VfB Stuttgart

Führungskrise beim VfB Stuttgart: Wie konnte es so weit kommen? Der Versuch einer Rekonstruktion

Fußball Bundesliga  SC Freiburg vs. VfB Stuttgart
Verfahrene Situation: Vereinspräsident Claus Vogt (li.) und Vorstandschef Thomas Hitzlsperger. © Pressefoto Baumann

Seit dem 30. Dezember 2020 ist beim VfB Stuttgart nichts mehr, wie es einmal war. An jenem Mittwochnachmittag hat der Vorstandsvorsitzende Thomas Hitzlsperger seine Kandidatur für das Präsidentenamt öffentlich gemacht. In einem offenen Brief an die Mitglieder erklärte der Ex-Profi seine Beweggründe - und schoss scharf gegen den Amtsinhaber Claus Vogt. Seit diesem Tag tobt ein beispielloser Konflikt, der den Verein einmal mehr zu zerreißen droht und längst außer Kontrolle geraten ist. Wie konnte es so weit kommen? Warum ist die Führungskrise an der Mercedesstraße komplett eskaliert? Der Versuch einer Rekonstruktion.

Erster Akt: Eine neue Dynamik

In der vergangenen Woche brachte der von der Stuttgarter Zeitung in Auszügen veröffentlichte Zwischenbericht zu den Ermittlungen in der Daten-Affäre eine neue Dynamik in die Geschehnisse. Der Report der Ermittler aus Berlin wurde Mitte November 2020 erstellt und sorgte schon im Spätherbst des vergangenen Jahres für eine neue Entwicklung in dem hinter den Kulissen schon seit den Kicker-Enthüllungen schwelenden Kulturkampf.

Nach Informationen unserer Redaktion wurde in dieser Zeit erstmals vorgefühlt, ob sich der amtierende Clubchef auf der für den 18. März 2021 terminierten Mitgliederversammlung zur Wiederwahl stellen möchte. Woraufhin Vogt seine klare Absicht bekundete, sich auf der MV für eine vierjährige Amtszeit zur Wahl stellen zu wollen. Für die Führungsriege von AG und Verein muss dieser Entschluss ganz offensichtlich ein Problem dargestellt und erste Planspiele in Gang gesetzt haben. Die nachfolgenden Versuche, den Präsidenten zu einem Rückzieher zu überreden, wurden vom Unternehmer aus Waldenbuch klar zurückgewiesen. Nachdem also absehbar war, dass der Präsident seine Bewerbungsunterlagen einreichen wird, musste aus Sicht der Vogt-Kritiker ein Plan B her.

Zweiter Akt: „Es gibt Leute, die möchten, dass ich der neue Präsident werde“

Der hieß zunächst: Wir benötigen einen Gegenkandidaten. Fündig wurde man in Kitzbühel. Volker Zeh, der Präsident des ortsansässigen Eishockey-Clubs, sagte zu und erklärte anschließend gegenüber der Tiroler Tageszeitung vielsagend: „Es stimmt, die Bewerbung ist raus. Es gibt Leute, die möchten, dass ich der neue Präsident werde.“ Doch würde ein weitgehend unbekannter Unternehmer mit Wurzeln im Remstal im Duell mit dem in weiten Teilen der Fanszene sehr beliebten Amtsinhaber bestehen können? Die Erfolgschancen wären wohl sehr gering. Plan C musste also aus der Tasche gezogen werden. Das Kräftemessen zwischen dem Vogt-Lager, das die Daten-Affäre rigoros und mit all ihren Konsequenzen aufarbeiten will, und Teilen der alteingesessenen Führungsriege, die augenscheinlich lieber nicht so tief graben möchten, steuerte jetzt auf einen vorläufigen Höhepunkt zu.

Dritter Akt: Die Bombe explodiert

Wann genau Thomas Hitzlsperger seine Bewerbungsunterlagen beim Vereinsbeirat eingereicht hat, ist nicht bekannt. In jedem Fall informierte er Claus Vogt rund zwei Wochen, bevor er seine Kandidatur öffentlich machte, in einem persönlichen Gespräch über seinen Schritt. Parallel wurde der amtierende Clubchef in einem selbst für Bild-Verhältnisse ungewöhnlich scharfen Artikel („Die Fehler des VfB-Präsidenten“) heftig angegangen. Das mittlerweile unüberhörbare Knirschen hinter den Kulissen fand so den Weg in die Öffentlichkeit. Von einer „diffamierenden Kampagne gegen mich“ berichtete Vogt später: „In verschiedenen Publikationen wurde gezielt versucht, mich bloßzustellen. Es wurden falsche Informationen und Unwahrheiten über mich verbreitet.“

Nach Recherchen unserer Redaktion wurde auch in der Vorweihnachtszeit, also nach dem Ablauf der Bewerbungsfrist am 18. Dezember, intern weiter versucht, eine Lösung zu finden. Schnell war jedoch klar: Die Fronten sind verhärtet. Und so explodierte kurz vor dem Jahreswechsel die vereinspolitische Bombe.

