VfB Stuttgart

Bundesliga-Start für den VfB Stuttgart: Dieses Mal weniger Drama, bitte!

Fußball DFB Pokal SG Dynamo Dresden vs. VfB Stuttgart
Geht in seine dritte Bundesliga-Saison mit dem VfB: Trainer Pellegrino Matarazzo. © Pressefoto Baumann

Nach dem emotionalen Last-Minute-Klassenerhalt haben viele Fans des VfB Stuttgart für die neue Saison eigentlich nur ein Anliegen: dieses Mal weniger Drama, bitte! Um der Anhängerschaft diesen Wunsch zu erfüllen, hat Trainer Pellegrino Matarazzo den Ton gegenüber seinen Spielern deutlich verschärft - und seine taktische Grundidee zurückgeholt. Aber reicht das, um die Spielzeit 2022/23 nervenschonend zu beenden? Eine Einordnung zum Bundesliga-Start am Wochenende.

Auftakt geglückt, aber wieder Zittern bis zum Schluss

Der Auftakt in die Saison 2022/23 ist jedenfalls geglückt. In Unterzahl sicherte sich das Team im DFB-Pokal einen knappen Erfolg beim Drittligisten Dynamo Dresden. Das Pokalspiel erinnerte manchen Beobachter an die abgelaufene Runde: Verletzungsprobleme im Vorfeld, ausbaufähige Chancenverwertung im Spiel und eine unnötig spannende Schlussviertelstunde. Ganz nach dem Motto: Ein 3:0 ohne nervöses Zittern in der Nachspielzeit wäre ja die reinste Langeweile! 

Letztlich zählt im Pokal natürlich alleine das Weiterkommen. Aber der VfB hätte in Sachsen frühzeitig für klare Verhältnisse sorgen können. Und so scheint es fast, als sei es das Schicksal der Schwaben, auch in der kommenden Spielzeit wieder als „Drama-Queen der Liga“ zu firmieren. Ein Titel, den nicht nur Pellegrino Matarazzo gerne ablegen würde. 

Die Evolution des Cheftrainers: Was Matarazzo verändert hat

Der 44 Jahre alte Fußballlehrer geht in seine dritte Bundesliga-Saison als Cheftrainer am Wasen - eigentlich schon eine beachtliche Leistung, wenn man bedenkt, welchen Trainerverschleiß sich der VfB in den letzten 15 Jahren geleistet hat.

Jedenfalls hat sich der Italoamerikaner seit seiner Amtseinführung im Dezember 2019 weiterentwickelt. Damit geht er transparent, reflektiert und durchaus selbstkritisch um. Ein ungewöhnlicher Prozess: Fans und Beobachter können den Trainer quasi beim Reifen beobachten. Vom Talententwickler im NLZ-Bereich zum Cheftrainer im Haifischbecken Bundesliga.

Eine Mannschaft brauche „Klarheit“, hat er diese Evolution unlängst in einem Interview erklärt: „Dazu gehört eine klare Führungsachse auf und neben dem Platz, aber auch unbequeme Wahrheiten. Früher habe ich viel Energie aufgewandt, jeden Spieler anzutreiben und voranzubringen – auch wenn über einen längeren Zeitraum kein Fortschritt zu erkennen war. Das ist jetzt ein Stück weit anders.“

Diese veränderte Herangehensweise war in der diesjährigen Sommer-Vorbereitung deutlich bemerkbar. Der Ton gegenüber den Spielern und die Intensität der Einheiten wurden verschärft.

Hinzu kamen im Trainerteam mit Nate Weiss (Technik-Trainer) und Jan Schimpchen (Performance-Analyst) zwei Spezialisten, welche vor allem die in der Saisonanalyse ausgemachten Schwachstellen und Problemfelder - vor allem das epische Verletzungspech - beheben/verhindern sollen

Taktisch back to the roots: Tempo, Umschaltspiel, Wingbacks 

Während es in Sachen Ansprache und Trainingssteuerung einige Neuerungen gibt, ist Matarazzo beim Thema taktische Grundausrichtung eher zu seinen Wurzeln zurückgekehrt: So wollen die Stuttgarter künftig wieder mit ihrem System bestehend aus einer Dreierkette mit zwei offensiven Wingbacks für Wirbel sorgen. Ganz ähnlich wie in der furiosen ersten Saison nach dem Aufstieg.

Neu ist allerdings die Doppelspitze, die für mehr Variabilität sorgen und den weiter drohenden Abgang des Traumduos Sosa/Kalajdzic auffangen soll. Dabei setzt Matarazzo wie in seiner Premieren-Saison als Bundesliga-Trainer auf Tempo, Vertikalität und Umschaltspiel. Ob diese Anpassungen reichen, um den Traditionsverein von 1893 weiter in der Bundesliga zu halten? 

