Rems-Murr-Kreis

Querdenker-Szene: Warum Ex-Wirt Stefan Schmidt nach Sachsen in den "Widerstand" geht

Stefan Schmidt Die Basis Querdenker Alfdorf
Stefan Schmidt war in der regionalen Querdenker-Szene laut und präsent. Notfalls mit Hilfe eines Megafons. © ZVW/Benjamin Büttner

Er war eine der prägenden Figuren der hiesigen Querdenker-Szene: der ehemalige Alfdorfer Gastwirt und Basis-Politiker Stefan Schmidt. Bekannt wurde er vor allem durch seine Dauer-Demo in Schwäbisch Gmünd, wo er über Monate hinweg täglich gegen die Maßnahmen zur Eindämmung des Coronavirus protestierte.

Nun will der „Rebell vom Leinecksee“ nach eigenen Angaben seinen „Lebensmittelpunkt“ nach Sachsen verlagern. Offenbar in den Erzgebirgskreis. „Auswandern light“, nennt er das. Was ihn dazu bewogen hat – und warum die Geschichte seiner Radikalisierung exemplarisch für den Weg vieler Köpfe der Querdenker-Bewegung steht.

Traditionshaus am Leinecksee: Existenzsorgen eines Gastronoms

„Meine Frau und ich betreiben seit über 25 Jahren das Restaurant Seehof am Leinecksee. Das liegt bei Alfdorf.“ Mit diesen Worten stellte sich Stefan Schmidt Mitte Juli 2020 bei einer Demonstration von „Querdenken 718 Schorndorf“ vor. „Es wird sehr viele Betreiber geben, die diese Krise nicht überleben werden.“

Schmidt beklagte damals, dass ihnen durch die Corona-Maßnahmen ein erheblicher Teil der Einnahmen aus dem Catering-Geschäft fehle. Die Schuld daran gab er der „Panikmache“ von Politik und Medien. „Am Anfang gingen wir ja noch davon aus, dass die Politik aus Vorsicht so reagierte. Mittlerweile wissen wir aber: Es handelt sich um Vorsatz.“

Diese Behauptung einer angeblichen Verschwörung fasst das Bild, das Stefan Schmidt von Politikern verbreitet, perfekt zusammen. Auch wenn der Ton mit der Zeit noch deutlich schärfer, und die Angriffe persönlicher wurden.

Bitte keine Maske tragen: Kontroverse um Seehof-Restaurant

Zuallererst entzündete sich die Kontroverse um seine Person aber weder an Auftritten im Rahmen von Querdenker-Demos, noch an seinen Äußerungen. Auslöser war stattdessen ein Aushang im Eingangsbereich des Seehof-Restaurants, auf dem zwei Worte in Großbuchstaben hervorgehoben waren: Keinen Mundschutz.

Gästen wurde in einem kurzen Text zu verstehen gegeben, dass das Personal einen fehlenden Mund-Nasen-Schutz kommentarlos hinnehmen würde. Nach der damals gültigen Corona-Verordnung war eine Ausnahme von der Maskenpflicht aus “sonstigen Gründen“ möglich, eine Überprüfung dieser Gründe oblag der Ortspolizeibehörde. Rechtlich also im Rahmen.

Der Alfdorfer Bürgermeister Ronald Krötz sagte damals, das sei ein „indirekter Aufruf, die Verordnung zu ignorieren“. Und weiter: „Wenn jeder diesen Weg geht, Schlupflöcher zu finden, die zwar rechtlich korrekt sein mögen, dann werden wir sehr schnell wieder einen Lockdown bekommen.“

Polizei und Protest: Vom Gastredner zum Dauer-Demo-Organisator

Die Diskussion um den Umgang des Restaurants mit der Maskenpflicht – alle Mitarbeiter waren per Attest davon befreit – zog sich über Wochen und mehrere Änderungen der baden-württembergischen Corona-Verordnung hin. Parallel dazu sorgte im November 2020 ein Polizeieinsatz beim Seehof für Aufsehen.

Die Polizei gab damals an, eine Veranstaltung von rund 130 Personen wegen gravierender Verstöße gegen die Corona-Verordnung aufgelöst zu haben. Schmidt hielt dagegen, die Polizei habe mit ihrem Auftreten erst provoziert, dass Abstände nicht eingehalten worden seien. Der Fall landete vor dem Waiblinger Amtsgericht, der zuständige Richter konnte kein rechtswidriges Handeln erkennen. Das Verfahren wurde eingestellt.

Stefan Schmidt machte aber nicht nur als Restaurantbetreiber von sich reden. Er war schon früh im Umfeld der „Querdenken“-Bewegung auf Demonstrationen aktiv, nicht erst seit seinem Besuch beim Schorndorfer Ableger im Sommer 2020. Schmidt sprach im Laufe des Jahres auf Bühnen, koordinierte einen Protestzug durch Alfdorf und rief eine Dauer-Demonstration in Schwäbisch Gmünd ins Leben.

