VfB Stuttgart

Darf der Vorstandsvorsitzende auch Vereinspräsident werden? Warum es aus juristischer Sicht keine Hürden für Thomas Hitzlsperger gibt

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Will Präsident des VfB Stuttgart werden: AG-Chef Thomas Hitzlsperger. © ZVW/Benjamin Büttner

Bis auf die Wortmeldungen von Ex-Präsident Wolfgang Dietrich ist im Machtkampf beim VfB Stuttgart ein klein wenig Ruhe eingekehrt. Der erste Pulverdampf ist verraucht, die beiden Streithähne, der Vorstandsvorsitzende Thomas Hitzlsperger und e.V.-Präsident Claus Vogt, sind auf Tauchstation gegangen.

Derweil läuft im Hintergrund durch den Vereinsbeirat die Prüfung der eingereichten Bewerbungsunterlagen. Besonders im Fokus steht dabei die Bewerbung von Thomas Hitzlsperger: Mit anwaltlicher Unterstützung werden die rechtlichen Gegebenheiten in Bezug auf die Vereinssatzung, das Aktien- und Gesellschaftsrecht, die DFL-Vorgaben und etwaige Interessenskonflikte überprüft.

Zuletzt war unter anderem die Frage aufgekommen, ob der Ex-Nationalspieler alle in der Satzung vorgeschriebenen Bedingungen für das Amt erfüllt. Außerdem ist fraglich, ob er gleichzeitig Vorstandschef und Präsident des Vereins sein kann. Auf Nachfrage unserer Redaktion hat der Stuttgarter Rechtsanwalt Roland Gall einen genauen Blick auf die aktuelle Situation geworfen. Hier kommen die Einschätzungen des Experten für Sport- und Gesellschaftsrecht.

Im Fokus: § 12, Abs. 7 der Vereinssatzung

Die Satzung des VfB Stuttgart 1893 e.V. befasst sich gleich in mehreren Passagen mit den Voraussetzungen für die potenziellen Präsidentschaftskandidaten. So steht beispielsweise in § 12, Abs. 7 folgender Passus:

Mitarbeiter oder Mitglieder von Organen von Unternehmen, die zu mehreren Vereinen oder Tochtergesellschaften der Lizenzligen bzw. deren Muttervereinen oder mit diesen Vereinen oder Gesellschaften verbundenen Unternehmen in wirtschaftlich erheblichem Umfang in vertraglichen Beziehungen im Bereich der Vermarktung, einschließlich des Sponsorings, oder des Spielbetriebs stehen, dürfen nicht Mitglied in Kontroll-, Geschäftsführungs- und Vertretungsorganen des Vereines sein, wobei Konzerne und die ihnen angehörigen Unternehmen als ein Unternehmen gelten. Mitglieder von Kontroll-, Geschäftsführungs- und Vertretungsorganen anderer Vereine oder Tochtergesellschaften der Lizenzligen oder eines Muttervereines solcher Tochtergesellschaften dürfen ebenfalls keine Funktionen in Organen des Vereines übernehmen.

Wer jetzt nur Bahnhof versteht, hier die Einordnung von Rechtsanwalt Roland Gall: „Der Abschnitt regelt dem Sinn und Zweck nach die Mitgliedschaft von Dritten, beispielsweise Wettbewerbern des VfB Stuttgart, in Kontroll-, Geschäftsführung - und Vertretungsorganen des Vereins, also des VfB Stuttgart 1893 e.V.“. Eine Regelung, die sich beinahe gleichlautend auch in der Lizenzierungsordnung (LO) der DFL e.V. bzw. der DFL GmbH findet. Konkretes Beispiel: BVB-Geschäftsführer Hans-Joachim Watzke darf nicht nebenher noch im Aufsichtsrat des VfB sitzen, Bayern-CEO Karl-Heinz-Rummenigge nicht auch noch Präsident des FC Augsburg sein.

Galls Einschätzung zur Situation an der Mercedesstraße ist klar: Da der VfB Stuttgart 1893 e.V. in keinem Wettbewerb zur VfB Stuttgart 1893 AG steht, darf der Vorstandsvorsitzende der AG auch Präsident des e.V. sein.

Im Fokus: § 16, Abs. 3 der Vereinssatzung

In dieser Passage der Vereinssatzung geht es um die Voraussetzungen, welche die Präsidentschaftsbewerber erfüllen müssen. Neben klar definierten formalen Kriterien (Vereinsmitgliedschaft, Kandidat muss zwischen 35 und 75 Jahre alt sein usw.) findet sich auch ein bereits viel diskutierter Abschnitt (Abs. 3 cc) zur zehnjährigen Erfahrung in wirtschaftlichen Angelegenheiten in einer hohen Managementposition:

Der Vorschlag muss qualifizierte Bewerbungsunterlagen des Kandidaten, insbesondere Nachweise darüber enthalten, dass der vorgeschlagene Kandidat über eine mindestens zehnjährige Erfahrung in wirtschaftlichen Angelegenheiten in einer hohen Managementposition oder in einer vergleichbaren Führungsposition und/oder im aktiven Leistungssport verfügt.

