VfB Stuttgart

Konkurrent für Amtsinhaber Claus Vogt: Warum Pierre-Enric Steiger Präsident des VfB Stuttgart werden will

Pierre-Enric Steiger
Will Präsident des VfB Stuttgart werden: Der Winnender Pierre-Enric Steiger. © Hans-Martin Fischer

Pierre-Enric Steiger (49) aus Winnenden will der neue Präsident des VfB Stuttgart werden. Am 18. Juli wird er auf der Mitgliederversammlung des Clubs gegen Amtsinhaber Claus Vogt (51) antreten. Wie steht er zum umstrittenen Aufsichtsrat Wilfried Porth? Wie ist seine Verbindung zum „VfB-Freundeskreis“? Wie will er den Verein nach vorne bringen? Im Interview spricht der Chef der Björn-Steiger-Stiftung über die Gründe für seine Kandidatur, seine Pläne mit dem Verein und den Wahlkampf in Corona-Zeiten.

Herr Steiger, warum kandidieren Sie und wann haben Sie sich dazu entschieden?

Mitte März war klar, dass sich keine Präsidentschaftskandidaten finden, die Aussicht auf eine breite Unterstützung haben. Für eine demokratische Wahl braucht es allerdings mindestens zwei - in diesem Sinne - geeignete Kandidaten. Also habe ich meinen Hut in den Ring geworfen.

Welche Kompetenzen bringen Sie mit?

Nach der Führungskrise braucht es einen Präsidenten, der unterschiedliche Interessen gut zusammenbringen kann. Eine entsprechende Aufgabe habe ich in meinem Leben schon mehrfach angenommen. Zwei Entwicklungen sind doch maßgeblich: Der Verein ist gemeinnützig, zudem haben wir seit der Ausgliederung 2017 eine Kapitalgesellschaft. Den Spagat, den man zwischen diesen beiden Polen machen muss, kenne ich durch meine Stiftungsarbeit gut. Und: Ich will auch eine Stimme für das Ehrenamt im Verein sein, auch weil ich den Eindruck habe, dass es manchen in den letzten Jahren beim VfB gab, der mit dem Ehrenamt nicht würdig umgegangen ist.

Wie würden Sie das VfB-Präsidentenamt und die Arbeit für Ihre Stiftung unter einen Hut bringen?

Dies ist noch eine hypothetische Frage, aber ich will ihr gar nicht ausweichen: Dazu war es zuerst wichtig, die Zustimmung des Präsidialrates der Stiftung einzuholen und in diesem Zusammenhang einige wichtige Fragen zu klären, etwa: Was bedeutet das Präsidentenamt beim VfB zeitlich? Gibt es Risiken und Interessenskonflikte, die mit der Kandidatur verbunden sind? Das alles musste abgewogen werden. Letztlich wurde kein Veto eingelegt - obwohl mit solch einer Kandidatur immer auch ein kleines Risiko verbunden wird.

Was ist genau das Risiko?

Das VfB-Präsidentenamt ist eine sehr sichtbare Aufgabe. Da gibt es Zustimmung und natürlich auch Kritik. Und alles sehr öffentlich. Natürlich gibt es manch einen, der auch die Sorge hat, dass das Image der Stiftung unter meiner Kandidatur leiden könnte. Doch diese Bedenken konnten wir entkräften. Somit gab es die Genehmigung.

Und wie steht es um das Zeitmanagement?

Da haben mir die Reise-Beschränkungen durch die Corona-Pandemie geholfen, neue Schwerpunkte zu setzen und mich von einigen Projekten zu entlasten: In den letzten Jahren war ich als Stiftungspräsident sehr viel im Ausland unterwegs. Dann haben wir coronabedingt im letzten Jahr alle Auslandsprojekte eingestellt und neue Schwerpunkte im Inland geschaffen. Das verschafft mir - auch wenn es so nicht geplant war - mehr Freiraum auch für eine Aufgabe beim VfB.

Mal angenommen, Sie würden im Juli gewählt werden: Was kommt dann auf Sie zu?

Die ersten Wochen wären sehr zeitintensiv. In der Vorbereitung habe ich mich bereits mit allen Abteilungsleitern ausgetauscht, auch weil ich noch besser verstehen wollte und will, was gerade auch den e.V. ausmacht. Und für mich war es überraschend zu sehen, wie mit Abteilungen bislang umgegangen wird.

Was meinen Sie damit konkret?

Der e.V. hat Einnahmen in Höhe von rund 3,5 Millionen Euro. Das sind die Mitgliedsbeiträge. Davon bekommt beispielsweise die Tischtennis-Abteilung ein Jahresbudget von rund 8000 Euro. Alles in allem haben die Abteilungen des e.V. zusammen 300 000 Euro Budget. Der andere Batzen fließt in Rückstellungen und in die AG. Die ist unter anderem als Dienstleister in den Bereichen Kommunikation, Buchhaltung und Verwaltung für den e.V. tätig. Das ist ein großes Ungleichgewicht und das soll so nicht sein. Ich bin überzeugt: Die Abteilungen haben mehr Unterstützung verdient, denn sie leisten - insbesondere im Breitensport - herausragende Arbeit.