Über Wochen hinweg demonstrierte Stefan Schmidt daraufhin täglich auf dem Marktplatz von Schwäbisch Gmünd. Im Januar 2021 forderte er beispielsweise unter dem Beifall von 60-70 Leuten die „sofortige Rücknahme aller Corona-Maßnahmen“. Währenddessen kämpfte im Stadtteil Wetzgau ein Altenheim gerade mit einem verheerenden Corona-Ausbruch. Die traurige Bilanz: 22 Tote.

Wir 2020 und Die Basis: Für Querdenker-Parteien auf Stimmenfang

Auch in die Politik zog es Schmidt: Im November 2020 wurde er zum Landtagskandidaten für die Querdenker-Partei „Wir 2020“ gewählt. Die Partei war vom prominenten Querdenker-Arzt Bodo Schiffmann gegründet worden, der bis heute immer wieder mit radikalen Äußerungen bis hin zu Umsturzfantasien auffällt.

Demo Alfdorf
Protestzug durch Alfdorf mit Fackeln und weißen Overalls. Auch dabei: Schmidts Megafon. © ALEXANDRA PALMIZI

Aus der Landtagskandidatur wurde nichts, stattdessen schloss Schmidt sich einer anderen Querdenker-Partei an: Die Basis. Auf der Partei-Website sagt er über sich: „Ich bin seit April letzten Jahres aktiv im Widerstand gegen das Corona-Regime und die sich anbahnende Diktatur.“

Im Juli erreichte er als Basis-Kandidat für das Oberbürgermeisteramt in Aalen ein Prozent der Stimmen. Bei der Bundestagswahl holte er im September im Wahlkreis Backnang-Schwäbisch Gmünd für seine Partei 2,7 Prozent.

Feindbild Politik: Die Aussagen werden radikaler

Sein eigenes politisches Engagement änderte nichts an Schmidts Umgang mit Politikern und Behörden. Im Gegenteil: Umso weiter die Corona-Krise voranschritt, umso mehr Demo-Erfahrung er sammelte, umso radikaler wurden seine Äußerungen.

Einen Mitarbeiter einer Waiblinger Behörde nannte Schmidt im Dezember 2020 eine „kleine Beamtenseele“, einen „Feind der Demokratie“, einen „Schreibtischtäter“. Der Mann und seine Familie wurden daraufhin angefeindet.

Heute hört Stefan Schmidt sich so an: „Wir werden von einer bösartigen, mit hoher krimineller Energie handelnden Politikerkaste regiert, die nicht vor den abstrusesten Maßnahmen zurückschreckt und vor allem die Zukunft unserer Kinder massiv und vorsätzlich schädigt und zerstört.“

Bei seiner Abschiedsrede in Schwäbisch Gmünd griff Schmidt Mitte Oktober auch zwei Politiker namentlich an, die er offenkundig seit längerem zu seinen Feindbildern zählt: Dr. Joachhim Bläse, Landrat des Ostalbkreises, und Richard Arnold, Oberbürgermeister von Schwäbisch Gmünd.

Bläse warf er „faschistisches Verhalten“ vor, Arnold nannte er einen „Zeuge[n] Coronas“ der „Kinder quälen lässt“. Dazu stellte Schmidt die Frage: „Würden Sie Andersdenkende auch in Lager deportieren zum Wohle der Volksgesundheit?“

Weder der Landrat noch der Oberbürgermeister wollten sich auf Nachfrage zu Schmidts aktuellen Aussagen und dessen zurückliegenden verbalen Angriffen äußern.

„Auswandern light“: Auflösungserscheinungen in der Querdenker-Szene

Was war nun der Grund für Stefan Schmidts Entscheidung, die Region zu verlassen und nach Sachsen zu gehen? Und wird er seinen Protest und sein politisches Engagement im Erzgebirge fortführen?

Seit längerem sind Auflösungserscheinungen innerhalb der Querdenker-Szene zu beobachten. Der Verfassungsschutz hat ein Auge auf die Demokratiefeinde geworfen, Behörden gehen stärker gegen Demonstrationen vor, der Einfluss schwindet. Führende Köpfe haben sich bereits ins Ausland abgesetzt.

Stefan Schmidt hat sich dagegen für ein „Auswandern light“ ins Erzgebirge entschieden, wie er im Interview mit einem Querdenker-Aktivisten aus dem Raum Waiblingen sagt. „Die Leute sind dort einfach etwas widerstandsfähiger und robuster“, so Schmidt. Die Sachsen seien „alle sehr aufgewacht“, dort werde er „sicherlich eine Heimat finden“, wo er sich „entfalten“ könne. Er selbst werde „weiter in den Widerstand gehen gegen dieses Corona-Regime“.

