VfB Stuttgart

Kommentar zum Klassenerhalt des VfB: Gelebter Zusammenhalt schlägt Aktionismus

Fußball VfB Stuttgart vs. 1.FC Köln
Nach dem 2:1-Siegtreffer von Wataru Endo brachen beim VfB Stuttgart alle Dämme. Trainer Pellegrino Matarazzo hat sich diese Jubelszenen redlich verdient. Er blieb seiner Linie treu und rettete die Mannschaft - wenn auch kurz vor knapp - vor dem Abstieg. © Pressefoto Baumann

Es ist vollbracht: Auch in der kommenden Saison wird der VfB Stuttgart in der Fußball-Bundesliga spielen. Durch den nervenaufreibenden 2:1-Heimsieg gegen den 1. FC Köln haben sich die Schwaben in letzter Sekunde gerettet und gerade so den Abstieg in die zweite Liga verhindert. Wie die Verantwortlichen im roten Clubhaus im Abstiegskampf gehandelt haben, verdient höchste Anerkennung, kommentiert ZVW-Reporter Simeon Kramer.

Unbeirrt durch die Krise: Die VfB-Verantwortlichen bewahrten die Ruhe

Jeder kennt sie, die Mechanismen des Profifußballs: läuft es schlecht, fliegt als erstes der Trainer. Oder noch besser: die gesamte Philosophie wird infrage gestellt. Nicht so am Neckar - zumindest nicht in diesem Jahr: Trotz einer Seuchen-Saison mit unzählige Verletzungen und Corona-Fällen sowie teils schwachen Vorstellungen der VfB-Profis hielten Sportdirektor Sven Mislintat und Trainer Pellegrino Matarazzo an ihrer Idee fest. Das Projekt „Junge Wilde 2.0“ stand zu keiner Zeit vor der Ablösung, der eingeschlagene Weg wurde eisern weiterverfolgt. Mit dem Ziel, der Achterbahn an der Mercedesstraße zu entkommen - und endlich Kontinuität zu entwickeln.

Dabei stand in dieser Saison viel auf dem Spiel. Der dritte Abstieg innerhalb von sechs Jahren hätte den VfB in der sportlichen Entwicklung weit zurückgeworfen. Das maßgeblich von Mislintat initiierte Projekt hätte einen herben Rückschlag hinnehmen müssen. Noch schlimmer hätte es wohl finanziell ausgesehen. Die Corona-Pandemie traf und trifft den Club knüppelhart. Ein erneuter Gang in Liga zwei hätte Lücken in die Kassen gerissen, die die VfB-AG wohl nur schwer hätte stopfen können.

Umso beeindruckender ist, mit welcher Seelenruhe die Club-Führung den VfB-Dampfer durch den Sturm gelenkt hat. Keine Trainer-Diskussion - zu keinem Zeitpunkt. Keine Sportdirektor-Diskussion. Kein Zerfleischen in der Öffentlichkeit. Stattdessen gelebter Zusammenhalt, gegenseitiges Rückenstärken und Optimismus. Handlungsmuster, die bei einem Bundesliga-Club inmitten einer sportlich prekären Krise eigentlich kaum mehr existieren.

Die Mutigen werden belohnt: Gelebter Zusammenhalt statt blinder Aktionismus

Dabei hatte die sportliche Führung mehrfach in dieser Saison die Möglichkeit, einen Kurswechsel vorzunehmen. Anfang März etwa, als Wataru Endo und Co. neun Spiele in Folge ohne Sieg geblieben waren. Oder Mitte April nach der blamablen 0:2-Niederlage im Schlüsselspiel gegen Hertha, als alle Zeichen auf Abstieg standen.

Es gab durchaus Gründe, das neu geschaffene Konstrukt kritisch zu hinterfragen. Doch Mislintat und Co. hielten an ihren Prinzipien fest. Auch der Abgang von Sportvorstand und "Rückendecker" Thomas Hitzlsperger führte nicht zu einem Umschwenken.

Lange Zeit hatte der neutrale Beobachter fast das Gefühl, die Schwaben würden so stur an ihrem Weg festhalten, dass sie sehenden Auges ins Verderben rennen. Muss da nicht endlich mal die Notbremse gezogen werden? Nein, musste sie nicht.

Wie heißt es so schön? Die Mutigen werden belohnt. Und das wurden die Verantwortlichen des VfB. Das vor der Saison ausgegebene Ziel "Klassenerhalt" wurde erreicht. Aber nicht durch die klassischen Reflexe wie Aktionismus oder Panikmache - sondern durch Ruhe, Sachlichkeit und Festhalten am eingeschlagenen Weg. Das verdient Anerkennung - und tut im schnelllebigen Fußball-Business einfach nur gut.