ich die Szenen selber nicht gesehen hätte, dann hätte ich mir das in Europa nicht vorstellen können“, sagte der sichtlich aufgebrachte VfB-Boss am RTL-Mikrofon.
Polizeieinsatz in Deventer sei „völlig unverhältnismäßig“ gewesen
Zudem sei es am Security-Check-in am Fantreff, der in einer Brauerei stattfand, zu einem Gedränge gekommen, so Wehrle. „Das ist völlig normal bei einem Fußballspiel. Und ich frage mich auch: Wieso braucht es bei einem offiziellen Fantreff eine Einlasskontrolle?“ Laut niederländischen Medien hätten einige Fans Absperrgitter beiseitegeschoben – oder beiseitegeschmissen, hier gehen die Darstellungen auseinander. Die Konsequenz war auf jeden Fall: Die Polizei prügelte die Fans, die vor allem der organisierten Fanszene angehörten, zurück in ihre Busse.
Und als wäre das nicht genug: Der Bürgermeister von Deventer sprach ein Betretungsverbot für die Insassen der anderen drei VfB-Fanbusse aus, die noch unterwegs waren. Die VfB-Fans hatten die Schnauze gestrichen voll, solidarisierten sich untereinander – und traten geschlossen die Heimreise an. Dass es zu solchen Szenen kommt, macht nicht nur den Verfasser dieser Zeilen, sondern auch den VfB-Boss Alexander Wehrle fassungslos. Der Polizeieinsatz und die Gewalt seien „völlig unverhältnismäßig“ gewesen. „So was habe ich noch nie erlebt. Das hat nichts mit Fußball zu tun, wenn friedliche Fans wie Schwerverbrecher behandelt werden.“
VfB Stuttgart legt schriftliche Beschwerde bei der UEFA ein
Glück für die VfB-Fans und Glück für die schreibenden Medien, dass der gesamte Vorstand des Bundesligisten vor Ort war und die Szenen beobachten konnte. Somit war ein dritter Beobachter vor Ort, der die Szenen unbeteiligt beobachten konnte. Und der Eindruck verfestigt sich, dass die Polizei und die Ordnungshüter immer aggressiver und radikaler im Umgang mit Auswärtsfans auftreten. Oft auch ohne ersichtlichen Grund, wie der Vorfall in Deventer eindrucksvoll gezeigt hat. Oder um es in den Worten von Alexander Wehrle zu sagen: „Da muss die Polizei ernsthaft darüber nachdenken, wie sie solche Spiele organisiert.“ Auch in London kam es am Mittwoch zu einer Auseinandersetzung zwischen Bayern-Fans und der Security im Stadion des FC Arsenal. Die Fälle häufen sich.
Der VfB Stuttgart will und kann nach den Ereignissen von Donnerstagabend nicht einfach zur Tagesordnung übergehen. „Wir haben direkt am Abend eine schriftliche Beschwerde bei der UEFA eingereicht“, erklärte der VfB-Boss bei RTL. „Ich möchte die Fankultur in Europa aufrechterhalten. Und da mache ich mir langsam echt Sorgen.“ Wenn Polizisten wie in Deventer wahllos auf Fans einprügeln, die – wie auf den Videos zu erkennen ist – sogar deeskalierend die Arme in die Höhe halten, dann muss man sich ernsthaft die Frage stellen: Wie soll das weitergehen?
Sollte die Polizei nicht „dein Freund und Helfer“ sein?
Wenn es noch eine Fankultur in Europa, insbesondere bei internationalen Spielen geben soll, muss sich dringend etwas ändern. Der VfB Stuttgart ist gefordert, seine Stimme so laut wie möglich zu erheben und die unglaublichen Szenen anzuprangern. Die UEFA muss endlich die Augen aufmachen und genau hinschauen, anstatt sich wegzuducken. Und die Polizei muss – wie im Fall Deventer – endlich wieder das werden, was sie sein sollen: dein Freund und Helfer. Und nicht mit Schaum vor dem Mund wahllos auf Fans einprügeln.




