Stuttgart & Region

Wasen! Wahnsinn! Vorfreude aufs Volksfest-Wochenende – und wir mittendrin

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Unser Reporter war ab dem Freitagvormittag auf dem Wasen, um die Vorfreude aufs Wochenende einzufangen. Dabei sprach er beinahe mit einem Zug und einem Drachen. © ZVW/Alexander Roth

Es ist warm, das Bier fließt in Strömen. Menschen in Lederhosen und Dirndl liegen sich in den Armen. Grölen Schlager. Die gute Laune kennt kein Limit, das Festzelt vibriert. Euphorie! Ein Betrunkener liegt mit dem Kopf auf dem Tisch, träumt davon, dass der VfB Deutscher Meister wird. Warum eigentlich nicht? Heute scheint alles möglich… So oder so ähnlich hat sich unser Redakteur die Stimmung auf dem Cannstatter Volksfest vor dem Wochenende vorgestellt. Ein Besuch auf dem Wasen in Stuttgart hat ihm gezeigt: Die Realität ist anders. Nicht besser, nicht schlechter, anders eben. Aber das soll er selbst erzählen.

27 Grad in Stuttgart: Wunderbares Wetter zum Bechern

Kurz nach 11 Uhr stehe ich am Bahnhof in Waiblingen. Schaue mich um. Eine junge Frau im Dirndl, sonst alles wie gehabt. Wissen die Menschen nicht, dass das zweite Wasen-Wochenende bevorsteht? Oder haben sie einfach keine Lust auf Tracht? Die S-Bahn fährt ein. Ab geht die wilde Fahrt. Als wir den Bahnhof verlassen, spüre ich ein Zittern. Es kommt vom Zug. Ist das die Oberleitung? Oder ein Schaudern der S-Bahn, die ahnt, was ihr heute noch bevorstehen könnte, wenn besonders betrunkene Volksfest-Besucher die Heimreise antreten? Ich verspüre plötzlich den Drang, dem Zug gut zuzureden oder das Sitzpolster zu streicheln.

Am Sommerrain steigt eine kleine Gruppe junger Leute zu. „Heute wird es 27 Grad warm. 27 Grad!“, sagt eine der Frauen. „Wird bestimmt stickig im Festzelt“, sagt einer der Männer. Wir rollen in Cannstatt ein, das Riesenrad schiebt sich ins Blickfeld. Eine andere Frau steigt mit dem Satz ins Gespräch ein: „Ja, das hatten wir vorhin schon festgestellt – das Wetter eignet sich wunderbar zum Bechern“. Wie der Engländer sagen würde: That’s the spirit.

Sicherheit am Bahnhof Cannstatt: Wasen-Profis haben alles im Griff

Vor dem Kiosk am Bahnhof in Bad Cannstatt stehen zwei Männer in gelben Warnwesten. Bahn-Sicherheit. Sie haben Knöpfe im Ohr, schauen sich um, wirken entspannt. Die Ruhe vor dem Sturm? „Zwischen 12 Uhr und 13 Uhr geht es richtig los“, sagt einer von ihnen. Erfahrungsgemäß habe man es an einem Freitag irgendwann mit Besoffenen zu tun, und „Leuten, die provozieren wollen“. Die zwei Sicherheitsleute werden deshalb noch Unterstützung erhalten, auch von der Bundespolizei. Die Aussicht auf das, was noch kommen wird, scheint sie aber nicht aus der Ruhe zu bringen. „Wir sind wasenerprobt.“

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Die Schrift ist so groß, dass man sie kaum übersehen kann. Hier teilt sich der Besucherstrom kurzzeitg. Wir Fachleute nennen das Wellenbrecher. © ZVW/Alexander Roth

Es piepst, dann werden Menschen aus den Seitenarmen der Bahnhofsunterführung in den Strom Richtung Wasen gespült. Ich lasse mich treiben. Draußen stehen Menschen mit leeren Einkaufswagen, an denen Plastiktüten hängen. Sie säumen den gesamten Weg zum Wasen, warten auf das Pfand derer, die im Sonnenschein stehen, und das letzte mitgebrachte Bier vernichten, bevor sie das Festgelände betreten. Acht Cent bringt die leere Flasche Bier. Fast 14 Euro kostet der Liter auf dem Volksfest.

Tote Hose auf dem Wasen-Gelände: "Und, jetzt ein Bierchen?"

Die nächste Unterführung. Taschenkontrolle. Weitergehen. Sich in Anlehnung an den großen Boris Becker denken: Bin ich schon drin? Das war ja einfach. Aber wo sind die Leute? Where my party people at, wie der Engländer sagt? Das Gelände ist wie ausgestorben. Es gibt Abschnitte, da findet man mehr Zeichnungen verstorbener Hollywoodstars an Fahrgeschäften als lebende Menschen. An einem Schießstand bringen zwei Schausteller Gewehre in Position, putzen, polieren, bereiten sich vor. Mit mir reden wollen sie nicht. Keine Zeit.

