Rems-Murr-Kreis

Im Netzwerk: Wie Heiko M. aus dem Raum Waiblingen Plattformen für Rechte, Reichsbürger und „Querdenker“ schaffte

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Wer ist Heiko M., der ein riesiges Telegram-Netzwerk mit aufgebaut haben soll? © Fotos: Benjamin Büttner/Pixabay - Montage: Joachim Mogck

Dezember 2016: „Über Weihnachten überlegen sich die Volksverräter wieder neue Tricks, wie sie uns ausknocken können.“ Ein Mann mit kurzen, dunklen Haaren und Brille spricht diesen Satz in Richtung Kamera. „Nächstes Jahr muss die Merkel weg“, sagt er für das Video, das später auf Youtube landen wird. „Vernetzt euch!“

Sich und andere vernetzt hat seitdem vor allem einer: Heiko M. aus dem Raum Waiblingen, der Mann aus dem Video.

Laut einer Recherche von T-Online und dem ARD-Magazin „Kontraste“ soll ein Mann, der sich selbst „Frank der Reisende“ nennt, Hunderte Telegram-Gruppen und Kanäle aufgebaut haben – für rechte Gruppierungen, Reichsbürger-Inhalte oder „Querdenker“.  

Sein Partner beim Aufbau dieses riesigen Netzwerks soll den Recherchen zufolge ein Mann aus dem Raum Waiblingen sein: Heiko M.

Telegram-Netzwerke: „Die haben wir gebaut“

"Wenn es Heiko und mich nicht gegeben hätte", zitiert Journalist Lars Wienand aus einer Sprachnachricht von Frank, "dann gäbe es den größten Teil der Telegram-Netzwerke nicht, die haben wir gebaut."

Den Kollegen gegenüber wollte Heiko M. sich dazu nicht äußern. Wir haben ihn daraufhin angerufen.

Was „Frank der Reisende“ zurzeit mache, wisse er nicht, sagt er am Telefon. Das sei nur einer von vielen Menschen, mit denen er sich umgebe. „Ich habe den letztes Jahr zum letzten Mal gesehen.“ Videos belegen, dass die beiden 2020 mehrfach gemeinsam im Rems-Murr-Kreis und in Stuttgart unterwegs waren.

Im Gespräch mit uns streitet Heiko M. ab, am Aufbau Hunderter Kanäle und Gruppen beteiligt gewesen zu sein. „Ich habe meinen Kanal, dann habe ich noch mal zwei …“ Kurzes Schweigen am anderen Ende. „Ich komme auf die Anzahl nicht.“

„Etliche Gruppen und Kanäle hat [M.] angelegt, dann Frank dazugeholt“, schreibt dagegen der Kollege von T-Online, der sich nicht nur auf eine Analyse der Telegram-Daten, sondern auch auf Aussagen von Frank beruft. „Frank antwortete mehrfach Nutzern auf Fragen, er müsse ‚erst Heiko fragen‘“.

Wer ist der Mann, der vom Rems-Murr-Kreis aus Szenen vernetzen und demokratiefeindlichen Ideologien Reichweite verschafft haben soll? Der Mann, dessen Netzwerk offenbar vom Raum Waiblingen bis in die Schweiz reicht? Der Mann, der, wie unsere Recherchen zeigen, mit Reichsbürgern, rechten Aktivisten und Neonazis bekannt ist?

Reichsbürger-Szenen: Youtube-Interviews mit Rechtsextremen

Heiko M. ist im Rems-Murr-Kreis in der Vergangenheit im Zusammenhang mit dem Waiblinger Reichsbürger-Verein „Freiheit für Deutschland“ (FFD) in Erscheinung getreten. Zu der Organisation hatten wir vor einem Jahr umfassend recherchiert.

Noch heute sind Videos auf dem Youtube-Kanal von FFD zugänglich, in denen Heiko M. zu sehen ist – auch in Verbindung mit dem an Pegida angelehnten Bündnis „Fellbach wehrt sich“. Im Zuge unserer Recherche gab Heiko M. damals gegenüber unserer Redaktion an, nie Mitglied bei FFD gewesen zu sein. „Das ging ja eher in die rechte Richtung“, sagt er.

Eher in der rechten Richtung sind politisch auch die Menschen unterwegs, mit denen Heiko M. sich für den Youtube-Kanal des Reichsbürger-Vereins vor der Kamera zeigte.