Freistaat Sachsen: Ein Paradies für Corona-Leugner?

Sachsen hat in der Szene einen Ruf als paradiesische Enklave für Querdenker. Das hat vor allem mit den Bildern zu tun, die im Frühjahr auf Telegram und anderswo die Runde machten: Videos zeigten den sächsischen Ministerpräsidenten, der vor seinem eigenen Haus von Corona-Leugnern und Reichsbürgern bedrängt wurde.  

Auch Schmidt verstärkte diesen Eindruck, als er vor wenigen Tagen auf Telegram schrieb: „43,5 Prozent Impfquote im Erzgebirgskreis (doppelt geimpft) – weniger geht nicht in Deutschland. […] Das heißt die Geimpften sind deutlich in der Minderheit.“ Tränenlach-Emojis. „Bis jetzt alles sehr entspannt im Freistaat Sachsen.“ Schmidt scheint also schon vor Ort zu sein.

Die Corona-Proteste im Freistaat werden im Vergleich zu denen in Baden-Württemberg von Experten als radikaler eingeschätzt. In Sachsen sei es Rechtsextremisten gelungen, die Querdenker-Szene stark zu dominieren, sagte Journalist Matthias Meisner kürzlich im Interview mit unserer Redaktion.

Haben auch Kontakte Schmidts zur Querdenker-Szene in Sachsen bei der Entscheidung zum Umzug eine Rolle gespielt? Eine Nachfrage ließ er unbeantwortet. Auffällig ist aber, dass Schmidt schon vor der Bekanntgabe seiner Exil-Entscheidung auf Telegram Beiträge der „Freien Sachsen“ verbreitete.

Freie Sachsen: Rechtsextremisten unter sich

Die Freien Sachsen haben sich im Februar 2021 im Erzgebirge gegründet. Sie begreifen sich als „ein Zusammenschluss von Initiativen, die sich aktuell vor allem den Corona-Zwangsmaßnahmen entgegenstellen“ und prägen seitdem die Protest-Szene vor Ort. Sie fordern unter anderem eine eigene Verfassung für Sachsen – notfalls als Folge eines Austritts aus der Bundesrepublik Deutschland, dem „Säxit“.

Wie diese Verfassung aussehen könnte, zeigt ein Blick auf die Website der Freien Sachsen. Zu den zentralen Punkten zählen dort neben den Säxit: Steuersenkungen, Abschaffung der Schulpflicht, keine „Sozialleistungen für Zugewanderte“, Förderung von Bürgerwehren statt Ausbau der Polizei. Und der Satz: „Das sächsische Königshaus ist bei der Gestaltung der Zukunft Sachsens angemessen einzubinden.“

Die Freien Sachsen werden vom Landesamt für Verfassungsschutz (LfV) im Freistaat bereits mit nachrichtendienstlichen Mitteln beobachtet. LfV-Präsident Dirk-Martin Christian sagte dazu: „Auch wenn sie in der Öffentlichkeit vordergründig den Corona-Protest thematisieren und sich in diesem Zusammenhang als ‚Kämpfer für die Freiheitsrechte‘ darstellen, handelt es sich bei ihnen um eine rechtsextremistische Organisation.“

Vorsitzender der Partei ist der Anwalt Martin Kohlmann. Er war sächsischer Landesvorsitzende der rechtsextremen Kleinstpartei „Die Republikaner" und vertrat vor Gericht beispielsweise die Rechtsterroristen der „Gruppe Freital“.

Für die Landratswahl 2022 im Erzgebirgskreis haben die Freien Sachsen außerdem das lokale Aushängeschild einer anderen rechtsextremen Kleinpartei zu ihrem Kandidaten gewählt: den NPD-Kader Stefan Hartung.

Neuer Wind am Leinecksee: „Ich nehme Corona sehr ernst“

Die regionale Querdenker-Szene hat mit Stefan Schmidt nicht nur einen ihrer führenden Aktivisten, sondern auch einen wichtigen Treffpunkt verloren. Denn während Schmidt Rechtsextremisten eine Plattform bietet und über die niedrige Impfquote im Erzgebirge jubelt, weht in seinem ehemaligen Restaurant in Alfdorf nun ein gänzlich anderer Wind.

Die neuen Besitzer Sedat Güragac und Debora Parra haben den Gastronomiebetrieb im Sommer wiederaufgenommen. Güragac war selbst mit dem Coronavirus infiziert, sein Vater ist infolge einer Covid-19-Erkranung gestorben. „Ich nehme Corona sehr ernst, daher möchte ich die bestmögliche Sicherheit für unsere Gäste anbieten“, sagte er unserer Redaktion im Gespräch. Die Mitarbeiter des Seehofs wurden größtenteils übernommen – und tragen nun, wenn nötig, Maske.

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