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Tod von Tabitha E.: Rechtsextreme Hass-Kampagne gegen Bürgermeister von Asperg

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Rechtsextremisten haben eine Hass-Kampagne gegen Aspergs Bürgermeister Christian Eiberger (parteilos) losgetreten. © Gabriel Habermann

Asperg ist erschüttert, Asperg trauert. Am 17. Juli wurde die 17 Jahre alte Schülerin Tabitha E. tot aufgefunden. Polizei und Staatsanwaltschaft gehen von einem Gewaltverbrechen aus. Tatverdächtig ist ein 35 Jahre alter Syrer. Die Hintergründe sind noch unklar.

Zuvor hatte man in Asperg tagelang nach der vermissten Tabitha E. gesucht. Viele Menschen im Ort hatten sich beteiligt, hatten Aufrufe über die Sozialen Medien geteilt und mit der Familie gelitten. „Das treibt die Leute um“, sagt Aspergs Bürgermeister Christian Eiberger. „Weil alles immer so fern ist. Und plötzlich ist es so nah.“ Die Familie brauche jetzt vor allem Kraft und Anerkennung. „Wir versuchen, sie bestmöglich zu begleiten in diesem schwierigen Prozess.“

„Doppelt bitter“: Tabithas Tod wird instrumentalisiert

Mitten in dieser schweren Zeit wurde Aspergs Bürgermeister zum Ziel von rechter Hetze. Rechtsextremisten missbrauchten dabei den Tod von Tabitha E. für ihre rassistische Ideologie. „Das ist einfach nicht hinnehmbar“, sagt Eiberger. Es sei „doppelt bitter“, wenn das Leid der Familie noch für politische Zwecke instrumentalisiert werde.

Christian Eiberger will die Bevölkerung daher darüber informieren, was vorgefallen ist. Und den Hetzern die Stirn bieten. Es ist Montag, der 1. August. Eiberger sitzt umringt von einigen wenigen Journalisten in seinem Büro. „Ich habe beschlossen, dass ich mich nicht abschrecken lasse.“

Im Mittelpunkt der Ereignisse, die zur Hass-Kampagne gegen Christian Eiberger führten, stehen ein weißes Holzkreuz, die rechtsextremistische Identitäre Bewegung und ein Stadtfest im Zeichen der Trauer. Die Vorfälle zeigen exemplarisch, wie Rechte reales Leid für Hass-Kampagnen nutzen. Und wie wenig die Wünsche der Angehörigen dabei zählen.  

Stadtfest im Zeichen der Trauer: Gedenkminute für Tabitha E.

Am Samstag, 23. Juli, begann das Stadtfest in Asperg mit einer Gedenkminute für die getötete Schülerin. Mit der Familie von Tabitha E. sei das abgestimmt gewesen. „Wir wollten mit angezogener Handbremse in das Stadtfest starten“, sagt Christian Eiberger. Auch das Feuerwerk für den nächsten Abend wurde abgesagt.

Eiberger verließ nach der Gedenkminute das Stadtfest und kehrte erst am Sonntagmorgen wieder zurück. Er habe auswärts einen privaten Termin gehabt. Um 10 Uhr fand am Sonntag ein ökumenischer Gottesdienst der Asperger Kirchengemeinden statt. Der Bürgermeister entzündete eine Kerze für Tabitha.

Weißes Kreuz taucht auf: „Das hat mir nichts gesagt“

Gegen 11.30 Uhr hätten ihn dann zwei Menschen angesprochen. Am Kirchplatz sei ein Gedenkkreuz für die getötete Schülerin aufgestellt. „Das hat mir nichts gesagt, weil ich mit der Familie so verblieben bin, dass wir als Stadt nichts ohne Zustimmung machen“, so Eiberger.

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Die Michaelskirche in Asperg. Hier stand zeitweise das weiße Kreuz der Identitären Bewegung. © ZVW/Gabriel Habermann

Zu diesem Zeitpunkt sei das Stadtfest noch nicht im Gang gewesen. Zwei bis drei Leute hätten auf den Bänken gesessen, Helfer langsam mit dem Aufbau begonnen. Christian Eiberger sagt, er habe sich das Kreuz mit einer Mitarbeiterin angeschaut. „Es war einfach ein großes, weißes Kreuz.“ Die Aufschrift: „In Gedenken an Tabitha E.“. Der Bürgermeister habe sich umgesehen, aber niemanden entdecken können, der es aufgestellt haben könnte.

