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Der nächste AfD-Skandal? Lokalpolitiker verlässt die Partei wegen Hitler-Video

Unserer Redaktion wurde ein Video zugespielt, das einen mittlerweile ehemaligen AfD-Lokalpolitiker zeigen soll – verkleidet als
Unserer Redaktion wurde ein Video zugespielt, das einen mittlerweile ehemaligen AfD-Lokalpolitiker zeigen soll – verkleidet als Adolf Hitler. Der Screenshot zeigt authentisch wirkende Requisiten wie Hakenkreuz-Armbinden und eine Hakenkreuz-Flagge. © Screenshot

Stuttgart/Philippsburg. Bahnt sich nach den Vetternwirtschaft-Vorwürfen der nächste AfD -Skandal an? Unserer Redaktion liegt ein Video vor, das einen AfD-Lokalpolitiker zeigen soll, der als Adolf Hitler verkleidet eine Rede hält. Der Mann, der im Video zu sehen ist, steht dabei mit Hakenkreuz-Armbinde und Hitlerbart an einem mit Hakenkreuz-Flagge dekorierten Rednerpult in einem Kellergewölbe. Während der Recherche erfahren wir, dass besagter AfD-Politiker die rechtsextreme Partei im Dezember verließ – womöglich um einem Ausschlussverfahren zuvorzukommen. Was ist da los?

Hat es in sich: Was das Hitler-Video zeigt

Schon in der Vergangenheit haben AfD-Politiker Unsinn über Adolf Hitler erzählt, Nazi-Sprache reproduziert oder sich verharmlosend über die Zeit des Nationalsozialismus geäußert. Ein Fall wie der aktuelle ist unserer Redaktion bislang aber noch nicht untergekommen: Vor wenigen Tagen erreichte uns ein Video, auf dem der nun ehemalige Sprecher des AfD-Stadtverbands Waghäusel-Philippsburg zu sehen sein soll: Rouven Brechlin, der zeitweise als Ersatzkandidat für die Landtagswahl im Wahlkreis Bruchsal im Gespräch war. Das Video, so hieß es, sei bereits etliche Jahre alt, es soll angeblich fast 20 Jahre alt sein. Der Ausschnitt, der uns vorliegt, dauert nur etwas mehr als 30 Sekunden – doch die haben es in sich.

Das Video zeigt ein Kellergewölbe, angeblich ein still gelegter Bunker. Ein Mann, der offensichtlich Adolf Hitler darstellen soll, läuft an ein Rednerpult, von dem eine große Hakenkreuz-Flagge hängt. Er trägt eine Art Uniform und eine Hakenkreuz-Armbinde. Rechts von ihm steht ein Mann in Flecktarn und Uniform-Mütze. Er trägt ebenfalls eine Hakenkreuz-Armbinde und es sieht aus, als würde er eine Waffe in der Hand halten. Ein dritter Mann steht am Rand, er scheint zivile Kleidung zu tragen. Das Publikum johlt, Menschen rufen „Sieg Heil“. Die Verwendung dieser Nazi-Parole ist strafbar. Dann beginnt der Mann am Pult eine Rede und versucht dabei offenkundig, wie Hitler zu klingen. Nach der Begrüßung des Publikums endet die Sequenz.

Ein fast 20 Jahre altes Video: Warum ist das relevant?

Als das Video aufgenommen wurde, gab es die rechtsextreme AfD noch nicht. Doch Rouven Brechlin sprach später über einen längeren Zeitraum für einen Stadtverband der Partei, hielt Reden in ihrem Namen. Mehr noch: Zwischenzeitlich hatte die AfD Rouven Brechlin als Ersatzkandidaten für den AfD-Kreisvorsitzenden Tobias Dammert bei der anstehenden Landtagswahl im Wahlkreis Bruchsal ernannt und das öffentlich kundgetan. Der Name wurde später wieder gestrichen.

Die AfD ist zudem eine Partei, deren Verhältnis zum Nationalsozialismus fortlaufend thematisiert wird – wenn Politiker Nazi-Jargon wiederholen oder sich verharmlosend gegenüber den Gräueltaten des Nazi-Regimes äußern beispielsweise. Vor diesem Hintergrund wollten wir daher wissen: Ist in dem Video mit Rouven Brechlin ein Mann zu sehen, der später seinen Weg in ein AfD-Amt fand? Und was wusste man in der Partei darüber?