Was kann der e.V.-Präsident an diesem Zustand ändern?

Es gibt Verträge zwischen dem e.V. und der AG, die bei der Ausgliederung 2017 geschlossen worden sind. Bislang konnte ich in deren Ausgestaltung keinen Einblick nehmen, doch ich bin optimistisch, dass ich sie in den nächsten Tagen einsehen kann. Wenn es stimmt, dass der e.V. nur die Sponsorenverträge nutzen darf, welche die AG abgeschlossen hat, aber gleichzeitig keine Gelder aus diesem Pool zurückbekommt, dann wäre das nicht gut und wir sollten das neu diskutieren und entsprechend ändern. Vielleicht ist es dann sogar möglich, dass jede Abteilung für sich einen eigenen Sponsoren-Pool eröffnen kann.

Pierre-Enric Steiger
Pierre-Enric Steiger wird Konkurrent von Amtsinhaber Claus Vogt bei der Präsidentenwahl des VfB Stuttgart. © Hans-Martin Fischer

Sprechen wir über Ihren persönlichen Werdegang. VfB-Fan sind Sie schon seit vielen Jahren, Mitglied des Vereins aber erst seit 2017 …

Richtig, VfB-Fan bin ich ein Leben lang. Über eine aktive Mitgliedschaft hatte ich mir früher keinen Kopf  gemacht. Fan war für mich Fan. Und das ist auch heute so. Natürlich hat ein Mitglied des VfB einen ganz besonderen Bezug zu unserem Verein. Mir war bei meiner Entscheidung für eine lebenslange Mitgliedschaft wichtig, dass ich so einen aktiven Beitrag zur Nachwuchsförderung leisten kann. Das ist mir wichtig. Aus ähnlichen Gründen habe ich mich früher auch schon beim SV Breuningsweiler und dem SV Birkmannsweiler starkgemacht.

2019 sind Sie Mitglied im sogenannten „VfB-Freundeskreis“ geworden. Bei einigen Fans hat der Zusammenschluss einen schlechten Ruf.

Zu Unrecht. Denn der Freundeskreis setzt sich vorrangig für den Jugendfußball und die Nachwuchsförderung ein. Aus diesem Grund bin ich eingetreten. Ich hatte überhaupt nicht im Auge, welche politischen Auseinandersetzungen rechts und links neben der Nachwuchsförderung gelaufen sind. Das sind Themen, die mich nicht interessiert haben. Ich habe schnell gespürt, dass es innerhalb des Freundeskreises zwei Lager gibt, die sich auch tatsächlich beharken. Mich einem dieser Lager anschließen, wollte ich nicht. Für mich stand die Nachwuchsförderung im Mittelpunkt und das eint den Freundeskreis letztendlich.

In den Medien wurde Ihnen zudem eine Nähe zum einflussreichen Aufsichtsrat Wilfried Porth nachgesagt.

Ja, der eine oder andere erzählt, ich sei ein Freund von Daimler und besonders von Herrn Porth (Daimler-Personalvorstand; Anm. d. Red.). Meine Stiftung hat eine gute Verbindung zur Daimler-AG hat und ich hatte auch schon mit einigen Vorständen zu tun, Herrn Porth bin ich aber in meinem ganzen Leben noch nie begegnet. Wir haben noch nie ein Wort gewechselt. Daran sieht man, wie mit Gerüchten versucht wird, Meinung zu machen.

Kritisch beäugt wurde auch die Teamlösung mit Silvio Meißner und Hubert Deutsch, die für das Präsidium kandidieren wollen.

Als ich mich entschieden hatte zu kandidieren, gab es außer Christian Riethmüller und Rainer Adrion keine öffentlich bekannten Kandidaten für das Präsidium. Mein Verständnis ist aber, dass auch hier geeignete Personen kandidieren sollten. Daraufhin habe ich für mich ein Eignungsprofil erstellt. Dabei waren die Bereiche „Sportliches“ und „Finanzen“ die wichtigsten. Für diese Bereiche kristallisierten sich je fünf Kandidaten heraus. Herausgekommen sind schlussendlich Hubert Deutsch als Finanzexperte und Ex-Profi Silvio Meißner für die Sportkompetenz. Ich möchte aber klar betonen: Nur weil ich die beiden gut finde, müssen sie nicht durchgewunken werden. Diese Entscheidung obliegt alleine dem Vereinsbeirat.

Sie treten also gemeinsam an?

Neun Tage vor dem Ablauf der Bewerbungsfrist (19. April; Anm. d. Red.) brauchte jeder von uns noch die in der Satzung vorgeschriebenen 50 Unterschriften. Das ist unter Corona-Bedingungen gar nicht so einfach. Also haben wir uns gesagt, jetzt sammelt jeder für den anderen mit. Doch um es ganz deutlich zu sagen: Jeder von uns tritt für sich alleine an - und jeder muss jetzt erst einmal beim Beirat durchkommen.

