Rems-Murr-Kreis

#IchHabeMitgemacht: Querdenker bewerben Online-Pranger – was dahintersteckt

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Symbolfoto. © Pixabay

Auf einer Website werden Menschen aus Politik, Wissenschaft und Medien an den Online-Pranger gestellt. Der Vorwurf gegen die Aufgelisteten, unter denen sich neben Karl Lauterbach auch Baden-Württembergs Ministerpräsident Winfried Kretschmann und die Grünen-Vorsitzende Ricarda Lang (Wahlkreis Backnang-Schwäbisch Gmünd) befinden: Sie hätten sich an „Corona-Unrecht“ beteiligt.

Aus der Querdenker-Szene erhält die Aktion viel Zuspruch. Die Website verbreitet sich via Telegram und findet sich auch in lokalen Kanälen wie „Querdenken 718 Schorndorf“. Gleichzeitig liefern Twitter-Nutzer unter dem bereits tausendfach verwendeten Hashtag #IchHabeMitgemacht weitere Vorschläge für den gleichnamigen Pranger. Teils inklusive Beleidigungen.

Was steckt hinter dieser Aktion? Wer betreibt die Seite? Eine Spurensuche.

Die Liste: „Sie alle verdienen ihre gerechte Strafe“

„Bei diesem Projekt werden alle Coronafaschisten, Gashahndreher und sonstige Mittäter und ihre Verbrechen sorgfältig dokumentiert. Man kann auch selbst Hinweise liefern. Lassen wir sie nicht in Vergessenheit geraten, sie alle verdienen ihre gerechte Strafe.“ Mit diesen Worten warb ein Querdenker-Kanal auf Telegram Mitte März für eine Website, die sich selbst als „privates Dokumentationszentrum für Corona-Unrecht“ begreift.

Auf der Seite findet sich eine Liste mit mittlerweile über 500 Einträgen, die angeblich „eklatante Beispiele für Übergriffigkeiten, menschenverachtende Formulierungen und Drangsalierungen“ dokumentieren. Die aufgelisteten „Täter“ sollen mit „Beweisstücken“ in Form von Zitaten überführt werden.

Die Zitate: Impflicht-Befürwortung und Impfgegner-Kritik

Was sich auf der Liste tatsächlich findet: politische Debattenbeiträge, Aufrufe zum Impfen, Impfpflicht-Befürwortung, Kritik an Impfgegnern und -verweigerern, der Querdenker-Szene oder der AfD. Sogar der private Umgang mit Corona-Maßnahmen bietet für die Betreiber offenbar Anlass genug, Menschen auf die Liste zu setzen. Einer Journalistin wird gar ein Zitat zugeordnet, das überhaupt nicht von ihr stammt.

Ebenfalls auf der Liste, mit gleich mehreren Einträgen, ist Gesundheitsminister Karl Lauterbach (SPD) vertreten. Am Donnerstag (14.04.) wurde bekannt, dass eine Gruppierung von Reichsbürgern und Querdenkern neben Sprengstoffanschlägen und einem Systemsturz auch die Entführung Lauterbachs geplant haben soll.

Die Betreiber: Anonyme „Archivare“ und ein Journalist

Auf der Website findet sich ein Formular, mit dem weitere Menschen für die Liste vorgeschlagen werden. Aber wer ist für das Erstellen verantwortlich? Und mit welcher Motivation?

Auf der Website selbst findet sich der Hinweis, sie werde „von einem anonymen, aber grundsoliden Kreis besorgter Archivare“ betrieben, „um den einen oder anderen Zivilisationsbruch der Vergessenheit zu entreißen“. Eine Formulierung, die aufhorchen lässt: Der Begriff "Zivilisationsbruch" wurde von dem deutsch-israelischen Historiker Dan Diner in Bezug auf den Holocaust geprägt.

Auch wenn die Betreiber offenbar gerne anonym bleiben wollen, findet sich im Impressum der Name eines Journalisten, dessen Konto auch bei der Bitte um finanzielle Unterstützung angegeben ist: Burkhard Müller-Ullrich. Dieser bewirbt den Pranger auch selbst, unter anderem auf seinem Twitter-Profil.

Der Journalist: Von öffentlich-rechtlichen und rechten Medien

Burkhard Müller-Ullrich beschreibt sich auf Twitter selbst mit den Worten: „Dieselfahrer. Waffenbesitzer. Vielflieger.“ Als Journalist war er in der Vergangenheit für diverse öffentlich-rechtliche Rundfunkanstalten tätig. Als freier Mitarbeiter hat er zum Beispiel immer wieder die SWR2-Radiosendung „Forum“ moderiert. Er sei dort aber weder angestellt, noch gehöre er zu den sogenannten „festen Freien“, wie eine SWR-Sprecherin auf Nachfrage mitteilt.

Für den rechten Blog „Die Achse des Guten“ verantwortete Müller-Ullrich bis vor kurzem außerdem das Podcast-Format „indubio“. Dort hatte er mehrfach Stichwortgeber und Köpfe der Querdenker-Szene zu Gast. Beispielsweise Sucharit Bhakdi, Stefan Homburg, Tina Romdhani und Wolfgang Wodarg.

Die Anfrage: Was sagt Journalist Müller-Ullrich selbst dazu?

Wir wollten von Müller-Ullrich unter anderem wissen: Inwiefern ist er in die Pranger-Website und ihre Inhalte involviert? Gehört er selbst dem "Team besorgter Archivare" an? Wie groß ist dieses Team? Wer gehört noch dazu? Wieso werden die Namen nicht genannt? Möchte er die auf der Website getroffenen Aussagen kommentieren? Und: Wie viel Geld hat er für den Pranger bereits als "Unterstützung" erhalten?

Der Journalist ließ unsere Anfrage bis zum Ende der gesetzten Frist unbeantwortet.

Die Auswirkungen: „Mein Team und ich bekommen oft mehrmals täglich Hasspost“

Online-Pranger haben bereits eine längere Tradition und sind vor allem als eine Form von Feindesliste aus der rechten bis rechtsextremen Szene bekannt. Sie werden dort nach Ansicht von Experten neben der Feindmarkierung auch zur Einschüchterung der Betroffenen erstellt. Auch der ehemalige Kasseler Regierungspräsident Walter Lübcke stand bis zu seiner Ermordung durch einen Rechtsextremisten auf einer derartigen Website.

Was es bedeutet, an einem Online-Pranger zu stehen, weiß der baden-württembergische Antisemitismusbeauftragte Michael Blume aus erster Hand: „Seit über 10 Jahren befinde ich mich auf vor allem rechtsextremen Prangerseiten“, sagte er unserer Redaktion. „Meine Familie, mein Team und ich bekommen oft mehrmals täglich Hasspost. Inzwischen kommen wir damit klar, doch das ist kein Zustand, an den sich Gesellschaften gewöhnen sollten.“

Konfrontiert mit dem Online-Pranger #IchHabeMitgemacht sagte Blume außerdem: „Wenn jeder Mensch in Wissenschaft, Politik und Medien digital dauer-angeprangert wird, verlieren wir alle.“