Winnenden

Der Geist von Tim K.

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Auch die Bilder der Trauer gleichen sich: Gedenkstelle am 22. Juli 2017, dem ersten Jahrestag des Münchner Amoklaufs. © Johannes Simon / SZ Photo
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Jens Rabe. © Bernhardt / ZVW

Winnenden/München. Er sah sich selber als „the ghost of Tim K.“, als den wiedergekehrten und nun erneut mordenden Geist des toten Amokläufers von Winnenden: Für den 18-jährigen David S., der am 22. Juli 2016 in München neun junge Menschen und schließlich sich selbst erschoss, war Tim K. ein Vorbild.

Neun Jungen und Mädchen zwischen 14 und 19 Jahren ermordete David S. an jenem Juli-Abend im und beim Olympia-Einkaufszentrum München-Moosach. Die Republik verfolgte live am Fernseher, wie ein polizeiliches Großaufgebot auf der Jagd nach dem Todesschützen die Stadt abriegelte. Gerüchte schossen ins Kraut, von einem islamistischen Terroranschlag war zunächst die Rede und von mehreren Komplizen. Nach zweieinhalb Stunden stellte eine Streife den jungen Mann; er erschoss sich.

Derzeit läuft in München der Prozess gegen einen Schwarzhändler, der David S. die Tatwaffe verkauft hatte. Der Vorwurf: fahrlässige Tötung in neun Fällen.

Wer analysiert, was die Münchner Verhandlung bisher zutage gefördert hat, sieht sich von einem verstörenden Eindruck bedrängt: David S. wirkt in Teilen wie ein Doppelgänger von Tim K. Und noch bestürzender: David S. erwählte Tim K. bewusst als Rollenmodell, als Inspiration; und reiste auf den Spuren seines Vorbildes gar zweimal von München nach Winnenden.

Zwei Amoktäter

„Der folgende Punkt scheint auf der Hand zu liegen, aber man muss ihn aussprechen“, schreibt der amerikanische Psychiater Peter Langman in seinem Standardwerk „Amok im Kopf“: Amokläufer sind „Jugendliche mit schweren psychischen Störungen“.

Solch eine bizarr maßlose Tat ausschließlich mit Mobbing, Computerspielkonsum oder dem leichten Zugang zu einer Waffe erklären zu wollen, greift immer zu kurz. Das können bedingende Faktoren sein – aber sie entfalten ihre volle Wucht erst, wenn sie auf eine kranke Seele hämmern.

Beschämend und furchteinflößend

„Labile Ich-Identität“; „narzisstische“, also ins Größenwahnsinnige lappende Züge, fatal spannungsvoll kombiniert mit erhöhter Kränkbarkeit und einem nagenden Gefühl der Unzulänglichkeit; „soziale Phobie“, also eine Angststörung, die den Umgang mit anderen Menschen peinlich, beschämend und furchteinflößend macht: Mit diesen Begriffen beschrieben Gutachter und Therapeuten die Persönlichkeit Tim K’s.

Ganz ähnlich, bisweilen wortgleich klang es, als im Münchner Prozess ein Kriminalpolizist die Ermittlungserkenntnisse zu David S. referierte: soziale Phobie, narzisstische Tendenzen, Depressionen (die Tim K. sich nach einer Internet-Recherche selbst bescheinigte), dazu PC-Sucht und der Verdacht auf frühkindlichen Autismus.

Duplizitäten, Spiegelbilder, Parallelen

Tim K. galt als „Pokerface“, dessen Gesicht kaum Gefühlsregungen abzulesen waren – bei David S. fiel der „ausgeprägte Mangel an Empathie“ auf, ein unterentwickeltes Einfühlungsvermögen. Tim K. habe sich abgekapselt, kaum gesellige Kontakte oder gar Freundschaften gepflegt – David S. lebte offenbar in „sozialer Isolation“ und hatte „so gut wie keine Freunde“.

Selbst innerhalb der Familie zog sich Tim K. mit den Jahren immer mehr zurück – wie David S., der, wenn Besuch ins Haus kam, in seinem Zimmer verschwand. Tim K. kämpfte mit Lernschwächen, die ehrgeizigen Wünsche des Vaters sorgten oft für Spannungen – ähnlichen Erwartungs- und Leistungsdruck gab es wohl bei David S.; während der Junge sich in der Schule schwer tat, hoffte der Vater, ein mit seiner Frau aus dem Iran gekommener Zuwanderer, dass der Sohn das Abitur machen werde.

Duplizitäten, Spiegelbilder, Parallelen: Es wirkt, als hätten sich die Nöte von Tim K. via „copy & paste“ in das Leben von David S. eingeschrieben.

