Rems-Murr-Kreis

So eng ist Deutschland mit Russland und der Ukraine wirtschaftlich verbunden

Naftogaz
Ein Mitarbeiter des ukrainischen Energiekonzerns Naftogaz an Pipelines, die zu unterirdischen Erdgas-Speichern führen. Der deutsche Energiekonzern RWE hat im August 2021 eine Absichtserklärung unterzeichnet, mit Naftogaz zwecks Wasserstoff-Lieferungen zusammenarbeiten zu wollen. © Naftogaz

Wasserstoff statt Erdgas durch die Pipelines des ukrainischen Energieunternehmens Naftogaz? Das hätte Deutschland gerne gehabt und unterstützte die Ukraine in ihrer Transformation hin zu erneuerbaren Energien. Ist der Angriffskrieg Russlands, das mit Öl und Erdgas Abermilliarden verdient, auch ein Krieg gegen diese Transformation der Ukraine? Gleichzeitig galt die Ukraine Gewerkschaftern bis vor dem Krieg als Kolonie europäischer Billiglohnproduktion. Der Fellbacher Manager Prof. Dr. Rainer Lindner, Vorsitzender des Deutsch-Ukrainischen Forums, antwortet auf Fragen zu wirtschaftlichen Hinter- und Abgründen dieses kriegerischen Konflikts. Das große Experten-Interview.

Herr Prof. Lindner, Sie und Ihre Frau haben mehrere ukrainische Flüchtlinge bei sich zu Hause untergebracht. Wie erleben Sie diese Ausnahmesituation?

Wir haben zwei Familien bei uns aufgenommen, vier Erwachsene und sechs Kinder. Es sind die Familien, die ich seit vielen Jahren kenne und die zu Freunden geworden sind. Wir haben sie bei der Suche nach Sicherheit unterstützt und uns vor allem der Kinder wegen sehr schnell bereiterklärt, ihnen zu helfen. Die beiden Familien kommen aus Kiew und Tscherkassy, einer Stadt südlich von Kiew am Dnepr. Sie haben die ersten Tage der Angriffe auf Kiew erlebt, in Kellern ausgeharrt und gebangt und dann eine Feuerpause genutzt, um unter Lebensgefahr die Flucht zur polnischen Grenze anzutreten. Sie wussten ja nicht, wann und in welchem Ausmaß der Beschuss weitergehen würde. Das war schrecklich, insbesondere für die Kinder, und zeigt exemplarisch das ganze Drama und Leid, das derzeit in der Ukraine durch den russischen Überfall auf das Nachbarland stattfindet.

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Osteuropa-Experte Rainer Lindner. © Heine + Beisswenger

Sie und Ihre ukrainischen Gäste verfolgen sicherlich den täglichen Nachrichtenstrom über den Krieg.

Sie bekommen natürlich auch persönliche Nachrichten von ihren eigenen Verwandten, die noch im Land sind und darüber berichten, was gerade passiert. Das sind also auch für diejenigen, die geflüchtet und in Sicherheit sind, momentan äußerst schlimme Tage voller Anspannung und Sorge um die Liebsten in der Ukraine. Zugleich treibt sie die Zukunftsangst um, was wird aus ihrem privaten Besitz in der Ukraine, werden die Wohnungen geplündert? Kinder fragen nach den Spielsachen, die sie zurücklassen mussten. Und dann die Frage: Wie können wir hier ein neues Leben aufbauen?

Als Vorsitzender des Deutsch-Ukrainischen Forums koordinieren Sie Hilfsaktionen für die Ukraine.

Wir haben in den ersten Kriegstagen unmittelbar damit begonnen, Hilfsgüter über die polnisch-ukrainische Grenze ins Land zu bringen. Wir sind dabei in enger Abstimmung mit der Johanniter-Unfallhilfe, die die Transporte organisieren. In der Ukraine selbst können wir als Deutsch-Ukrainisches Forum auf Kontakte zurückgreifen, die wir seit Jahren haben. Wir arbeiten mit lokalen Organisationen zusammen, die die Verteilung bis in die Dörfer hinein versuchen zu sichern, was in diesen Tagen immer schwieriger und gefährlicher wird.

Wie kann man dabei helfen?

Wir bekommen sehr viel Unterstützung aus Deutschland, bekommen Sachspenden, arbeiten auch mit Unternehmen zusammen. Es gibt auch in Baden-Württemberg und im Rems-Murr-Kreis beeindruckende lokale Hilfsaktionen, etwa die große Materialspendenaktion der Feuerwehren neulich, die von der Stadt Fellbach aus koordiniert wurde, die man unterstützen kann. Geldspenden sind natürlich auch sehr sinnvoll, weil Hilfsorganisationen sie zielgerichtet einsetzen können, etwa zum Kauf von haltbaren Lebensmitteln, die nicht mehr erhitzt werden müssen, da die Strom- und Energieversorgung in vielen umkämpften Regionen der Ukraine zusammengebrochen ist. Wichtig sind auch medizinische Ausrüstung und Hilfsmittel, Medikamente, Verbandszeug, Wasseraufbereitung, Schutzwesten und dergleichen.

