Schorndorf

Four Steps: Warum musste die Suchthilfeeinrichtung schließen?

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„Keiner sehnt sich nach einer Suchtklinik in seiner Gemeinde, solche Einrichtungen haben ein schlechtes Image“: Folkart Schweizer zu den Nöten, eine neue Heimat für Four Steps zu finden. © Gabriel Habermann

Murrhardt. Wie konnte es zum bitteren Aus der einst renommierten Schorndorfer Suchthilfeeinrichtung Four Steps kommen? Ein Gespräch darüber mit Dr. Folkart Schweizer, 76, dem Verwaltungsratsvorsitzenden des „Vereins für Jugendhilfe im Landkreis Böblingen“, Träger von Four Steps.

Herr Schweizer, welche Situation haben Sie angetroffen, als Sie im Jahr 2013 Verwaltungsratsvorsitzender des Vereins für Jugendhilfe wurden?

Es gab seinerzeit schon heiße Diskussionen um die Zukunft des Vereins. Die wirtschaftliche Situation war sehr wackelig, das haben die Vereinsmitglieder und die Beschäftigten gespürt. Vor allem der Suchtbereich war defizitär und wurde vom Jugendhilfebereich mitfinanziert.

Der Verein betrieb seinerzeit die Four-Steps-Häuser in Schorndorf und Waldhausen sowie Suchthilfekliniken in Möckmühl, Fellbach und Börstingen. Außerdem gehört zum Portfolio des Vereins die Jugendhilfe – ambulante Erziehungshilfen, mobile Jugendarbeit und vieles mehr an verschiedenen Standorten.

Richtig. Ich wollte zunächst herausfinden: Wo stehen wir jetzt genau? Ich habe deshalb einen Wirtschaftsprüfer beauftragt, einen sogenannten Quick-Check zu machen. Ich habe damit ganz gute Erfahrungen gemacht. Ich war früher in Berlin Vorsitzender eines sehr großen Sozialunternehmens mit Behindertenwerkstätten, traf dort seinerzeit auf eine ähnliche Situation und habe mit einem neuen Management Maßnahmen eingeleitet, die zum positiven Turn-around führten.

Was ergab der Quick-Check?

Er ergab – und da war ich schon ziemlich perplex –, dass der Verein für Jugendhilfe schon seit Jahren Verluste machte, die immer über Schulden finanziert wurden. Als ich kam, war die Schuldengrenze erreicht.

Das heißt?

Es wäre innerhalb eines halben Jahres wahrscheinlich zur Insolvenz gekommen. Das hat mich natürlich stark beeindruckt. Das vorhandene Management – der damalige Vorstandsvorsitzende und sein Stellvertreter, der Leiter für den Bereich Suchthilfe, Rainer Baudis – hatten suchtfachliche Kompetenz. Aber bei allem, was außerdem für so eine Arbeit notwendig ist – Leute führen, Teams bilden, wirtschaftlich arbeiten –, waren sie sehr schwach.

Wie haben Sie reagiert?

Wir haben dem damaligen Vorstandsvorsitzenden gekündigt und konnten für diese Stelle mit Frau Stahl eine versierte Persönlichkeit gewinnen, der es dann auch gelungen ist, das Unternehmen wieder auf einen erfolgreichen Weg zu bringen. Dabei wussten wir ja: Herr Baudis wäre nur noch neun Monate bis zum Ruhestand da, und insofern war er die einzige verbliebene managementmäßige Schwachstelle. Sachkosten reduzieren, zentraler Einkauf, optimierte Personalplanung, Verbesserung der Zeiterfassung: Das waren die Schnellmaßnahmen, die wir ergreifen mussten, damit der Verein die Kurve kriegt. Es war sehr kritisch damals. Die Diakonie hat uns sogar empfohlen, ihren Notfall-Fonds in Anspruch zu nehmen.

Herr Baudis hat Ihnen in einem Gespräch mit unserer Zeitung vorgeworfen, nur wirtschaftlich zu denken und nicht sozial.