Weitere frappierende Parallelen

David S. musste sich die tödliche „Glock“ auf dem Schwarzmarkt besorgen – Tim K. brauchte die „Beretta“ bloß aus dem Schlafzimmerschrank des Vaters zu holen. Ansonsten aber: Wie Tim K. war David S. von Waffen fasziniert, wie Tim K. erwarb David S. zunächst Softair-Pistolen, wie Tim K. suchte David S. Ablenkung und Entspannung, indem er wie besessen am Computer spielte, blutrünstige „Egoshooter“-Games, bei denen der Akteur die ihm auf dem Bildschirm entgegenkommenden Gegner mit Geschossgarben niedermäht. Festplatten-Auswertungen ergaben, dass David S. alleine mit dem Spiel „Counterstrike“ 4348 Stunden verbrachte; viertausenddreihundertachtundvierzig.

Wie Tim K. war David S. in psychiatrischer Behandlung. Tim K. erzählte dort im Gespräch mit einer Therapeutin, manchmal bedrängten ihn fürchterliche Gedanken, er wolle dann alle Menschen erschießen – David S. erklärte, er wolle jemanden „exekutieren“, und Mitpatienten fiel auf, dass der Junge dauernd vor sich hin gemurmelt habe, er werde alle umbringen.

Die Experten, die Tim K. behandelten, empfahlen eine weiterführende Therapie, befanden aber: Es bestehe keine Selbst- oder Fremdgefährdung. Frei übersetzt: Der Junge werde sich oder anderen schon nichts antun. Die Fachleute, die sich um David S. kümmerten, drängten auf eine Anschlussbehandlung, bilanzierten aber: Von einer Selbst- oder Fremdgefährdung sei nicht auszugehen. In beiden Fällen drängt sich dem Laien dieselbe Frage auf: Warum schrillten nicht sämtliche Alarmglocken?

Vorbilder: Tim K., Breivik, Steinhäuser

Zu den erschütterndsten Erkenntnissen der Amokforschung gehört, dass jeder Massenmord den Keim für den nächsten aussät, jede Tat als Zündfunke für eine weitere dienen kann und jeder tote Amokläufer in gewisser Weise überlebt: als Vorbild und Anstifter für seine Nachfolger.

David S. war offenbar regelrecht fixiert auf Tim K. – die Identifikation führte bis zu dem Punkt, da der Jugendliche in München sich quasi die Identität seines Winnender Helden aneignete, virtuell in dessen Haut schlüpfte: Auf einer Onlinespiele-Plattform, fanden die Ermittler heraus, gab er sich das Pseudonym „Tim K.“, versehen mit dem Zusatz: „I am the ghost of Tim K. I will come back alive and kill again.“ Ich bin der Geist von Tim K., ich werde lebendig zurückkehren und erneut töten.

Glied in einer langen Kette

Selbstgeknipste Fotos auf dem Computer von David S. verraten: Er war zweimal in Winnenden, um sich vor Ort ein Bild zu machen. Im Juni 2015. Und: am 11. März 2016. Als die Bewohner der Stadt den siebten Jahrestag des Entsetzens begingen, war „der Geist von Tim K.“ unter ihnen.

David S. sah sich offenbar als Glied in einer langen Kette. Dass er ausgerechnet am 22. Juli 2016 mordete, lässt sich kaum als Zufall abtun: Auf den Tag fünf Jahre zuvor, am 22. Juli 2011, hatte der rechtsextreme, islamfeindliche Terrorist Anders Breivik in Norwegen 77 Menschen erschossen. Notate auf der Festplatte von David S. bezeugen, dass er Breivik verehrte.

David S. besaß das Buch von Peter Langman über Amokläufer; er speicherte neben vielen Fotos von Tim K. auch Bilder von Robert Steinhäuser, dem Amokläufer von Erfurt, Eric Harris und Dylan Klebold, den School Shootern von Columbine; und eine Foto-Montage, die Tim K., Steinhäuser und Breivik einträchtig nebeneinander zeigt.

„Untermenschen“: Auffälligkeiten des Falles David S.

Mobbing als Erklärungsmodell für Amok-Läufe sei ein „Mythos“, schreibt Peter Langman; tatsächlich hätten systematische Piesackereien durch Mitschüler in allen von ihm untersuchten Fällen keine Rolle gespielt. Auch bei Tim K. verflüchtigten sich die anfänglichen Mobbinggerüchte bald.

Anders David S.: Klassenkameraden verlachten ihn als „krank“ oder „behindert“, als „Affe“, beschossen ihn im Sportunterricht mit Fuß-, im Winter mit Schneebällen, drohten mit Prügeln, schubsten ihn herum, stellten ihm ein Bein, all das ist durch Zeugen belegt. Ein katastrophaler Rückkoppelungseffekt mag dabei in Gang geraten sein: Sein Anderssein führte zu Ausgrenzung, die Ausgrenzung vertiefte sein Anderssein.

Zorn gegen Wildfremde

Vor allem von Jugendlichen ausländischer Herkunft sah David S. sich malträtiert. Auf seinem Rechner fanden sich Dateien mit Titeln wie „Mein Kampf mit den Menschen“ oder „Ich werde jetzt jeden deutschen Türken auslöschen egal wer“. Er schrieb vom „Tag der Abrechnung“, er werde sie „exekutieren“, diese „ausländischen Untermenschen mit meist türkisch-balkanischen Wurzeln“, „zerquetschen wie Kakerlaken“.