Wie beurteilen Sie die Bereitschaft deutscher Unternehmen, die Sanktionen gegen Russland mitzutragen?

Wir haben über das Deutsch-Ukrainische Forum schon vorvergangene Woche einen gemeinsamen Aufruf der deutschen Wirtschaft zur Unterstützung der Ukraine initiieren können. Den haben sowohl die Deutsch-Ukrainische Auslandshandelskammer in Kiew für den Deutschen Industrie- und Handelskammer-Tag (DIHK) und der Ost-Ausschuss der Deutschen Wirtschaft unterzeichnet, der unter anderem mit dem Bundesverband der Deutschen Industrie (BDI) eng verbunden ist. Gleichzeitig hören wir, dass die Sanktionen gegen Russland von deutschen Unternehmen klar mitgetragen werden und die deutschen Unternehmen auf der Seite der Ukraine stehen, selbst wenn es zulasten von Geschäften geht.

Russland hat jetzt ausländischen Unternehmen gedroht, die ihren Betrieb in Russland einstellen, Firmeneigentum zu enteignen und zu verstaatlichen.

Solche Ankündigungen hat es auch in früheren Zeiten immer wieder mal gegeben. Das muss man abwarten. Ich beobachte aber, dass viele Unternehmen diese Gefahr in Kauf nehmen und mit Schließungen und Betriebseinstellungen ganz bewusst und eindeutig Stellung gegen den Krieg nehmen.

Deutsche Investitionen in Russland sind natürlich auch in großen Teilen durch staatliche Hermes-Bürgschaften gegen Totalverlust „versichert“.

In der Tat hat Deutschland die Hermes-Bürgschaften für Russland jetzt ausgesetzt. Genauso eindeutig ist aber auch die finanzielle Unterstützung der deutschen Bundesregierung und der EU in Richtung Ukraine. Das ist ein sehr starkes Bekenntnis. Es ist eine mutige Entscheidung der EU, jetzt die Aufnahme der Ukraine zu diskutieren, die aber sicherlich nicht heute und morgen kommen wird.

Zumal die Mitgliedschaft auch militärischen Beistand gemäß Artikel 42 Absatz 7 des EU-Vertrags umfassen würde.

... abgesehen davon; wir haben in der EU klare Voraussetzungen für die Aufnahme von Neumitgliedern. Wenngleich in solch schlimmen Zeiten des Kriegs jede Form der Unterstützung und Hoffnung für die Ukraine richtig und wichtig ist. Es besteht ja schon ein Assoziierungsabkommen und ein Handelsabkommen zwischen EU und Ukraine. Diese beiden Formate sind längst noch nicht ausgeschöpft in ihrer Wirkung. Da könnte sich in den kommenden Jahren noch einiges tun.

Wie weit ist die Ukraine denn in puncto Demokratisierung, Korruptionsbekämpfung und der Abkehr von Oligarchen-Vetternwirtschaft?

Ich glaube, hier muss man zunächst mal auf die Beobachtungen und Beurteilungen der OSZE (Organisation für Sicherheit und Zusammenarbeit in Europa) schauen. Wahlen sind in der Ukraine seit dem Maidan vor fast zehn Jahren als frei und fair bezeichnet worden. Das ist ein guter Indikator für den Reifegrad einer Demokratisierung. Andererseits gab es immer wieder Vorbehalte, was eine Verflechtung von Wirtschaft und Politik angeht. Ich habe aber den Eindruck, dass die Lösung von Fragen nach Demokratisierung, Marktwirtschaft und all den weiteren Kriterien, die für eine EU-Mitgliedschaft wichtig sind, in der Ukraine seit Jahren vorangetrieben werden. Es gibt ein Antikorruptionsgesetz. Diese Standards entwickeln sich in der Ukraine bedeutend schneller als in Russland.

Außer den bekannten Abhängigkeiten im fossilen Energiesektor (Öl, Erdgas), welche Rolle spielen Russland und die Ukraine für die deutsche Wirtschaft?