Der Stuttgarter Kader wirkt jedenfalls fitter, homogener und leistungsbereiter als in der Vorsaison. Die Mannschaft verfügt über eine klare Achse in der Defensive und viel Potenzial in der Offensive. Hinzu kommen mit Luca Pfeiffer, Juan Jose Perea und Josha Vagnoman drei sinnvolle Verstärkungen - und Stürmer Silas darf nach seiner langen Leidenszeit getrost als gefühlter Neuzugang bezeichnet werden.

Mit Orel Mangala hat den Klub jedoch auch ein spielstarker, erfahrener Mittelfeld-Stratege verlassen. Allerdings hat der Belgier seinen Stammplatz ohnehin an den jungen Naouirou Ahamada verloren.

Mislintat: „Platz 13 ist weiterhin unser Platz 1“

Die VfB-Zielsetzung bleibt in jedem Fall unverändert. „Platz 13 ist weiterhin unser Platz 1“, so die klare Ansage von Sven Mislintat in einem Sport1-Interview.

Der Stuttgarter Sportdirektor vertritt die Auffassung, dass es in der Liga vom 7. Platz an abwärts eigentlich kaum noch Leistungsunterschiede gibt. Klare Kandidaten für einen Abstiegsplatz gebe es ohnehin längst nicht mehr. Und mit dem SV Werder Bremen und dem FC Schalke 04 haben sich zwei einstige Schwergewichte in der deutschen Eliteklasse zurückgemeldet, die sich ähnlich wie der VfB nach Jahren des Niedergangs wieder einen stabilen Platz unter den 18 besten Teams in Deutschland sichern wollen. 

Kurzum: Die Liga dürfte im Vergleich zur Vorsaison noch ein Stück weit ausgeglichener werden - die geschlossene Spitzengruppe um Bayern, Leipzig und Dortmund natürlich ausgeklammert.

Katar, Corona, Energie: Die außergewöhnliche Bundesliga-Saison

Für den VfB dürfte das Rennen um den Klassenverbleib also einmal mehr zu einer hochkomplexen Angelegenheit werden. Zumal die 60. Bundesliga-Spielzeit noch mit einer Besonderheit aufwartet: Ab dem 14. November sind die beiden Bundesligen wegen der WM in Katar über zwei Monate unterbrochen. Bis dahin sollen 15 Spieltage absolviert sein. 

Die Europapokalstarter sind zudem in ihren Gruppenphasen gefordert, die bis zur WM-Pause komplett gespielt sein sollen. Zudem steht die zweite Runde des DFB-Pokals (18./19. Oktober) im Rahmenterminkalender. Drohende Corona-Wellen ab dem Herbst scheinen in die Terminkalender nicht eingerechnet. Zudem bleiben die Energiekrise und deren Auswirkungen große Unbekannte für die kommenden Wochen. 

Hat auch das Team aus den Fehlern der Vergangenheit gelernt?

Auf alle Beteiligte wartet also eine in vielerlei Hinsicht außergewöhnliche Saison. Damit diese für die Stuttgarter wieder mit einem Happy End ihren Abschluss findet, muss die junge Truppe den nächsten Entwicklungsschritt gehen. Trainer Matarazzo hat diesen Reifeprozess in jedem Fall schon begonnen. Jetzt muss sich zeigen, ob auch die Mannschaft aus den Fehlern der letzten Saison gelernt hat.

Gelingt das, ist ein entspannter Saisonverlauf möglich. Falls nicht, muss wohl wieder bis zur letzten Sekunde gezittert werden.

Hintergrund: So spielt die Bundesliga in der WM-Saison 

Während der Hinrunde der Saison 2022/23 ist in der Bundesliga alles anders. Die Spielzeit wird ab Mitte November für die WM 2022 in Katar für über zwei Monate unterbrochen. Abgeschlossen wird die Saison dennoch im Mai. Die Eckdaten für die Saison 2022/23:

Datum Wettbewerb Runde
5. bis 7. August Bundesliga 1. Spieltag
6. bis 8. September Europapokale 1. Spieltag
19. bis 27. September Abstellung für die Nations League Spieltage 5 und 6
11. bis 13. November Bundesliga 15. Spieltag
14. November bis 18. Dezember Abstellung für die WM in Katar -
20. bis 22. Januar 2023 Bundesliga 16. Spieltag
27. Mai 2023 Bundesliga 34. Spieltag
31. Mai 2023 Europa League Finale
7. Juni 2023 Conference League Finale
10. Juni 2023 Champions League Finale