Die schwammig formulierte „und/oder"-Konstruktion zum Satzende ist in diesem Zusammenhang ein Streitpunkt. Rechtsanwalt Gall bringt Licht in den Paragrafen-Dschungel: „Als Qualifizierung müssen Nachweise über eine mindestens zehnjährige Erfahrung in wirtschaftlichen Angelegenheiten in einer hohen Managementposition oder, gemeint ist alternativ, in einer vergleichbaren Führungsposition oder, gemeint ist wiederum alternativ, über Erfahrung im aktiven Leistungssport, vorliegen.“

Die Einschätzung des Rechtsanwalts zur Bewerbung des 38 Jahre alten Ex-Profis Thomas Hitzlsperger, der auf eine zwölfjährige Laufbahn als Profifußballer zurückblicken kann, ist auch hier eindeutig: „Der Kandidat ist über 35 und verfügt über besondere Erfahrung im Leistungssport. Die Kriterien sind damit meiner Ansicht nach erfüllt.“

Laut Gall finden sich weder in der e.V.- noch in der AG-Satzung Hinderungsgründe für eine Kandidatur des Vorstandsvorsitzenden für das Präsidentenamt. Auch in der LO des DFL e.V. bzw. der DFL GmbH stehen nach Ansicht von Roland Gall keine Paragrafen, die einer Kandidatur von Hitzlsperger entgegenstünden.

Was ist mit der 50+1-Regel?

Mit Blick auf die sogenannte „50+1-Regel“ ergeben sich für Gall ebenfalls keine Probleme. In § 16 C Abs. 3 der Satzung des Deutschen Fußball-Bundes (DFB) wurde festgelegt, dass eine Kapitalgesellschaft nur dann eine Lizenz erhalten kann, wenn der Mutterverein mindestens 50 Prozent Beteiligung zuzüglich eines weiteren Stimmenanteils in der Versammlung der Anteilseigner (der AG) innehat - die sogenannte „50+1-Regel“. Durch eine mögliche Personalunion von Vorstandsboss der AG und Präsident des Vereins würde sich laut Roland Gall an den grundsätzlichen Stimmenverhältnissen in der Versammlung der Anteilseigner der AG nichts verändern.

Alles in allem spricht also aus juristischer Sicht nichts gegen eine Kandidatur von Thomas Hitzlsperger für das Amt des e.V.-Präsidenten. Auch der Vereinsbeirat hat inzwischen „eine positive Rückmeldung vom Frankfurter Spitzenjuristen Dr. Thomas Dehesselles (Kanzlei Winheller) in der Frage, ob der Vorstandsvorsitzende rein rechtlich neben seinem Amt bei der AG auch das der e.V.-Spitze für sich vereinnahmen dürfte“ bekommen. Das berichtet der kicker in seiner Donnerstagsausgabe (14.01.).

Drohende Interessenskonflikte

Wenn nun der Vorstandsvorsitzende der AG gleichzeitig Präsident des Vereins wird, seien Interessenskonflikte zwar „nicht völlig auszuschließen“, so Gall. Seiner Ansicht nach würde die Seite der Mitglieder aber über die dann erfolgte persönliche Wahl des Vereinspräsidenten gestärkt werden. „Und damit die Stellung des Vereins in der AG - und nicht umgekehrt.“

Weiter gibt es die von Hitzlsperger angestrebte Doppelrolle bereits bei anderen Profivereinen. „Hansa Rostock beispielsweise agiert ebenso“, sagt Gall, „es ist eine GmbH und Co. KGaA. Die Geschäftsführung der Komplementär-GmbH ist identisch zum e.V.-Vorstand.“

Allerdings könnte laut Gall die Personalverknüpfung beim VfB dem Sinn und Zweck der ursprünglichen Ausgliederung des Wirtschaftsbetriebs widersprechen: „Bei einer Insolvenz der Aktiengesellschaft könnte es über weitere wirtschaftliche Verflechtungen und Abhängigkeitsverhältnisse dann eher zu einer sogenannten Konzernhaftung kommen. Der Verein könnte dann möglicherweise mithaften oder insolvent werden.“

Die moralische Ebene

Letztlich gibt es in der aktuellen Diskussion um die Hitzlsperger-Kandidatur neben den juristischen Aspekten auch noch eine moralische Ebene. Was ist mit der klaren Ansage der damaligen Vereinsführung, dass der e.V.-Präsident auch immer den Vorsitz im Aufsichtsrat innehaben wird? Ein Versprechen, das Präsidiumsmitglied Bernd Gaiser im letzten Präsidentschaftswahlkampf noch einmal bekräftigt hatte. Im Dezember 2019 sagte der damalige Interimspräsident auf einer Veranstaltung: „Der Verein wird weiterhin eine starke Rolle in der AG wahrnehmen. Zu dieser starken Rolle gehört, dass der Präsident zugleich Aufsichtratsvorsitzender ist. An dieser Zusage halten wir fest. Auf dieses Wort können Sie sich verlassen.“

Mit seiner Bewerbung und der scharfen Attacke auf Amtsinhaber Claus Vogt hat Thomas Hitzlsperger eine emotionale Debatte losgetreten. Rein rechtlich gibt es dabei keine Hürden für die vom AG-Chef angestrebte Ämterhäufung. Es bleibt also lediglich die Frage nach den moralischen Aspekten - oder um es mit den inzwischen berühmt gewordenen Worten der Polizei Mittelfranken aus der Zeit des ersten Lockdowns zu sagen: 

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