Die neun jungen Menschen, die David S. erschoss, waren ausnahmslos ausländischer Abstammung; von seinen Mobbern war kein einziger darunter. Er kehrte seinen Zorn gegen Wildfremde, die ihm nicht das Geringste getan hatten und deren einzige Schuld darin bestand, nicht deutsch genug auszusehen.

Rassismus, Fremdenhass, Rechtsextremismus?

Ist die Tat von München erschöpfend erklärbar, wenn man sie als „Amoklauf“ beschreibt? Wäre womöglich gar von „Rechts-Terrorismus“ zu reden? In David S., selber Sohn von Zuwanderern, gärte ein tiefer Hass auf Zugewanderte; mehrere Zeugen beschrieben, er habe oft Hakenkreuze gemalt; in der Psychiatrie soll er eine Mitpatientin mit „Sieg Heil!“ begrüßt haben; in Internet-Chats verbreitete er, die Ausländer seien ein „Virus“, das sich in Deutschland eingenistet habe; er hoffte, die AfD werde diese Deutsch-Türken ausschalten.

Was an all dem ist Krankheit? Was irrsinnig enthemmte Reaktion auf reale Mobbing-Erfahrungen? Was Rassismus, Fremdenhass, Rechtsextremismus?

Fatale Bausteine

Vielleicht lässt sich das gar nicht klinisch sauber trennen, sondern letztlich nur begreifen als verheerend sprengkräftige Mischung aus psychischer Störung, Ausgrenzungs-Schmerz und ideologischem Wahn. Zu den Pseudonymen, unter denen David S. im Internet schrieb, gehörten sowohl „Amoklauf“ als auch „NeoGer“, was sich als Abkürzung von Neo-Germane interpretieren lässt.

Der Münchner Prozess offenbart: Die fatalen Bausteine, aus dem sich ein Amoktäter-Psychogramm zusammensetzt, sind immer wieder dieselben – Vereinzelung, Minderwertigkeitsgefühle, narzisstische Macht-Phantasien, den Größenwahn befeuernde Waffen-Begeisterung, dazu die Faszinationskraft mörderischer Vorbilder. Jede einzelne dieser Taten aber birgt auch ihr ganz eigenes, neues Entsetzen.


Ist es überhaupt richtig, den Vater des Winnender Amokläufers Tim K. anzuklagen? Kann man ihn wirklich wegen fahrlässiger Tötung zur Verantwortung ziehen? Viele – auch Juristen – bezweifelten das seinerzeit, bevor der Prozess gegen Jörg K. begann. Die Skeptiker argumentierten: Sicher, er hat eine Waffe schlampig verwahrt – aber er konnte doch nicht wissen, was sein Sohn damit anrichten würde, konnte doch nicht absehen, wie psychisch krank und wie maßlos mordentschlossen der Junge wirklich war. Wer konnte denn riechen, dass so etwas Unerhörtes, Wahnsinniges passiert? Nicht einmal die psychiatrischen Experten in Weinsberg, die Tim K. behandelten, erkannten doch diese Gefahr.

Seit der juristischen Aufarbeitung des Winnender Amoklaufs und der Verurteilung von Jörg K. wegen fahrlässiger Tötung sind diese Fragen geklärt. Der Fall mündete in das vom Bundesgerichtshof auf den Punkt gebrachte Ergebnis: Wer eine Waffe unzureichend sichert gegen unbefugten Gebrauch, der ist verantwortlich für das, was womöglich damit geschieht; macht sich wegen fahrlässiger Tötung strafbar, wenn ein anderer die Waffe an sich bringt und damit einen Mord begeht; und kann sich nicht herausreden mit dem Argument: Das konnte ich nicht ahnen. Eine Waffe ist immer ein potenzielles Mordwerkzeug – jeder, der eine Waffe besitzt, muss sich darüber jederzeit im Klaren sein.

Der Waiblinger Anwalt Jens Rabe hat nicht nur bei den Winnender Amokprozessen mehrere Hinterbliebene vertreten – auch im Münchner Verfahren ist er wieder als Opferanwalt tätig. Das Urteil gegen Jörg K. nach dem Massenmord an der Albertville-Realschule habe in gewisser Weise „Rechtsgeschichte geschrieben“, sagt Rabe. Folge: Auch der Schwarzhändler, der dem Münchner David S. die Mordwaffe verkaufte, ist nun wegen fahrlässiger Tötung in neun Fällen angeklagt. Die Anklageschrift, erklärt Rabe, habe sich explizit auf den Präzedenzfall Winnenden bezogen.


Gesamte Berichterstattung

Wir haben die gesamte Berichterstattung seit 2009 zum Thema unter www.zvw.de/amoklauf-winnenden gesammelt.

Alle Berichte aus dem Jahr 2009

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