In einem vier Jahre alten Video interviewt Heiko M. zum Beispiel Sven Liebich. Der Rechtsextremist aus Halle stand in Verbindung mit dem mittlerweile verbotenen Neonazi-Netzwerk „Blood & Honour“ und wurde vom Verfassungsschutz zeitweise als regionale Führungsfigur dieser rechtsterroristischen Organisation angesehen. Seit Jahren hält Liebich „Montagsdemos“ auf dem Marktplatz in Halle ab – Heiko M. rät im Video: „Hingehen“.

Außerdem führte Heiko M. für den Kanal zwischen 2016 und 2017 Gespräche mit folgenden Personen:

  • Mit Alois Röbosch aka „Alois von Schlesien“, dem ehemaligen Landesvorsitzenden der Republikaner in Rheinland-Pfalz

  • Mit der rechten Aktivistin Ester Seitz, die Demos mit rechtsextremen Rednern organisierte und bei „Fellbach wehrt sich“ sprach. Ihr selbst erklärtes Ziel: ein Volksaufstand, der zum Sturz der Regierung führen sollte

  • Mit Ignaz Bearth, Schweizer Rechtsextremist und zeitweise Sprecher des dortigen Pegida-Ablegers. Bearth ist heute in der Szene der „Querdenker“ und Corona-Leugner aktiv und führte kürzlich ein Gespräch mit „Querdenken711“-Oberhaupt Michael Ballweg, in dem auch Reichsbürger-Thesen zur Sprache kamen

  • Mit dem rechten Aktivisten Marco Kurz aus Kandel, der kürzlich nach „Tagesspiegel“-Informationen einen Journalisten auf einer „Querdenker“-Demo in Kassel angriff. Im März hat der Generalstaatsanwalt in Koblenz Anklage gegen Kurz erhoben, weil dieser die Präsidentin des Landgerichts Landau bedroht haben soll – mit einer Anspielung auf die Ermordung Walter Lübckes.

Doppelhochzeit: Zu Gast bei Sektenführern

Bei unserer Recherche zu „Freiheit für Deutschland“ fiel uns auf, dass es einen aktiven Kanal des Waiblinger Reichsbürger-Vereins bei Telegram gab, obwohl der Gründer beteuerte, der Verein sei nicht mehr aktiv und er selbst längst aus der Szene ausgestiegen.

Auf die Frage, wer denn dann den Kanal betreibe, auf dem Videos des rechtsextremen „Compact“-Magazins, Verschwörungserzählungen und Reichsbürger-Inhalte geteilt werden, nannte er den Namen Heiko M.

Heiko M. stritt das damals ab, obwohl Videos eines anderen, deutlich kleineren Kanals auffällig häufig ihren Weg in den FFD-Telegram-Channel fanden – die seines eigenen. Wer mehr über die Person Heiko M. erfahren möchte, wird dort fündig.

Mehrmals die Woche gibt M. auf Telegram Einblicke in sein Leben. Wo er sich aufhält, mit wem er unterwegs ist, was ihn umtreibt.

„So heiraten Promis“ ist beispielsweise ein Video vom Dezember 2019 unterschrieben. Es zeigt Heiko M. mit seinem Partner Frank auf einer Hochzeit. „Gigantisch“, schwärmt M. und fängt den menschenvollen Saal mit der Kamera ein.

Die Bilder lassen keinen Zweifel daran, wer geheiratet hatte, und auch „Frank der Reisende“ bestätigte es gegenüber den Kollegen von T-Online und „Kontraste“: Sie seien auf einer Doppelhochzeit der Sasek-Familie zu Gast gewesen.

Der Schweizer Ivo Sasek ist Oberhaupt der „Organischen Christus Generation“ (OCG), die in der Schweiz als Sekte eingestuft wird. Der Schweizer Sektenforscher Georg Otto Schmidt hatte Sasek gegenüber dem „Focus“ 2014 als Esoteriker und Weltverschwörer beschrieben.

Außerdem ist Sasek Begründer der „Anti-Zensur-Koalition“ (AZK), einer Art Forum für – wie er es nennt – „Fachstimmen aus aller Welt“. In der Vergangenheit bot er Antisemiten, Holocaust-Leugnern, Rechtsesoterikern und Verschwörungsideologen eine Bühne.

Rhetorische Distanz: Wo steht Heiko M. politisch?