Man muss sich vor Augen führen, dass rund 4000 deutsche Unternehmen in Russland und etwa 2000 in der Ukraine investiert haben, in Standorte und Beteiligungen. Es gibt da schon sehr enge Vernetzungen. Beide Länder sind Märkte, sowohl was die Beschaffung als auch den Vertrieb angeht. Es bestand ein sehr intensiver Warenaustausch in den letzten Jahren über Öl und Gas hinaus, etwa wenn man an den Agrarmarkt denkt, an deutsche Kohle-Importe, an den Maschinenbau, die Automobilindustrie. Für Russland wird es mit dem Krieg gegen die Ukraine und den Sanktionen zu massiven Einschränkungen kommen. Diese Wahl hat es selbst getroffen.

Die Ukraine ist einer der wichtigsten Lieferanten des Edelgases Neon. Dieses wird für den Betrieb von Hochleistungslasern benötigt, die wiederum in der Halbleiterproduktion zum Einsatz kommen. Ein Fünftel des nach Deutschland importierten Palladiums kommt aus Russland und wird für Katalysatoren fehlen.

Das sind nur einige Beispiele. Die Auswirkungen des Kriegs und der Sanktionen sind in vielen unterschiedlichen Bereichen erheblich. Lieferketten werden unterbrochen. Die Effekte werden wir noch deutlich zu spüren bekommen.

Sie sind Vorstandsvorsitzender beim Fellbacher Unternehmen Heine + Beisswenger, das im Metallhandel und der Metallverarbeitung tätig ist. Die Preissteigerungen bei Stahlerzeugnissen sind gerade immens. Rund 30 Prozent des deutschen Baustahls kamen bis unlängst aus Russland, der Ukraine und Weißrussland. Hinzu kommt der hohe Anteil von Roheisen (40 Prozent aus diesen Ländern) und diverser weiterer Rohstoffe, die für die Stahllegierung notwendig sind. Wie steuern Sie gegen?

Wir sehen einen starken Effekt, den dieser Krieg und die Sanktionen auf die deutsche Wirtschaft und die Rohstoffbeschaffung haben, auch im Bereich Metallimporte. Jedes Unternehmen hat hier die Aufgabe, Alternativen zu etablieren, neue Bezugsquellen für sich und seine Kunden zu erschließen. Das gilt auch für Heine + Beisswenger. Selbstverständlich halten wir uns an sämtliche Sanktionsregularien.

Porsche, BMW, VW und Audi sind in manchen Werken aufgrund von Lieferengpässen insbesondere im Bereich Kabelbäume aus der Ukraine von Produktionsstopps und Kurzarbeit betroffen. Kommt das auch auf Heine + Beisswenger zu?

Stand heute nicht. Aber wir können aufgrund der sehr dynamischen Lage nur auf Sicht fahren.

Sie haben sich in der Vergangenheit wiederholt für Wasserstoff-Importe aus der Ukraine eingesetzt, über das Energieunternehmen Naftogaz. Wie sieht und sah die deutsch-ukrainische Zusammenarbeit in diesem Bereich aus?

Wir sind weiterhin aktiv dabei, vor allem über das Deutsch-Ukrainische Forum, die Möglichkeiten zu prüfen, wie Wasserstoff aus der Ukraine, insbesondere durch Erneuerbare wie Windkraft hergestellter Wasserstoff, für die deutsche Industrieproduktion beschafft werden könnte. Die Ukraine möchte sich im Bereich erneuerbare Energien stark aufstellen. Angesichts der Zerstörung der Infrastruktur durch die Bombardierungen werden diese Bemühungen zunächst zurückgeworfen. Man wird aber nach dem Krieg auf das Thema zurückkommen. Wasserstoff ist eine klimafreundliche Ressource, die die Ukraine unter Verwendung erneuerbarer Energien wie Windkraft und Solar- oder Biomasse-Anlagen produzieren kann. Grüner Wasserstoff wäre für die Transformation der deutschen Stahlindustrie extrem wichtig in den nächsten zehn Jahren, und der könnte auch über bestehende Gas-Pipelines geliefert werden. Die Stadt Wolnowacha im Gebiet Donezk ist weitgehend zerstört worden. Hier habe ich vor Jahren noch in anderer Funktion ein Werk zur Energiegewinnung aus Biomasse aufgebaut. Die Ukraine besitzt dafür mit die größten Ressourcen in Europa.

Der Anteil von Erdgas am Primärenergieverbrauch in Deutschland betrug 26,6 Prozent im Jahr 2020; vom Erdgas-Absatz von 945 Milliarden-Kilowattstunden entfielen rund 300 Milliarden kWh auf Privathaushalte, aber auch rund 350 Milliarden kWh auf die Industrie. Könnte man dann also den immensen Gasverbrauch der industriellen Produktion durch Wasserstoff-Gebrauch senken?

