Wiedersehen mit Werder: VfB-Stürmer Undav - vom Aussortierten zum EM-Kandidaten
Ein Siegtreffer von Deniz Undav gegen Werder Bremen würde zu seinem außergewöhnlichen Aufstieg zum Torgaranten des VfB Stuttgart ziemlich perfekt passen. Nach Umwegen wäre es der nächste Aha-Moment in der Geschichte eines Stürmers, der im Norden einst nicht nur bei Werder durchfiel und über den nun als Nationalmannschaftskandidat für die Heim-EM 2024 diskutiert wird. Undav sei in «überragender Form», bekräftigte VfB-Trainer Sebastian Hoeneß am Donnerstag (30.11.) und verriet überraschend offen, dass er am Samstag (18.30 Uhr/Sky) erstmals gemeinsam mit Toptorjäger Serhou Guirassy in der Startelf stehen werde.
Als Jugendlicher mit Karriere-Träumen bei Werder aussortiert
«Wenn man sich seinen Weg anguckt, dann ist das kein gewöhnlicher. Respekt davor, dass er diesen Weg gegangen ist und sich durchgebissen hat», meinte der Bremer Profifußball-Leiter Clemens Fritz über den Spätstarter: «Ich kann nicht bewerten, was damals war, da war ich glaube ich selbst noch Spieler. Er hat sich auf jeden Fall sehr gut entwickelt».
Zu klein «und zu dick» dagegen sei das Urteil über ihn einst in der Werder-Jugend gewesen, erzählte Undav selbst. Mit dieser Begründung sei er als Jugendlicher mit Karriere-Träumen bei Werder aussortiert worden. Das Flutlichtspiel ist deswegen etwas Besonderes.
Undav: Vergangenheit als besondere Motivation
«Ich bin immer motiviert, aber gegen Werder Bremen kommen natürlich noch ein paar Prozent mehr dazu», sagte der 27-Jährige dem Multimediaportal «Deichstube». Auch wenn er keinen Groll gegen Werder hege: Das Aus in der Jugend sei «sehr, sehr hart» gewesen, erinnerte sich der Deutsch-Türke. «Gefühlt war mein Traum dann geplatzt». Die Hoffnung aufs Profileben habe er zwischenzeitlich aufgegeben, erzählte er im ZDF-«Sportstudio». Sein Vater und Onkel hätten ihn überredet, nicht aufzuhören.
Der Sprung zum Profi in Bremen hätte einen besonderen Reiz gehabt. In Varel in Friesland wurde Undav im Juli 1996 geboren, in Achim wuchs er auf. Das Bremer Trainingsgelände am Weserstadion lag nur wenige Kilometer von seinem Zuhause entfernt.
Nicht nur bei Werder im Abseits
Undavs Weg führte dann über die kleineren Clubs SC Weyhe und TSV Havelse zur zweiten Mannschaft von Eintracht Braunschweig. Doch auch dort schaffte er den Durchbruch nicht, auch die Braunschweiger schickten ihn weg. Nach dem Zweitliga-Abstieg 2018 holten die Niedersachsen zwar mehr als 20 neue Spieler, von denen nur die wenigsten drittligatauglich waren. Undav aber bekam sechs Jahre nach dem Aus bei Werder auch hier kein Angebot. So zog er nach Meppen weiter, schoss in zwei Jahren 23 Drittliga-Tore - und wurde begehrter.
Der märchenhafte Aufstieg gewann an Fahrt. Dass der Offensivspieler dann 2020 zum damals noch zweitklassigen Club Saint-Gilloise nach Belgien wechselte, überraschte. Doch Undav fühlte sich ungewohnt wertgeschätzt und schoss sein Team zum Aufstieg. In Belgien warb er dermaßen für sich, dass der Wechsel in die Premier League die Belohnung war.
Er habe gegen viele Widerstände kämpfen müssen. «Nicht einige, sondern sehr viele! Ich habe immer nur gehört: "Deniz, du bist gut, aber ..." Vor allem in Deutschland suchte man Fehler bei mir», sagte Undav einmal dem «Kicker».
Wichtige Rolle beim VfB Stuttgart
Nach Jahren, in denen er in Deutschland unter dem Radar lief, holte ihn erst der VfB im vergangenen Sommer in die Bundesliga. Auf Leihbasis verpflichteten ihn die Schwaben von Brighton & Hove Albion. Eine Rückkehr nach Bremen war kein Thema, sagte Fritz: «Wir hatten im Sommer nicht so den Riesenbedarf im Angriff. Zu dem Zeitpunkt, als Fülle nach Dortmund gegangen ist, brauchten wir uns dann mit Undav nicht mehr zu beschäftigen.»
Nach Stuttgart kam Undav als Hoffnungsträger für eine sorgenfreie Saison - und machte sich mit sieben Toren in seinen ersten neun Bundesliga-Spielen schnell einen Namen. Als Ersatz und Nebenmann von Serhou Guirassy ist er eines der Gesichter der bisher überraschend starken Spielzeit des VfB.
«Für mich ist das alles gefühlt immer noch ein Traum», sagte Undav. «Manchmal denke ich: Zum Glück habe ich es geschafft, ich kann es nicht fassen. Und deswegen habe ich gerade diesen Hunger in mir, immer mehr zu machen und noch mehr Tore zu schießen.»
Es klingt nach der besten Voraussetzung, um eine Woche nach seinem Doppelpack beim 2:1 in Frankfurt wieder zu treffen und sich im nächsten Sommer auch noch den Traum von der EM-Teilnahme zu erfüllen. «Er muss das machen, was er jetzt macht, Tore erzielen, gute Leistungen zeigen. Mithelfen, dass wir erfolgreich sind. Dann bleiben wir und auch er im Fokus. Dann ist, denke ich, alles möglich», sagte Hoeneß.