Kreuz zur Seite gestellt: Ein Mann filmt mit

„Dort, wo das Kreuz aufgestellt war, sollten sich die Musik-Gruppen positionieren“, sagt Eiberger. „Deswegen musste das natürlich weg, schon rein aus pragmatischen Gründen.“ Seine Idee: „Wir stellen es zur Seite, lassen es aber auf dem Kirchplatz stehen.“ Weil er beim Bauhof von Asperg niemanden erreichen konnte, habe er das Kreuz kurzerhand selbst getragen. Und wurde dabei gefilmt.

Christian Eiberger sagt, er sei dem Mann, der filmte, hinterhergelaufen. „Ich habe mit ihm gesprochen, gefragt, was sein Ansinnen war.“ Details zu diesem Gespräch möchte der Bürgermeister zum jetzigen Zeitpunkt nicht nennen. Grund dafür seien die laufenden Ermittlungen des Staatsschutzes, der sich der Sache angenommen hat.

Dubioser Vorfall: „Mir war klar – da passt etwas nicht so richtig“

Zum Zeitpunkt der Aufnahme stand das Kreuz laut Eiberger 15 bis 20 Meter von seinem ursprünglichen Standort entfernt, vor einem Holztor an der Kirche. „Wir haben es wieder hergerichtet, die Blumen hingestellt, alles so, wie es war.“ Doch das Gespräch mit dem Filmenden habe ihn nicht losgelassen. „Mir war klar – da passt etwas nicht so richtig.“ Wieder musste er eine Entscheidung treffen.

Die Familie von Tabitha E. wollte er wegen des dubiosen Vorfalls an einem Sonntag nicht stören. „Für uns war das Credo von Anfang an: Wir machen nichts, ohne es mit der Familie abzustimmen.“ Deshalb entschied Eiberger, das Kreuz hinter statt vor die Holztür an der Kirche stellen zu lassen. „Der Bereich ist wenig frequentiert, aber öffentlich zugänglich.“

Hass-Kampagne: Identitäre Bewegung bekennt sich

Wenige Stunden, nachdem das Kreuz hinter die Holztür gestellt wurde, beginnt die Hass-Kampagne gegen Christian Eiberger.

Am Sonntagabend bekennt sich die rechtsextremistischen Identitären Bewegung (IB) in einem Beitrag auf Telegram zu der Aktion. Dort veröffentlichte Bilder zeigen einen vermummten Aktivisten beim Anbringen der Gedenktafel an das Kreuz – und den Bürgermeister von Asperg, der es davontrug. Den Kopf umkreist, ein Porträtfoto und der Name daneben. Dazu der Text: „Tabitha E. – Bürgermeister entfernt Denkmal.“

Christian Eiberger vermutet, dass das Kreuz am frühen Sonntagmorgen aufgestellt wurde, vielleicht sogar Samstagnacht. In jedem Fall müssen Stunden zwischen den auf Telegram veröffentlichten Bildern liegen. Jemand müsse also in der Nähe gewartet haben „wer ihm in die Falle tappt“. Das Bild, das ihn beim Wegtragen des Kreuzes zeigt, stamme wohl aus den Filmaufnahmen.

Welle des Hasses: Martin Sellner schaltet sich ein

Noch am Sonntagabend schaltet sich auch Martin Sellner ein. Der Österreicher gilt als Kopf der Identitären Bewegung im deutschsprachigen Raum. Sellner teilt den Beitrag der schwäbischen Identitären in seinem über 60.000 Abonnenten starken Telegram-Kanal. Eine Welle des Hasses schwappt durch die Kommentarspalte. Es sollte nicht die letzte bleiben.

Am Montag, 25. Juli, informiert unsere Redaktion Christian Eiberger über die Telegram-Beiträge der Identitären. Wir erzählen ihm, was wirklich hinter dem Kreuz steckt. Eiberger spricht mit uns über seine Beweggründe, das Kreuz beiseitezustellen – und darüber, dass es noch immer öffentlich zugänglich ist. Auch die Ludwigsburger Kreiszeitung berichtet. Die Artikel finden ihren Weg in die Telegram-Kommentarspalten. Menschen fordern, ein Kreuz mit Eibergers Namen aufzustellen.

„Nach Ihrer Nachricht gab es einen Moment, wo mir tatsächlich kurz komisch wurde“, sagt der Asperger Bürgermeister. „Aber nur eine Sekunde“. Er habe sich mit dem Handy die Telegram-Beiträge angesehen, auf die wir hingewiesen hatten. „Und dann sehe ich darunter ‚Darknet – Sie brauchen Drogen? Waffen?‘ und Ähnliches.“ Hass und Waffen-Angebote, eine toxische Mischung.