Da für eine Präsidentschaftsbewerbung unter anderem 50 Unterstützer-Unterschriften aus der Mitgliederschaft eingesammelt werden müssen, war Hitzlspergers geplante Kampfkandidatur nicht nur dem inneren Machtzirkel bekannt. Folglich war es wenig verwunderlich, dass der SWR Wind von der Sache bekam und am Nachmittag des 30. Dezember mit einer Meldung („Machtkampf beim VfB: Hitzlsperger tritt gegen Vogt an“) online ging. Die Begründung des AG-Chefs samt öffentlichem Frontalangriff auf den gewählten e.V.-Präsidenten folgte nur kurze Zeit später und trat eine Lawine los, die bis zum heutigen Tage nicht mehr eingebremst werden konnte.

Wenn es das Kalkül einiger Strippenzieher war, den Präsidenten Vogt auf diese Weise zu einem Rückzug zu drängen, ging aber auch dieser Plan nicht auf. Auf den vierseitigen Hitzlsperger-Brief folgte die vierseitige Erwiderung des Attackierten. Die vereinsinternen Fronten und Gräben, ab diesem Zeitpunkt waren sie publik. Das Echo in den lokalen und nationalen Medien war verheerend - und auch Fans und Mitglieder fühlten sich an düstere Zeiten unter Ex-Präsident Wolfgang Dietrich erinnert.

Selbst nachdem die Bewerbung des ehemaligen Nationalspielers öffentlich geworden war, suchte der Vereinsbeirat im Hintergrund nach weiteren potenziellen Bewerbern. In den Fokus geriet dabei auch der ehemalige Präsidentschaftskandidat und Vogt-Konkurrent Christian Riethmüller. Doch der Chef der Buchhandelskette Osiander winkte direkt ab. „So, wie mit dem aktuellen Präsidenten umgegangen wird, kann ich mir das überhaupt nicht vorstellen“, bestätigte Riethmüller im VfB-Podcast unserer Redaktion. Und außerdem: „Ich bin zufrieden mit der Arbeit von Claus Vogt.“

Vierter Akt: Der gordische Knoten

Seit dem öffentlichen Briefwechsel ist rund um den VfB nichts mehr, wie es einmal war. Zwar gab es auch nach dem großen Knall noch einen Vermittlungsversuch, laut Stuttgarter Zeitung gemeinsam mit dem Mediatoren-Duo Andreas Rettig und Helmut Schulte - der gordische Knoten wurde jedoch wieder nicht durchschlagen. Auch der inszenierte Burgfrieden mit zwei fast zeitgleich abgesetzten Tweets kurz vor dem Heimspiel gegen RB Leipzig (02.01.) konnte keinen Druck mehr aus dem Kessel nehmen. Der war nämlich längst schon krachend in die Luft geflogen, der Konflikt längst schon außer Kontrolle geraten.

Der Ball liegt nun schon seit über einem Monat beim Vereinsbeirat. Das achtköpfige Gremium, das für die Auswahl der Präsidentschaftskandidaten zuständig ist, ist in der Kandidaten-Frage allerdings selbst tief gespalten. Inzwischen wird sogar mit einem Personaldienstleister nach einem weiteren Kandidaten gesucht. Viele Mitglieder halten es unter vereinsdemokratischen Gesichtspunkten zwar für unvorstellbar, dass der gewählte Präsident nicht noch einmal nominiert und so quasi auf dem kurzen Dienstweg ohne Mitgliedervotum entmachtet wird - aber die Satzung würde das erlauben. Und angeblich, so hört man, liebäugeln manche im Beirat mit dieser Lösung.

Noch im Laufe dieser Woche will sich Thomas Hitzlsperger erneut zu Wort melden. Nachdem sich der AG-Chef bereits am Sonntag (24.01.) vor allem in Bezug auf den geleakten Esecon-Zwischenbericht verteidigt hat, will er sich nun ein weiteres Mal zu seiner Präsidentschaftsbewerbung erklären. Wird er zurückziehen oder eine weitere Breitseite in Richtung Claus Vogt abfeuern? Was wird der fünfte Akt dieses vereinspolitischen Dramas bringen? Mit Blick auf die letzten Wochen und Monate kann eine seriöse Prognose nicht abgegeben werden. Womöglich wird nicht einmal der Ablauf eines klassischen Dramas eingehalten - und der Rahmen von fünf Akten gesprengt ...