Für die Stahlindustrie ist das Ziel, grünen Wasserstoff anstelle von Kohle beziehungsweise Koks zu nutzen und damit die CO2-Belastung bei der Produktion zu reduzieren. Auch wenn die Transformation sehr kostenintensiv ist, führt kein Weg dran vorbei, wenn die deutsche Stahlindustrie eine Zukunft haben will. Die Voraussetzungen für erneuerbare Energien sind in der Ukraine grundsätzlich sehr gut. Hier gibt es auch eine gemeinsame Arbeitsgruppe der deutschen und der ukrainischen Regierung, um Projekte zu fördern. Dieser Krieg ist auch hier jetzt ein massiver Störfaktor.

Die Ukraine galt Gewerkschaftern bis vor dem Krieg als Vorposten einer kritikwürdigen Billiglohnproduktion europäischer Unternehmen. Hat sich die deutsche Wirtschaft hier immer ethisch und arbeitsrechtlich korrekt verhalten?

Eigentlich sind das Themen, an die ich derzeit angesichts des Kriegs gar nicht denken kann. Aber um Ihre Frage zu beantworten: Als Manager eines Unternehmens, das keine Beschäftigten in der Ukraine hat, werde ich darauf nur allgemein antworten. Wir haben über die lokale Auslandshandelskammer, über die Wirtschaftsabteilung der deutschen Botschaft, die Gesellschaft für Internationale Zusammenarbeit (GIZ) zahlreiche Akteure vor Ort, die immer auch auf solche Entwicklungen schauen und das Engagement deutscher Unternehmen an rechtliche Rahmenbedingungen binden, die auch überprüft werden und überprüfbar sein müssen. Ich weiß, dass deutsche Unternehmen in der Ukraine die Rechtsstandards kennen, auch dass sie die von der International Labour Organization vorgegebenen Kriterien berücksichtigen. Was ich sehe, auch in meiner Zeit als Geschäftsführer des Ost-Ausschusses der Deutschen Wirtschaft, als ich viele Besuche in die Ukraine organisiert habe, haben die Arbeitnehmer vor Ort es immer als hohes Gut bezeichnet, in einem deutschen Unternehmen zu arbeiten.

Geht es den Unternehmen nicht nur darum, die Arbeitskosten zu drücken?

Natürlich geht es auch um Kosteneffekte, aber das haben Unternehmen auch in Russland, in China oder in Indien getan. Unterschätzen Sie nicht die Schaffung einer Arbeits- und Infrastruktur in diesen Ländern, bis hin zu einer Unternehmenskultur, die dort entsteht. Deutsche Unternehmen schaffen Arbeitsplätze vor Ort, versorgen so Familien. Tausende von Arbeitsplätzen sind in der Ukraine von deutschen Unternehmen geschaffen worden. Ich bin sicher, wenn sie die Familien dort fragen, sind sie stolz, dort zu arbeiten und sie bekommen für den lokalen Markt ordentliche Gehälter.

Was glauben Sie, wann ist der Krieg zu Ende? Wie könnte eine Nachkriegsordnung in der Ukraine aussehen?

Jede Spekulation ist schwierig. Ich hoffe, dass dieser Krieg schnellstmöglich beendet wird, um das unsagbare menschliche Leid zu stoppen. Am Ende wird es Verhandlungen geben müssen, die gibt es ja schon, wohl auch schmerzliche Kompromisse. Hier muss die Politik unter Beteiligung von Vermittlern, wie zum Beispiel Israel oder die Türkei, eventuell Kasachstan, alles tun, um friedensstiftend zu vermitteln. Russland wird sonst weiterhin versuchen, eigene Forderungen gewaltsam durchzusetzen, auch gegen das Völkerrecht. Die juristische Aufarbeitung dieses Konfliktes steht noch aus. Insofern muss das zentrale Ziel jetzt die sofortige Beendigung aller Kriegshandlungen sein.

Zur Person: Prof. Dr. Rainer Lindner

  • Rainer Lindner ist derzeit unter anderem außerplanmäßiger Professor für Osteuropäische Geschichte an der Universität Konstanz, Vorsitzender des Deutsch-Ukrainischen Forums in Berlin sowie Vorstandsvorsitzender der Heine + Beisswenger Stiftung + Co. KG in Fellbach.
  • Er studierte an der Havard-University im US-amerikanischen Cambridge, Massachusetts, zudem in Minsk, Kiew und Moskau und war von 1994 bis 1998 wissenschaftlicher Mitarbeiter und Berater der Bundesregierung und des Bundestages am Deutschen Institut für Internationale Politik und Sicherheit der Stiftung Wissenschaft und Politik.
  • 2016 bis 2020 war Rainer Lindner CEO Central& Eastern Europe/Middle East & Africa bei der Schaeffler AG.
  • 2008 bis 2016 war er Geschäftsführer des Ost-Ausschusses der Deutschen Wirtschaft.