VfB Stuttgart

Wie es zur 180-Grad-Wende im Führungsdrama kam und wie es jetzt beim VfB Stuttgart weitergeht

Claus Vogt Thomas Hitzlsperger VfB Präsident
Im Machtkampf steht der Präsident Claus Vogt (li.) vorerst als Gewinner da. Aber wie geht es mit ihm und AG-Chef Thomas Hitzlsperger (re.) weiter? © Benjamin Büttner

Wenn man so will, war es der passende Schlussakkord im Machtkampf beim VfB Stuttgart. Einer mit gehörig Wumms und einem krachenden Knalleffekt. Am Sonntagabend um 20.25 Uhr verkündete der Vereinsbeirat die unerwartete Entscheidung: Amtsinhaber Claus Vogt wird für die Wahl für das Präsidentenamt am 28. März zugelassen - und als einziger Kandidat antreten. Eine spektakuläre 180-Grad-Wende im beispiellosen Führungsdrama und ein wichtiger Etappensieg für den amtierenden Clubchef, der seinen Humor trotz aller Turbulenzen nicht verloren hat. Ob sich denn schon jemand die Filmrechte am Drama beim VfB in den letzten Monaten gesichert habe, fragte ein Journalist via Twitter. „Ja, ich“, antwortete Vogt kurz und trocken.

So kam es zur überraschenden Wende im Beirat

Aber wie konnte es überhaupt zu dieser überraschenden Wende kommen? Schließlich hatte Claus Vogt zuletzt auch im achtköpfigen Beirat eine stabile Mehrheit gegen sich.

Die Reihen der Vogt-Kritiker im Vereinsbeirat lichteten sich jedoch bereits zu Beginn der Sitzung am Sonntagmittag. Claudia Maintok und James Bührer legten aus persönlichen Gründen ihre Ämter nieder. Der öffentliche Druck auf das Gremium und seine Mitglieder war in den letzten Wochen gewaltig gestiegen. Auch der Vorsitzende Wolf-Dietrich Erhard verkündete am Ende der Sitzung, dass er mit „sofortiger Wirkung“ sein Mandat ruhen lassen werde. Somit war der Weg frei für die Pro-Vogt-Fraktion um André Bühler, Marc Nicolai Schlecht und Rainer Weninger.

Die Aufräumarbeiten beginnen

Mit Blick auf die vergangenen Wochen und Monate teilte der Beirat anschließend noch mit: „Die derzeitige Situation und öffentliche Darstellung beschädigen den VfB Stuttgart in erheblichem Maße. Der VfB steht vor gewaltigen Herausforderungen, die wir nur gemeinsam bewältigen können.“ Mit der Entscheidung, den gewählten Präsidenten zur Wahl zuzulassen, hat der Vereinsbeirat in jedem Fall einen wichtigen Beitrag zur Befriedung der aktuellen Lage geleistet und etwas Druck vom Kessel genommen. Doch die Krise ist noch lange nicht überwunden. Vielmehr steht der VfB gerade erst am Beginn der Aufräumarbeiten.

Wie es jetzt beim VfB Stuttgart weitergeht

Stand Montag (15.02.) wurden die Vorstände Stefan Heim und Jochen Röttgermann abberufen, Aufsichtsrat Hermann Ohlicher hat sich zurückgezogen und die Beiräte Maintok, Bührer und Erhard sowie das Präsidiumsmitglied Rainer Mutschler werden ihre Ämter nicht mehr ausführen, wobei Mutschler seinen Posten als führender Mitarbeiter des Nachwuchsleistungszentrums vorerst behalten darf. Das große Stühlerücken im roten Clubhaus hat allerdings gerade erst begonnen. Mit weiteren personellen Konsequenzen ist zu rechnen.

