Nach starker Leistung gegen Atlético: Was der VfB jetzt auch in der Liga braucht
Stuttgart. Für einen kurzen Moment war der VfB Stuttgart ganz oben. Nicht nur gefühlt, sondern tatsächlich: Als Jamie Leweling gegen Atlético Madrid das 1:0 erzielte, standen die Schwaben an der Spitze der Champions League. Ein paar Minuten später war dieser kleine Fußballwitz schon wieder vorbei. Das Spiel endete 1:1, der VfB ist vorerst Dritter – und die Frage, was diese Mannschaft eigentlich ist, blieb ohnehin bestehen. Eine, die mit Europas Besten mithalten kann, aber in der Bundesliga regelmäßig ins Stolpern gerät? Oder eine, die gerade dabei ist, aus ihren Möglichkeiten eine verlässliche Spitzenmannschaft zu formen?
Der Abend gegen Atlético hatte etwas von einer Demonstration der eigenen Möglichkeiten. Die Stuttgarter pressten mit Wucht, liefen die Spanier früh an und spielten sich phasenweise in einen Rausch. Jamie Leweling traf zur verdienten Führung, Chris Führich wirbelte, Angelo Stiller gab den Rhythmus vor. Für einen kurzen Moment waren die Schwaben sogar ganz offiziell die Könige von Europa. Ein schöner Superwitz, wie Grischa Prömel später sagte. Und einer, der immerhin belegte, was in dieser Mannschaft steckt.
Warum sich der VfB über zwei verlorene Punkte ärgern muss
Nur hielt die Freude nicht lange. Nach der Pause brauchte Atlético gerade einmal zwei Minuten, um durch Julián Álvarez auszugleichen. Und als die Spanier nach einer Roten Karte gegen Morten Hjulmand eine halbe Stunde in Unterzahl spielen mussten, gelang dem VfB trotz einiger guter Gelegenheiten kein zweiter Treffer. Jeff Chabot verpasste in der Schlussphase per Kopf den möglichen Sieg. „Verlorene zwei Punkte“, nannte Kapitän Deniz Undav das Ergebnis. Sportvorstand Fabian Wohlgemuth sprach vom bisher besten Saisonspiel – und davon, dass man vor dem Anpfiff den Punkt wohl unterschrieben hätte, nach dem Abpfiff aber gerne noch einmal nachverhandelt hätte.
Es ist diese Mischung aus Stolz und Ärger, die den VfB derzeit begleitet. In der Champions League stehen nach drei Spielen sieben Punkte, die Stuttgarter sind auf Kurs Richtung K.-o.-Phase. In der Bundesliga dagegen haben sie bereits vier Niederlagen kassiert, darunter gegen Bayern München und Borussia Dortmund. Das Bild vom europäischen Glanz und dem tristen Liga-Alltag ist verführerisch, aber ein bisschen zu einfach: Sechs der sieben Königsklassen-Punkte holte der VfB gegen Stavanger und Bratislava, während er gegen Atlético zwar glänzte, aber eben auch nicht gewann.
Das eigentliche Thema dieser Woche heißt deshalb Effizienz. Schon beim 0:1 in Hamburg hatte der VfB Chancen liegen lassen. Gegen Atlético wiederholte sich das Muster: viel Aufwand, viel Energie, zu wenig Ertrag. „Das verfolgt uns gerade“, sagte Undav. Es ist ein Problem, das sich nicht mit der Qualität des Gegners erklären lässt – und das auch gegen den Tabellenletzten aus Mönchengladbach am Freitag wieder auftauchen könnte.
Nicht nur Stärken, sondern auch Baustellen wurden freigelegt
Trainer Sebastian Hoeneß muss nun aus dem Atlético-Abend mehr machen als eine schöne Erinnerung. Die Leistung war eine Bestätigung, dass seine Mannschaft mit einem europäischen Topclub mithalten kann. Sie war aber auch eine Erinnerung daran, wie schmal der Grat zwischen Überzeugung und Nachlässigkeit ist. Das schnelle Gegentor nach der Pause, die vergebenen Chancen in Überzahl: Die Champions League legte nicht nur die Stärken des VfB frei, sondern auch seine Baustellen.
„Wenn wir diese Energie haben, sind wir eine Topmannschaft“, sagte Maximilian Mittelstädt. Deniz Undav hatte nach der Niederlage in Hamburg noch gemahnt, man müsse aufhören, sich für eine Spitzenmannschaft zu halten. Vielleicht beschreiben beide Sätze dieselbe Wahrheit. Der VfB kann Spitzenfußball spielen. Er muss nur lernen, ihn öfter abzurufen – auch dann, wenn keine Champions-League-Hymne erklingt und der Gegner nicht Atlético Madrid heißt. Am Freitag gegen Gladbach beginnt der nächste Versuch. Nach dem großen europäischen Abend wartet die kleinere Bundesliga-Bühne. Für Hoeneß ist sie gerade die wichtigere.