Herr Baudis und die früheren Vereinsvorstände haben seinerzeit im Suchthilfebereich etwas aufgebaut, es war toll, es war super – und die Kosten, die sie verursacht haben, haben sie ersetzt bekommen. Früher galt im Sozialwesen das Selbstkostendeckungsprinzip: Der Betreiber hat gesagt, wie viel Geld er braucht, und das hat er bekommen. Aber dann stellte die Politik das System auf Budget um: Pro Patient gibt es einen Pflegesatz pro Tag, und damit muss man auskommen. Dadurch entstand die Notwendigkeit des Wirtschaftens. Die war vorher nicht da, das war ein wunderschönes Leben. Aber heute gilt: Wirtschaftlichkeit und Sozialarbeit widersprechen sich nicht, sondern ergänzen sich. Das eine ist die Voraussetzung für das andere.

Ihr Zerwürfnis mit Herrn Baudis ging ins Persönliche, das ist ihm anzuhören.

Vielleicht bin ich zu rigoros vorgegangen – aber ich sah eben die Gefahr für die Existenz des Vereins, die er offensichtlich nicht gesehen hat. Und ich bin auch etwas heikel und penibel, denn ich bin aufgewachsen mit der Maßgabe, das Unternehmen geht vor allen privaten Interessen – und Herr Baudis hat zum eigenen Vorteil mit dem Verein Geschäfte gemacht.

Inwiefern?

Er hat sich selber Druckaufträge erteilt für irgendwelche Flyer und Bücher, die keiner brauchte, und dann Rechnungen an den Verein geschrieben. Und wenn ich so was merke, bin ich nicht freundlich, das stimmt. Ich mache das ja ehrenamtlich, und meine Sitzungsgelder spende ich dem Verein.

Herr Baudis hatte einen Plan, um Four Steps zukunftsfähig zu machen: Im ehemaligen Krankenhausgebäude in Plochingen wollte er mehrere Suchthilfeeinrichtungen zusammenlegen, aus kleinen Einheiten also eine große machen.

Die Idee ist grundsätzlich natürlich richtig. Nur: Das Objekt war das falsche. Es gab dort keine Einzelzimmer mit Nasszelle.

Wie auch in Schorndorf und Waldhausen, weshalb die dortigen Four-Steps-Standorte nicht zukunftsfähig waren?

Ja. Damit wären die Strukturanforderungen unseres Leistungsträgers, der Deutschen Rentenversicherung, wieder nicht erfüllt gewesen. Gegen diese Forderungen hat sich der alte Vorstand immer gewendet und keine Investitionen dafür eingeplant. Die DRV hat uns ja sogar ein Ultimatum gestellt: Wenn wir nicht Ende 2016 einen Spatenstich für den Neubau vorweisen können, um die Forderungen zu erfüllen, gibt es keine Patientenzuweisungen mehr. Diese Forderungen gab es schon seit etwa zehn Jahren – aber der Vereins-Vorstand hat einfach in dieser Zeit versäumt, etwas zu tun.

Hätte man Plochingen nicht entsprechend umbauen können?

Dafür hätte der Verein Millionen investieren müssen, zusätzlich zu einer sehr hohen Miete. Das hätte den Verein sofort illiquid gemacht. Wir haben einen ganzen Tag Klausur gehabt zu dem Projekt, haben Für und Wider abgewogen. Am Ende der Diskussion war ich der Meinung: Wenn wir das machen, fährt der Verein gegen die Wand. Da meinte der damals noch amtierende Vereinsvorsitzende: Wenn wir es nicht machen, fahren wir auch gegen die Wand. Tolle Einstellung – wenn schon gegen die Wand fahren, dann lieber mit voller Geschwindigkeit? Ich konnte es nicht verantworten, den Schritt zu machen.

Wie sah Ihr alternativer Plan aus?