Toilettenhäuschen wird Thema: „Du scheißt auf unsere Opfer“

Am Dienstag prangt eine neue Überschrift im Telegram-Kanal der schwäbischen Identitären: „Schande – Bürgermeister verbannt Tabithas Kreuz hinter Mobil-Toilette“. Dazu ein Bild des Kreuzes hinter dem Tor bei der Kirche, in dessen Nähe ein Toilettenhäuschen steht. Die nächste Hass-Welle rollt an. Strafen werden gefordert. Eine Drohkulisse wird aufgebaut. Jemand überlegt, ob man die mobile Toilette vor das Rathaus stellen kann. „Du scheißt auf unsere Opfer, wir scheißen auf dich!“

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Der Tod von Tabitha E. treibt die Stadt Asperg um. Polizei und Staatsanwaltschaft halten sich bedeckt, die Ermittlungen laufen noch. © ZVW/Gabriel Habermann

Wieder schaltet sich Martin Sellner ein. Er veröffentlicht Mailadresse und Telefonnummer des Bürgermeister-Büros. „Meine Sekretärin hat den ein oder anderen Anruf bekommen“, sagt Christian Eiberger. Nicht nur aus Deutschland. Dazu kamen Mails und Nachrichten über Facebook. „Von neutral, bis dahin, dass man die ein oder andere Strafe erwarten könne.“ Viele hätten dabei eine Grenze überschritten.

„Schaut’s euch den an“: Hetze im Livestream

Diesmal teilt Sellner nicht nur den Telegram-Beitrag, sondern macht Christian Eiberger zum Thema in einem seiner Videos. Beziehungsweise: lässt ihn zum Thema machen. Auf seinem Streaming-Kanal vertritt ihn am Dienstagabend der Identitären-Kader Friedrich Langberg. Das Video ist bezeichnend für die Instrumentalisierungsversuche der Identitären Bewegung.

„Schaut’s euch den an“, sagt Langberg an sein Publikum gerichtet. „Der Bürgermeister … wie heißt er? […] Ah genau! Christian Eiberger ist Bürgermeister von Apberg. Was ist da passiert? Der Typ hat ein Kreuz […] entfernt, das identitäre Aktivisten aufgestellt haben für, ähm, Tibitha hieß sie glaube ich.“ Wie die getötete Schülerin heißt? Wie der Ortsname lautet? Alles Nebensache.

Familie nicht kontaktiert: „Es geht nicht um die Opfer der Verbrechen“

„Es geht nicht um die Opfer der Verbrechen“, schreibt die baden-württembergische Fachstelle Mobirex, die über die extreme Rechte und angrenzende Phänomene informiert. Die grauenhafte Tat werde „für rassistische und demokratiefeindliche Zwecke instrumentalisiert“. Politiker und Migranten würden dabei als Feinde markiert, die Stimmung aufgeheizt. „Die extreme Rechte zeigt nur dann Aktivität bei Gewaltverbrechen, wenn die Tatverdächtigen nicht ihrem rassistischen und völkischen Weltbild entsprechen.“

Was dabei komplett ausgeblendet wird: die Erklärung des Bürgermeisters über seine Beweggründe. „Die Familie wurde hinsichtlich des Aufstellens des Kreuzes nicht kontaktiert“, sagt Christian Eiberger. „Eine Instrumentalisierung ist ebenso wenig gewünscht, wie sie von 99 Prozent der Bevölkerung nicht gewünscht ist.“

Hass auf dem Höhepunkt: Rechte fordern „Denkzettel“

Die rechte Hetze verlässt die Identitären-Blase. Szene-Medien wie der AfD-nahe „Deutschlandkurier“ oder „Compact“, das vom Bundesamt für Verfassungsschutz als gesichert rechtsextrem eingestuft wird, springen auf den Zug auf. Wieder gibt Sellner den Ton an, lässt sich von „Compact“ interviewen. „Größte Verachtung und größte Schande für und über diesen Bürgermeister und diese Gemeinde […]“, sagt er. „Leibesstrafe in Eigenregie durch die Einwohner“, fordert jemand in der Kommentarspalte. Die Adresse des Bürgermeisters „dürfte bekannt sein“.

