Die Probleme des VfB: Was Trainer Hoeneß jetzt in den Griff bekommen muss
Stuttgart. Der VfB Stuttgart hat derzeit ein bemerkenswertes Talent dafür entwickelt, sich selbst das Leben schwer zu machen. In der Bundesliga gab es fünf Niederlagen aus den vergangenen sieben Spielen, im DFB-Pokal beim SC Paderborn brauchte es einen Platzverweis und einen Treffer in der Nachspielzeit, um den nächsten Tiefschlag zu verhindern. Dass Deniz Undav anschließend von einer „bodenlosen“ ersten Halbzeit sprach, war mehr als eine spontane Abrechnung. Es war eine Zustandsbeschreibung. Nun wartet am Samstag Bayer Leverkusen, und für Sebastian Hoeneß stellt sich die Frage, wie er seine Mannschaft aus dieser sportlichen Talsohle führen kann.
Der Trainer und sein Kapitän setzten nach dem Pokalabend unterschiedliche Akzente. Während Undav die eigene Mannschaft ungewöhnlich deutlich kritisierte, wollte Hoeneß den Erfolg nicht kleinreden. „Wir sind eine Runde weiter, darum geht es“, sagte er. Den Auftritt bezeichnete er als „Charaktertest, den wir bestanden haben“. Eine Einschätzung, die angesichts der ersten Halbzeit in Paderborn durchaus hinterfragt werden darf. Schließlich hatte der VfB Glück, dass der Bundesliga-Aufstieger seine Überlegenheit nicht in Tore ummünzte und sich mit der Roten Karte für Laurin Curda selbst schwächte.
Undav-Forderung: „Dürfen das Fußballspielen nicht vergessen“
Matchwinner Undav benannte ein Problem, das über die mentale Verfassung hinausgeht: „Bei allem Wert auf die Intensität dürfen wir das Fußballspielen nicht vergessen. Wir müssen spielerisch eine ganze Menge draufpacken.“ Der Stürmer sieht eine Mannschaft, die zu oft mit dem Kopf durch die Wand will, statt über spielerische Lösungen zurück zu ihrer Selbstverständlichkeit zu finden. „Wir müssen wieder versuchen, mehr Fußball zu spielen und nicht mit dem Kopf durch die Wand zu gehen“, sagte er.
Dazu kommt eine bemerkenswerte Abschlussschwäche. Laut der Expected-Goals-Tabelle von FotMob hatte Stuttgart in der Bundesliga bislang Chancen für 13,9 Treffer, tatsächlich aber nur zehn Tore erzielt. Diese Differenz ist der schlechteste Wert der Liga. Der VfB lässt also nicht nur zu viele Möglichkeiten liegen, sondern macht sich selbst das Leben unnötig schwer - siehe Heimspiel gegen Gladbach, Pokalspiel in Paderborn.
Das ist ein wichtiger Unterschied: Nicht alles lässt sich mit fehlendem Selbstvertrauen erklären. Chancenverwertung, Spielkontrolle und Passqualität sind zunächst fußballerische Fragen. Allerdings können sich beide Ebenen gegenseitig verstärken. Wer seine Möglichkeiten nicht nutzt, wird ungeduldiger und verkrampfter. Wer verunsichert ist, trifft auf dem Platz häufiger die falschen Entscheidungen. Aus sportlichen Defiziten wird so schnell ein mentales Problem – und umgekehrt.
VfB-Coach setzt auf klassische Tugenden des Krisenmanagements
Hoeneß setzt deshalb auch auf die klassischen Tugenden des Krisenmanagements. „Es geht nur gemeinsam und mit harter Arbeit, dass die Leichtigkeit wieder kommt“, sagte er. Siege können Selbstvertrauen zurückbringen, auch wenn sie nicht immer schön zustande kommen. „Dann kannst du innerhalb kürzester Zeit wieder in eine andere Richtung gehen“, glaubt der Trainer. Seine Aufgabe ist es nun, der Mannschaft nicht nur Zuversicht zu vermitteln, sondern auch wieder Klarheit und Struktur.
Ausgerechnet jetzt droht ihm mit Angelo Stiller ein wichtiger Baustein abhandenzukommen. Der Mittelfeldspieler musste in Paderborn wegen Adduktorenproblemen zur Pause ausgewechselt werden. Eine MRT-Untersuchung ergab eine Verletzung im Adduktorenbereich, die Ausfallzeit ist offen. Seit 2023 ist Stiller der verlängerte Arm seines Trainers. Allerdings war auch er zuletzt nicht mehr auf seinem gewohnten Niveau.
Als Alternativen bieten sich zunächst Grischa Prömel und Atakan Karazor an. Karazor könnte nach seinem schwierigen Saisonstart wieder stärker in den Mittelpunkt rücken. Hoeneß bescheinigte ihm zuletzt, mit seiner veränderten Rolle „überragend gut“ umgegangen zu sein. Prömel bringt Laufstärke und Dynamik mit, konnte am Wasen bislang jedoch noch nicht vollends überzeugen. Fakt ist: Stillers spielgestalterische Qualitäten ersetzen beide nicht ohne Weiteres. Auch Nikolas Nartey, der nach seiner Oberschenkelverletzung in Paderborn wieder im Kader stand, und der 19 Jahre alte Yanik Spalt könnten eine Rolle spielen.
Auch VfB-Gegner Bayer Leverkusen hat zuletzt nicht überzeugt
Mit Leverkusen wartet nun ein Gegner, der selbst nach Antworten sucht. Das 5:2 im Pokal gegen Nürnberg kaschierte eine schwache erste Halbzeit, in der Bayer bereits mit 0:2 zurücklag. Geschäftsführer Simon Rolfes kritisierte fehlende Zweikampfhärte, mangelnde Tiefenläufe und zu viel Rückwärtsbewegung. Schon beim 0:3 gegen Hoffenheim hatte die Werkself zuvor nicht überzeugt. Ein dankbarer Gegner ist sie deshalb aber nicht. Dafür verfügt sie über zu viel Qualität.
Rolfes erwartet einen „harten Kampf“. Für Hoeneß wird es darum gehen, seine Mannschaft darauf vorzubereiten – mental und fußballerisch. Der Pokalsieg in Paderborn hat den VfB vorerst vor einer weiteren Niederlage bewahrt. Eine Antwort auf die grundsätzlichen Probleme war er noch nicht.