Die Four-Steps-Villa in Schorndorf abreißen und stattdessen einen Neubau machen, an dem sich die verschiedenen Suchthilfeeinrichtungen des Vereins zentralisieren lassen. Das Grundstück dort gehört uns, wir hatten einen Investor, der Verein hätte selber keine Investitionen tätigen müssen, die Miete an den Investor wäre erträglich gewesen, wir haben eine Bauvoranfrage gestellt, ein wunderschöner Plan. Die Stadt Schorndorf hat uns auch eine Abbruchgenehmigung für die alte Villa gegeben – aber dann haben sie plötzlich zur Bedingung für die Genehmigung eines Neubaus gemacht, dass wir die alten Gebäude stehen lassen! Ich verstehe es heute immer noch nicht. Da steckt irgendetwas dahinter, das nicht offen gesagt wird. Es gibt keinen sachlichen Grund, die Genehmigung zu diesem Neubau zu verweigern.

Aber ginge es nicht, die Villa zu erhalten und ergänzend neu zu bauen?

Das wäre vom organisatorischen Ablauf ganz ungünstig und würde auch noch mehr kosten. Es wäre teurer und schlechter, außerdem würde es wieder nicht den Strukturanforderungen der DRV entsprechen.

Mittlerweile sind die Four-Steps-Häuser in Schorndorf und Waldhausen geschlossen, ebenso wie die Sucht-Reha „Jagsttal“ in Möckmühl.

Dass die stationäre Suchthilfe sich auf Börstingen und Fellbach minimiert, ist eigentlich der Fehler des vorhergehenden Vorstandes. Sie haben viele Jahre lang nicht die von der Rentenversicherung vorgegebene Richtung eingeschlagen.

Haben Sie Hoffnung, dass doch noch ein Neubau gelingt?

Die Aussichten sind unsicher. So richtig konkret kann ich noch gar nichts sagen. Wir suchen jedenfalls weiter einen Baugrund, wir sind in allen möglichen Gemeinden im Rems-Murr-Kreis und auch außerhalb am Verhandeln. Nur gestaltet sich das alles sehr schwierig. In Weissach im Tal hatten wir ein Grundstück im Auge, aber da ist gleich ein Wahnsinnsauflauf dagegen entstanden. Die Debatte wurde sehr unsachlich und zum Teil polemisch geführt. Da ist man machtlos. Und das ist in anderen Gegenden ähnlich: Keiner sehnt sich nach einer Suchtklinik in seiner Gemeinde. Solche Einrichtungen haben ein schlechtes Image. Dabei sind die Patienten ja auf dem Weg in ein cleanes Leben, es ist nicht so, dass da dann Junkies im Ort rumhängen und Spritzen rumliegen, das stimmt alles überhaupt nicht – aber das ist das falsche Zerrbild, das da verbreitet wird.

Eine verfahrene Situation.

Ich bin immer ein ungebrochener Optimist gewesen, ich musste schon viele Schwierigkeiten überwinden in meinem Leben. Wir haben den Optimismus, dass wir doch noch irgendwo neu bauen können. Das ist nicht vom Tisch. Aber das Konkreteste bisher war Schorndorf. Wenn die Schorndorfer Ja sagen würden, wäre unser Investor auf jeden Fall nach wie vor dabei.

Der Verein für Jugendhilfe käme aber auch ohne so einen Neubau zurecht?

Der Verein war ein Sanierungsfall – Gott sei Dank haben wir den Turn-around innerhalb von ein, zwei Jahren geschafft vom Minus zu einer positiven Situation. Bei einer Mitgliederversammlung wurden die Verwaltungsräte inklusive mir fast einstimmig wiedergewählt. Den Jugendhilfebereich noch etwas auszuweiten, wäre eine Möglichkeit, oder auch, den verbleibenden Suchthilfebereich weiter zu stärken. Aber besser und schöner wäre es natürlich schon, wenn wir einen Neubau verwirklichen könnten, und daran arbeiten wir weiterhin ganz intensiv.

Haben Sie je bereut, diese Aufgabe übernommen zu haben?

Nein! Wenn man was Positives bewirken kann, das gefällt mir schon. Ich weiß nicht, ob man aus der Lage, in der wir waren, noch was Besseres hätte hinkriegen können. Glaube ich eher nicht. Es war wirklich eine äußerst schwierige Aufgabe, den Verein aus der Misere herauszuführen.