Trotz seiner Verbindungen zu Akteuren wie Liebich, Sasek & Co. scheint Heiko M. in seinen Videos bemüht, keine eindeutigen politischen Äußerungen zu treffen.

M. nutzt gerne den Konjunktiv, arbeitet mit Fragen, macht Scherze. Er tritt als Moderator auf, als der Mann, der die Kamera hält. Und wirkt stets darauf bedacht, sich das Gesagte und Gezeigte nicht zu sehr zu eigen zu machen.

Wenn Heiko M. beispielsweise in einem Video in Reichsbürger-Manier von der „BRD GmbH“ spricht, gibt er nach eigener Aussage ein Gespräch wieder, das er angeblich kurz vor der Aufnahme geführt hatte.

Trotz aller Vorsicht: Nicht immer gelingt es M., rhetorisch die Distanz zu wahren. In manchen seiner Videos sagt er Sätze, die sich durchaus politisch deuten lassen.

Im eingangs erwähnten Video vom Dezember 2016 zum Beispiel sagt er: „Zeigt doch Europa mal, dass Vielfalt wirklich eine Bereicherung ist und nicht eine neue Einheits-Multi-Kulti-Rasse von diesen Euro-Rassisten, die wir hier haben.“ Ein Satz, der stark an das Konzept des Ethnopluralismus der rechtsextremen „Identitären Bewegung“ erinnert.

In einem Video von 2017 bezeichnet er eine auf dem Kopf stehende Deutschlandflagge als „richtig herum“. Diese Ansicht ist in Reichsbürger-Kreisen verbreitet, die Flagge ein Erkennungszeichen der Szene. Dazu kommt, dass Heiko M. sich auf Telegram immer wieder beim vertraulichen Beisammensein mit Reichsbürgern zeigt.

In mehreren Aufnahmen aus den letzten Monaten trägt Heiko M. außerdem einen an die Hakenkreuzfahne der Nazis erinnernden Mundschutz aus dem Shop eines bekannten Rechtsextremisten, den er bereits interviewte: Sven Liebich.

Auf Nachfrage sagt M., er sei „weder links noch rechts“, das interessiere ihn alles nicht. Dass die umgedrehte Deutschland-Flagge in Reichsbürger-Kreisen verbreitet sei, davon wisse er nichts. Er habe das mal auf einer Ausstellung in Speyer gesehen.

„Soweit ich weiß, sind die Farben Schwarz-Rot-Gold“, sagt er – und wie rum man die Flagge dann halte, sei doch letztlich egal.

Dass er die Maske des Rechtsextremisten Sven Liebich trägt, kommentiert er mit den Worten: „Für fünf Euro kann man so einen Lappen schon mal mitnehmen.“ Liebich sei für ihn außerdem ein Linksextremist. „Der ist dem Sozialismus sehr zugetan.“

QAnon: Das Schauermärchen von der Adrenochrom-Verschwörung

Ein weiteres Beispiel: Vor ein paar Monaten filmte Heiko M. sich beim Autofahren und sprach dabei über Adrenochrom. „Da könnt ihr mal googeln, da wird es einem ganz schlecht und traurig“, sagte er. „Da gelangt ihr zu den Abgründen, zu den tiefsten Abgründen unserer Gesellschaft.“

Worauf M. dabei anspielt: Im Internet finden sich unter diesem Stichwort Verschwörungserzählungen über Kinder, die angeblich von einer „Elite“ gefangen gehalten und gefoltert werden. Ziel sei es, das Stoffelwechselprodukt Adrenochrom zu gewinnen, das angeblich wie ein Jungbrunnen wirke.

Diese Verschwörungserzählungen sind Teil der „QAnon“-Ideologie, deren Anhänger in den USA schwere Straftaten bis hin zu Mord begangen haben und am sogenannten „Sturm auf das Kapitol“ maßgeblich beteiligt waren. Sie entbehren jeder Grundlage – zumal im Labor hergestelltes Adrenochrom frei verkäuflich ist.

An die QAnon-Verschwörungserzählungen über gefolterte Kinder glaube er selbst nicht, sagt Heiko M. „Wenn da was dran ist – wir haben ja so viele Reporter wie Sie –, dann müsste es dazu auch irgendwie Material geben“, sagt er. „Und ich sehe es halt nicht. Ich bin ein Mensch, der an Sachen glaubt, die er sieht.“

Wie glaubwürdig sind all diese Distanzierungen, wenn Heiko M. gleichzeitig auffällig vielen rechten und rechtsextremen Akteuren eine Plattform bietet?