So stehen auch der Kommunikationsdirektor Oliver Schraft, Marketing-Leiter Uwe Fischer und Bernd Gaiser aus dem Vereinspräsidium unter Druck. „Der Vorstandsvorsitzende der VfB Stuttgart 1893 AG wird weitere Personalentscheidungen schnellstmöglich unter Berücksichtigung der besonderen arbeitsrechtlichen Bedingungen für Mitarbeiter herbeiführen“, hieß es dazu in einer Mitteilung des Aufsichtsrates vom Samstag. Weiter unklar ist hingegen, ob die gegen den Willen von Claus Vogt durchgedrückte Terminierung für die Mitgliederversammlung am 28. März bestehen bleiben wird.

Was wird aus Thomas Hitzlsperger?

Der Vorstandsvorsitzende der VfB-AG bekam vom Kontrollgremium das uneingeschränkte Vertrauen ausgesprochen. Und somit auch vom Aufsichtsratsboss Claus Vogt. Eine Geste, die durchaus als Brückenschlag verstanden werden kann. Weiter wurde ihm „ein rechtskonformes Vorgehen bei der Aufklärung der Datenschutzaffäre“ bestätigt. Dabei hat der CEO der Stuttgarter sich und sein Unternehmen in den vergangenen Wochen stark beschädigt.

Schließlich war es Hitzlsperger, der am 30. Dezember 2020 mit einem Frontalangriff auf Claus Vogt den erbitterten Machtkampf in die Öffentlichkeit trug. Trotzdem blieb Vogt standhaft, während Hitzlsperger sich nach rund zwei Wochen plötzlich für seine beispiellose Attacke entschuldigte und wenig später auch seine Bewerbung ums Präsidentenamt zurückzog. In dieser Zeit wurde durch die Ermittlungen der von Vogt beauftragten Kanzlei Esecon immer deutlicher, dass noch heute im Club tätige Führungskräfte wohl maßgeblich an der Datenaffäre beteiligt gewesen waren.

Eine klare Strategie, wie der Club mit der Daten-Affäre umgehen wollte, war zu dieser Zeit nicht erkennbar. Stattdessen sollen Mitarbeiter die Arbeit der Berliner Ermittler blockiert haben. Mit anderen Worten: Auch der Unternehmenschef gab während der Chaos-Tage von Bad Cannstatt keine gute Figur ab. Es liegt nun an den beiden führenden Köpfen des Traditionsclubs, nach einigen Mediationsrunden in den vergangenen Wochen erneut das Gespräch zu suchen. Aber vor allem dürfte es an Hitzlsperger liegen, sich verloren gegangenes Vertrauen zurückzuholen

Die Perspektive

Sollte Claus Vogt nun für eine vierjährige Amtszeit bestätigt werden, muss Hitzlsperger gemeinsam mit dem Unternehmer aus Waldenbuch einen neuen VfB bauen. Eben mit jenem Mann, dem er in seinem offenen Brief noch jegliche Tauglichkeit für das Präsidentenamt abgesprochen hatte.

Stand Montagnachmittag (15.02./15.45 Uhr) ist Hitzlspergers Pamphlet übrigens immer noch online. Vielleicht wäre es ein erster Schritt in die richtige Richtung und ein Zeichen des guten Willens, wenn dieses Schreiben künftig nicht mehr im Netz auffindbar ist. Es wird schließlich auch so schon genug Zeit benötigen, bis die aufgerissenen Wunden wieder verheilen.

Eine Steuerungsgruppe für den AG-Vorstand

  • Die Vorstände Stefan Heim (Finanzen) und Jochen Röttgermann (Marketing) wurden am Samstagabend abberufen.
  • Bis der Aufsichtsrat über die jeweilige Nachfolgeregelung entschieden hat, wird Vorstandschef Thomas Hitzlsperger von einer Steuerungsgruppe unterstützt.
  • Diese setzt sich aus folgenden Personen zusammen: Jens Bräuning (Business to Customer), Bernd Burger (Operations/Sicherheit), Markus Erdmann (Business to Business), Tobias Keller (Finanzen), Markus Rüdt (Sportorganisation), Christian Ruf (Strategie) sowie Janna Kohlmann (Personal) und Florian Mattner (Kommunikation).