Ein Mann schiebt einen anderen im Rollstuhl an den Buden vorbei. „Und, jetzt ein Bierchen?“ Wenn das nur so einfach wäre. Offiziell öffnet das Volksfest freitags erst um 12 Uhr, an vielen Ständen sind die Rollläden noch geschlossen oder stehen auf Halbmast, Mitarbeiterinnen trinken ihren letzten Kaffee, rauchen die letzte Kippe bevor der Wasen-Tag startet. Am Stand „zum alten Bauer“ stehen die Fensterläden offen, die schmucke Holztür sieht einladend aus. Vielleicht geht hier was? Schade: Die Fassade des Hauses entpuppt sich als auf einen Bauzaun gespannter Kunstdruck. Der Stand dahinter liegt noch im Vormittagsschlaf.

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Das ist ja gar keine echte Tür! Man hätte es wissen können. © ZVW/Alexander Roth

Hundekekse im Albdorf: Belohnung für Fiffi, der zuhause warten muss

Vor dem Festzelt von Wasen-Wirtin Sonja Merz ist gegen 11.30 Uhr schon ein bisschen was los. Man sieht Dirndl und Lederhosen, Erwartung liegt in der Luft. Um den Eingang hat sich eine Menschentraube gebildet, es wird geraucht, geredet, gelacht. Ein Mann geht vorbei, er trägt ein gebratenes Hähnchen als Hut. Es besteht aus Stoff – wenn der Heißhunger kommt, wird es ihm wenig nützen.

Ich biege ab ins Albdorf. Das ist neu in diesem Jahr, ersetzt das Almhüttendorf. Der „Dorfplatz“ ist leer, aber an den Ständen ist man bereit für Besucher. Mir sticht besonders ein Stand ins Auge, an dem Hundekekse verkauft werden. Das sieht man nicht alle Tage. „Die Chefin hatte einen Hund, der gegen so ziemlich alles allergisch war“, sagt Daniela Gayson, die heute den Verkauf stemmt. Also habe sie experimentiert, selbst Rezepte entwickelt und ausprobiert. „Irgendwann hat sie sich dann gefragt: Wieso helfe ich nicht auch anderen?“ Seitdem werden die Hundekekse beim Frühlingsfest, Volksfest oder Weihnachtsmarkt angeboten.

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Hunde müssen draußen bleiben, so will es die Volksfest-Verordnung. Nicht so Hundekekse. © ZVW/Alexander Roth

Ist das nicht ein bisschen paradox, Hundekekse dort zu verkaufen, wo Hunde gar nicht erlaubt sind? Für die Vierbeiner ist das Betreten des Wasen-Geländes schließlich verboten. „Ich finde das gut“, sagt Daniela Gayson. „Was sieht ein Hund hier? Füße. Was hört er? Laute Musik.“ Für Hunde sei das kein Umfeld. „Wenn man Hunde liebt, sollte man sie zuhause lassen – und bitte nicht im Auto.“ Und Hundekekse mitbringen, das könne man natürlich. „Als Belohnung, weil Fiffi so lange warten musste.“

Ginstr auf dem Volksfest: Premiere für die Gin-Macher aus Schwaikheim

Ein Hauch Rems-Murr-Kreis weht mich vom nächsten Stand im Albdorf an. Dort steht eine riesige Deko-Ginstr-Flasche. Der Gin aus Schwaikheim hat es mittlerweile zu überregionaler, ach was, internationaler Bekanntheit gebracht und ist bereits preisgekrönt. Kürzlich flog er sogar ins Weltall. Aber lockt Ginstr auch das Wasen-Publikum? „Wir sind zum ersten Mal da, das ist unsere Volksfest-Premiere“, sagt Julian Slangen. Über den Zuspruch könne das Ginstr-Team sich bislang nicht beschweren. Unter der Woche sei weniger los, so Slangen, aber das sei überall so. Und nun kommt ja das Wochenende.

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Julian Slangen mixt einen Gin Tonic, das "Steckenpferd" von Ginstr. © ZVW/Alexander Roth

„Am besten läuft der Klassiker: Gin Tonic“, sagt Julian Slangen. „Das ist unser Steckenpferd, sozusagen.“ Aber auch ein neues Getränk laufe aktuell besonders gut: Der „Mango No. 5.“, angelehnt an den ewigen Nummer-1-Hit „Mambo No. 5.“ von Lou Bega. „Der wird sehr gut angenommen, weil er so fruchtig ist, perfekt für den Sommer“. Ein Sommer, der nicht enden will, könnte man meinen. Schließlich steht vorm Stand gerade ein schwitzender Reporter im Hawaii-Hemd und stellt Fragen, während sich ein Sonnenbrand auf seiner Stirn anbahnt.