Er meint: „Ich biete denen keine Plattform. Die Youtube-Videos sind lange her, und mein Telegram-Kanal hat so wenige Follower – das geht eher in den privaten Bereich.“

Corona: Bier, Nazi-Vergleiche und Tote – imaginäre wie reale

Seit einem Jahr gibt es eigentlich nur noch ein Thema auf Heikos Telegram-Kanal: die Corona-Krise.

Heiko M. sagt, dass an den Maßnahmen zur Eindämmung des Virus „wesentlich mehr“ Menschen sterben würden als am Virus selbst. Infektionszahlen nennt er „Angstzahlen“. Und schürt selbst welche: „Die ganz Bösen behaupten, dass das Virus erst mit der Impfung richtig kommt.“

„Denkt mal darüber nach, wer denn davon profitiert, von dieser Virusgeschichte“, sagt er mit einem Corona-Bier in der Hand in einem seiner Videos. In anderen macht er sich offenbar darüber lustig, dass die Straßen nicht voller Corona-Toten sind. „Seht ihr auch jeden Tag die Leichen vor eurer Haustür?“, fragt er, während er sich bei der Fahrt filmt. Wobei er so tut, als würde er herumliegenden Körpern ausweichen.

Auch auf dem Parkplatz des Rems-Murr-Klinikums in Winnenden sucht er „vergeblich […] die massenhaften Menschen, die hier an Corona sterben.“ Ein anderes Video zeigt ihn vor einer Müllverbrennungsanlage: „Hier scheint es noch relativ ruhig zu sein, das heißt also, die Krematorien sind wegen dem Virus noch nicht ganz überfordert.“

Auch den Todesfall eines bekannten Waiblingers thematisiert Heiko M. in einem seiner Videos und weckt Zweifel an dessen Todesursache.

 „Mein Kanal ist Satire“, kommentiert M. seine Aussagen uns gegenüber. „Aber es kann schon sein, wenn man Ihre Pressemeldungen verfolgt, dass sich auch ein paar wegen der Maßnahmen das Leben nehmen“. Das habe er mal gelesen.

Unter „Querdenkern“: Zwischen Waiblingen und dem Cannstatter Wasen

Vor dem Hintergrund seiner Äußerungen ist es wenig überraschend, dass er immer wieder mit der teilweise vom Verfassungsschutz beobachteten „Querdenker“-Szene in Kontakt kommt.

Videos, die er selbst veröffentlichte, zeigen, dass Heiko M. schon bei den ersten „Querdenken“-Demos auf dem Cannstatter Wasen im Mai 2020 vor Ort war. Er war seitdem unseren Recherchen zufolge auf mehreren Demos in Baden-Württemberg zugegen.  

Bei einer Demo von „Querdenken Schorndorf“ und „IBAM“ in Göppingen übernahm Heiko M. die Moderation für den Livestream des bekannten Schweizer „Querdenker“-Aktivisten Roger Bittel. Auch Anfang April, als etwa 15.000 Menschen ohne Maske auf dem Wasen das Jubiläum von „Querdenken“ feierten, war Heiko M. dabei. Sein Fazit: „Es war mega.“

„Ich bin nicht bei ‚Querdenken‘ aktiv“, sagt er dazu am Telefon. „In Stuttgart waren zwanzigtausend Leute. Und Waiblingen ist ja in der Nähe, da kann man schon mal hingehen.“

In Waiblingen besuchte M. mehrere Demos, zeigte sich danach in Videos am Lagerfeuer oder beim Trinken mit der Organisatorin und rührte auf Telegram die Werbetrommel. Ein Foto unseres Fotografen zeigt M., wie er während einer Demonstration an der Spitze des Zugs läuft und dabei einen Lautsprecher vor sich herschiebt.

Es hat den Anschein, als wären seine Bemühungen, möglichst keine politischen Aussagen zu treffen, mittlerweile offenem Aktivismus gewichen. Als würde Heiko M. ausgerechnet in Zeiten, in denen sich ein potenziell tödliches Virus rasant verbreitet, nicht mehr auf Abstand gehen.

Programmhinweis

Ein Fernsehbeitrag zur zitierten Recherche der Kolleginnen und Kollegen wird am Donnerstag (15.04.) um 21.45 Uhr im ARD-Magazin "Kontraste" ausgestrahlt.