Der Hass erreicht seinen – vielleicht vorläufigen – Höhepunkt. „In der rechten Filterblase wird gefordert, dem Bürgermeister einen ‚Denkzettel‘ zu verpassen“, schreibt die Fachstelle Mobirex. „Wohin das führen kann, hat man während der Migrationsbewegung 2014/2015 sehen können: Es kam zu zahlreichen Übergriffen und Anschlagen auf Geflüchtete […]. Auch Politiker*innen wie Henriette Reker oder Walter Lübcke waren Ziel von rechten Hassattacken.“ Lübcke wurde im Juni 2019 von einem Rechtsextremisten getötet.

Politiker im Visier: Anfeindungen, Angriffe, Anschlagspläne

Politiker wurden auch zuletzt immer wieder Ziel von Anfeindungen, Angriffen und Anschlagsplänen. Während der Corona-Krise gab es Demonstrationen vor Privathäusern von Bürgermeistern, bei denen in einem Fall Rechtsextremisten die Räume mit Taschenlampen ausleuchteten.  Auch vor dem Haus von Kernens Bürgermeister Benedikt Paulowitsch wurde demonstriert. Sein Name findet sich außerdem auf einem in der Querdenker-Szene beliebten Online-Pranger.

Christian Eiberger habe in der Corona-Krise keine derart negativen Erfahrungen gemacht, auch wenn die Ansprache manchmal etwas härter gewesen sei. Was er jetzt erlebe, habe eine andere „Massivität“. An einem Gespräch sei denen, die ihn jetzt kontaktieren, beleidigen und einschüchtern wollen, eher nicht gelegen. Natürlich wolle er gerne auf die Anschuldigungen reagieren. „Aber man sollte sich die Frage stellen: Will das überhaupt gehört werden?“

Dass die Rechten in ihren Videos, Artikeln und Beiträgen Erklärungsversuche des Bürgermeisters unterschlugen, obwohl sie teils nachweislich davon Kenntnis hatten, spricht nicht unbedingt dafür.

Staatsschutz ermittelt: „Hier wurde eine Grenze überschritten“

„Wir sind nicht in dieser friedlichen Blase, in der alles gut ist“, sagt Eiberger. Mit seinen öffentlichen Äußerungen wolle er auf das Problem der rechten Hetze aufmerksam machen. „Hier wird eine Grenze überschritten. Ich kann auch verstehen, dass immer mehr Leute fragen – warum soll ich mir das antun?“

Er selbst mache sich auch Gedanken über die Vorkommnisse der letzten Tage. „Aber im Endeffekt möchte ich mich da gar nicht einschüchtern lassen. In einem demokratischen Staat dürfen wir uns das nicht gefallen lassen. Man muss das nicht aushalten.“ Er setze seine Hoffnung hier auch auf die Ermittlungen des Staatsschutzes.

Gedenken an Tabitha E.: „Nur wenn es der Familie guttut“

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Christian Eiberger vor dem Rathaus in Asperg. Der Bürgermeister will sich von rechter Hetze nicht einschüchtern lassen. © ZVW/Gabriel Habermann

Nur Teile der Bevölkerung Aspergs hätten von der rechten Hetze bislang etwas mitbekommen. Auch deswegen wolle der Bürgermeister erneut an die Öffentlichkeit gehen. Schon jetzt erreiche ihn aber viel Zuspruch. Einmal habe jemand am Straßenrand angehalten und ihm zugerufen. „Herr Eiberger, lassen Sie sich nicht unterkriegen.“

Mit der Familie von Tabitha E. stehe das Rathaus weiter in Kontakt. Ob und wie der Schülerin im öffentlichen Raum zukünftig gedacht werden soll, werde mit den Angehörigen besprochen. An erster Stelle stehe bei allen Entscheidungen weiterhin: „Nur wenn es der Familie guttut, machen wir das.“

Nachtrag (2. August, 20.42 Uhr): Nach Erscheinen unseres Artikels hat der Youtuber Feroz Khan ein Video zu den Vorfällen in Asperg veröffentlicht. Er unterschlägt darin Christian Eiberbergers Motivation, mit dem Wegtragen des Kreuzes Rücksicht auf die Familie zu nehmen. Auch die Identitäre Bewegung erwähnt er mit keinem Wort. Khan wird von Rechten für seine Videos gefeiert. Er hat 132.000 Abonnenten alleine auf Youtube, Tausende weitere auf Kanälen wie Telegram, Gettr & Co. Unter dem Youtube-Video sammelt sich bereits kurze Zeit nach Veröffentlichung der Hass. Ein Nutzer wünscht sich in einer besonders drastische Gewaltfantasie, jemand würde Christian Eiberger töten, in dem er auf seinem Kopf herumspringt. Eine neue Stufe der Eskalation.