Neben dem Verkauf von Drinks sei das Cannstatter Volksfest auch eine gute Möglichkeit, mit Leuten ins Gespräch zu kommen. „Die erinnern sich dann vielleicht an uns, wenn sie im Edeka das nächste Mal vor einer Ginstr-Flasche stehen.“ Julian Slangen wertet die Wasen-Premiere als vollen Erfolg. „Wenn das so weitergeht, spricht nichts dagegen, dass wir beim nächsten Mal wieder dabei sind.“

Petersburger Schlittenfahrt: Willkommene Abkühlung 

Ich schaue beim Wasen-Parkplatz vorbei. Tote Hose, alles frei. Wie viel Uhr haben wir? Das Ding, das sich in der Ferne dreht, ist das Riesenrad, es hat keine Zeiger. Ich will jetzt nicht das Handy rausholen und nachschauen. Da wären sicher Nachrichten aus der Redaktion drauf, die mich aus meiner Wasen-Wochenende-Wahnsinnsstimmung rausreißen würden. Naja, sagen wir Mittag. Ein Mann in Paketbotenuniform huscht an mir vorbei, ein Paket unter dem Arm, einen Scanner in der Hand. Hat sich da jemand auf den letzten Drücker noch eine Lederhose per Expressversand bestellt? Eine schöne Vorstellung, die ich mir nicht zerstören möchte, in dem ich die Wahrheit herausfinde. Also lasse ich ihn ziehen.

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So durchgeschwitzt kann ich unmöglich in die Redaktion zurück. Ob dieses Fahrgeschäft Abkühlung bringt? © ZVW/Alexander Roth

Es ist sowieso zu warm, um noch weit zu laufen. Aber was ist das? Am Horizont glitzert ein Eispalast, der sich bei näherem Hinsehen als „Petersburger Schlittenfahrt“ entpuppt. Das Rundfahrtgeschäft ist nach mehr als zehn Jahren Pause wieder auf dem Wasen dabei, und kommt mir mit seinem winterlichen Flair gerade recht. Aber ob die Redaktion mir die Fahrt wirklich mit der nächsten Spesenabrechnung erstatten wird? Ich bin skeptisch, und entscheide mich fürs klischeeschwäbische Sparen. Vielleicht ist ein bisschen Danebenstehen ja schon genug der Abkühlung.

Wasen-Wahnsinn: Lou Bega, Claas Relotius und ein sprechender Drache

Als ich mich Richtung Ausgang aufmache, ertönt plötzlich eine tiefe Stimme neben mir. „Hey, Kutscher, schau doch mal rüber“, grollt es von der Seite. Wer, ich? „Hey, Kutscher, was sagst du da? Ich habe Angst vor Geistern?“ Aber ich habe doch gar nichts … hat mir etwa jemand was in den Kaffee gemischt? Alkohol habe ich nicht getrunken, würde ich während der Arbeit nie tun, mein Chefredakteur liest ja vielleicht mit. Die Stimme unterbricht meine Gedanken: „Lass mich frei, dann schauen wir, wer Angst hat.“ Jetzt sehe ich auch, wer da spricht: Ein Drache. Er sitzt vor einer Geisterbahn und sagt, sein Name sei Spooky. Er spreche verschiedene Sprachen, behauptet er, und begrüßt dann Kinder auf Italienisch. „Ich lerne gerade Italienisch“, will ich ihm zurufen, und es unter Beweis stellen, aber da ist er schon zwei Sprachen weiter.

Eigentlich hätte mein Text damit geendet, dass sich der Wasen mit Dirndln und Lederhosen füllte und sich manche wirklich in den Armen lagen. Das Bild, das ich im Kopf hatte, als ich losfuhr, wurde langsam Realität, die Euphorie greifbar. Hoch die Hände, Wochenende, sozusagen. Aber dann ist noch etwas passiert noch etwas, das wie aus einer Reportage von Claas Relotious klingt. Sie wissen schon, der Spiegel-Skandal-Reporter, der sich die Realität zurechtgebogen hat? In seinen Reportagen erklang manchmal ein Lied, das irgendwie seltsam passend zu dem schien, was er davor zu Papier gebracht hatte.

Und jetzt aufgepasst: Als ich gegen 13 Uhr an einem Fahrgeschäft vorbeilief, hörte ich Lou Bega aus den Boxen dröhnen. „Mambo No. 5“, Monica, Jessica, Sie wissen schon. Nachdem ich eine Stunde vorher am Ginstr-Stand erst über Lou Bega gestolpert war. Metaphorisch, selbstverständlich, ich glaube der Mann ist eher auf dem Oktoberfest. Jedenfalls ist das wirklich passiert, das mit dem Lied. Ich schwöre. Aber zur Sicherheit habe ich ein Video davon aufgenommen, falls der Zeitungsverlag Waiblingen diese Reportage irgendwann überprüfen muss. Man weiß ja nie. Aber das soll nicht Ihre Sorge sein. Kommen Sie gut ins Wasen-Wochenende! Volksfest ist nur einmal im Jahr.

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