Anwalt bestätigt: Brechlin ist in dem Video zu sehen

Wir haben bei Rouven Brechlin nachgefragt, ob das Videomaterial authentisch ist und ob er den Vorgang kommentieren möchte. Die Mail ging auch an seinen Stadtverband. Nach weiteren Versuchen, ihn telefonisch zu erreichen, verwies er auf eine Anwaltskanzlei. Dort sagte man uns, der mit dem Fall betraute Anwalt sei aktuell im Urlaub, es könnten bis zu seiner Rückkehr keine Auskünfte erteilt werden.

Mit der „Stuttgarter Zeitung“ (StZ), die zuerst über den Fall berichtete, hat der Anwalt aber offenbar noch gesprochen – und bestätigt, dass es Rouven Brechlin ist, der im Video zu sehen ist. Der StZ liegt offenbar eine Langfassung vor. Der Anwalt sagte dem Medium gegenüber sinngemäß, es habe sich um eine Jugendsünde seines Mandanten gehandelt, die dieser heute nicht mehr wiederholen würde. Es sei damals eine „Faschingsveranstaltung“ gewesen. Um Schaden von der AfD abzuwenden, sei Rouven Brechlin aus der Partei ausgetreten.

Hitler-Video: Was wusste die AfD?

Bereits vor wenigen Tagen hatte uns der baden-württembergische AfD-Landesverband bestätigt, dass Rouven Brechlin Anfang Dezember ausgetreten sei. Man hatte bereits geprüft, ob man ein Parteiausschlussverfahren gegen ihn einleiten soll. „Mit seinem Austritt ist er einem Verfahren zuvorgekommen, sodass ein solches nicht weitergeführt wurde“, heißt es in der Antwort. Auf den Inhalt des Videos ging der Landesverband in seiner Antwort nicht ein. Gegenüber der „Stuttgarter Zeitung“ betonte die AfD offenbar, sofort gehandelt zu haben.

Der AfD-Kreisvorsitzende Tobias Dammert sagte auf Nachfrage, er sei vom Landesverband kurz vor Rouven Brechlins Austritt über die Existenz des Videos informiert worden. Zu dessen Inhalt wollte auch er nicht Stellung nehmen. Laut „Stuttgarter Zeitung“ soll auch Landeschef und Spitzenkandidat Markus Frohnmaier von dem Video Kenntnis gehabt haben. Damit geht die Bedeutung des Vorfalls weit über das Lokale hinaus und könnte auch im Schlussspurt des Wahlkampfs noch eine Rolle spielen.

Rechtsextremismus-Experte: „Geschmacklos bis geschichtsvergessen“

War das tatsächlich eine „Faschingsveranstaltung“, wie Rouven Brechlins Anwalt suggeriert? Auf der Aufnahme sind zumindest keine Kostüme ohne Bezug zum Nationalsozialismus zu erkennen. „Die Inszenierung erscheint auf dem Video hoch professionell und bedarf umfangreicher Vorbereitung“, sagt Dr. Rolf Frankenberger vom Institut für Rechtsextremismusforschung an der Universität Tübingen. „Die Bezugnahme auf das historische Vorbild ist mehr als eindeutig und weist, soweit das erkennbar ist, keine Distanzierung auf. Auch seitens des Publikums scheint keinerlei Distanzierung oder Infragestellung stattzufinden.“ Der Auftritt sei „mindestens geschmacklos bis geschichtsvergessen“.

Der Rechtsextremismus-Experte findet außerdem interessant, dass „rhetorische Distanzierungsversuche“ offenbar erst dann erfolgten, als der Vorgang drohte öffentlich zu werden. Vor dem Artikel der „Stuttgarter Zeitung“ war darüber nichts zu lesen, eine öffentliche Erklärung über Brechlins Ausscheiden aus der AfD lässt sich zumindest online nirgends finden. „Die Frage bleibt, welche Distanzierungen denn stattfinden würden, wäre das nur intern bekannt“, so Frankenberger. „Es entsteht der Eindruck, dass hier Schaden von der Partei abgewendet werden soll. Gerade im Wahlkampf kann diese solche offensichtlich extrem rechten Anspielungen und Inszenierungen nicht gebrauchen.“

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