In der letzten Woche kam auch das Thema Investoren-Suche wieder auf den Tisch. Welche Pläne haben Sie für diesen Bereich?

Sollte ich gewählt werden, würde ich gerne noch mal gegenprüfen, ob diesbezüglich bei den bestehenden Partnern nicht doch mehr geht. Ich bin nach wie vor überrascht, dass man hier in unserer wirtschafts- und finanzstarken Region angeblich keinen findet. Was für Sponsoren bzw. Investoren aber immer mitentscheidend ist, ist das Image. Die Zurückhaltung der Sponsoren liegt meiner Ansicht nach eher darin begründet, dass niemand so recht weiß, was in dem Überraschungsnest VfB morgen schon wieder hochkommt.

Wie haben Sie die große Führungskrise rund um den Jahreswechsel verfolgt?

Der offene Brief von Thomas Hitzlsperger kam für mich - wie für vermutlich alle Fans und Mitglieder - wie Kai aus der Kiste. Gefühlt war vorher alles gut. Das hat natürlich schwerste Irritationen ausgelöst.

Wie sehen Sie die Rolle von Vorstandschef Thomas Hitzlsperger?

Wir waren in einer Aufbruchstimmung und die hat Thomas Hitzlsperger grandios verkörpert. Und deshalb ist er in seiner Funktion auch alternativlos. Er wird gebraucht - gestern, heute und morgen. Egal was passiert ist: Thomas genießt immer noch große Sympathien und eine hohe Glaubwürdigkeit. Ob und wie lange er aber dem VfB erhalten bleibt, kann letztlich nur er selbst entscheiden. Gleiches gilt für Sportdirektor Sven Mislintat. Wir können nur versuchen, den Boden zu bereiten, damit uns dieses Team lange erhalten bleibt. Aber das zumindest sollten wir machen.

Reden wir auch über den amtierenden Präsidenten Claus Vogt. 2019 haben Sie auf Facebook geschrieben: „Aus meiner Sicht ist der richtige Kandidat gewählt worden.“ Jetzt kandidieren Sie, um ihn abzulösen. Warum dieser Sinneswandel?

Ich kandidiere nicht gegen Vogt. Sondern ich kandidiere für ein Amt. Das ist ein großer Unterschied. Ich biete eine Alternative zu einem bestehenden Konzept. Das ist meine Kernbotschaft. Viele Mitglieder sagen: Das, was da in den letzten Wochen und Monaten gelaufen ist, gefällt mir überhaupt nicht. Und das ist absolut berechtigt. Ich möchte hierzu eine Alternative anbieten. Mit meinen Stärken und Möglichkeiten will ich werben und den Mitgliedern so eine faire Wahl ermöglichen.

Vogt geht als Favorit ins Rennen. Wie schätzen Sie selbst ihre Chancen ein?

Wer hätte damals bei der Volksabstimmung zu Stuttgart 21 gedacht, dass es zu zwei Dritteln pro S21 ausgehen wird? Vor der Abgabe war man sich einig, dass das gar nicht kippen kann. Damals hat man im Vorfeld aber nur die Lautsprecher gehört. So ähnlich ist das auch jetzt. Es gibt aber auch viele leisere Stimmen, die sich einen wirklichen Neuanfang wünschen. Also: Das Rennen ist offen.

Wie wollen Sie jetzt in Corona-Zeiten den Wahlkampf angehen?

Mir ist es wichtig, dass ich mit den Mitgliedern und Fans in einen Dialog trete. Weil persönliche Treffen in diesen immer noch durch Corona eingeschränkten Zeiten weiterhin schwierig sind, bieten wir diesen Dialog digital an, insgesamt vom 14. Mai bis zum 17. Juli 150 Zeit-Slots, so dass alle Fanclubs die Möglichkeit haben, daran teilzunehmen. Über meine Homepage werden wir die Termine koordinieren, werden aber auch aktiv auf einige OFCs zugehen. Aus den Gesprächen soll ein Zukunftspapier entstehen. Anfang/Mitte Juni soll das dann veröffentlicht werden.

Zur Person

  • Der gelernte Bankkaufmann Pierre-Enric Steiger ist verheiratet, hat drei Kinder und lebt mit seiner Familie in Winnenden. Seit 2010 ist er Präsident der Björn-Steiger-Stiftung, in der er zuvor lange Jahre als Geschäftsführer und Vorstandsvorsitzender tätig war.
  • Vor Steigers Geburt gründeten seine Eltern die Stiftung, nachdem sein damals achtjähriger Bruder Björn nach einem Autounfall an einem Schock verstorben war. Der Junge hätte gerettet werden können, wenn der Krankenwagen schneller eingetroffen wäre. Die Stiftung wurde durch die Ausstattung der Straßen mit Notrufsäulen und die Einführung der Notrufnummern bundesweit bekannt.